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Full text of "Auszuege aus der Moraltheologie des Heiligen Alphonsus Liguori"

Ausziige 

aus der 

yon den Papsten Gregor XVI., Pius IX. und Leo XIII. als Norm fiir 

die romische Kirche sanktionirten 

Moral the'ologi e 

des 

Heiligen Dr. Alphonsus Maria de Ligttori 

und die 

furchtbare Gefahr 

dieser Moraltheologie 
fiir die 

Sittlichkeit der "Volker 

von 
Robert GSrassinann. 

356— 358*H Tausend. 

Nach den handschriftlichen Notizen des Verfassers und dem 
Erkenntniss des Niirnberger Landesgerichts vom 16. Marz 1901 

von 

Dr. 0. Grassmann-Stettin. 

[Umgearbeitete Ausgabe. 

AlsJManuskript gedruekt 

fiir Staatsmanner, Eichter, Offiziere, Geistliche, Lehrer, Familienvater 

und religiose Vereine. 

. 1 » *~^ -C& ^~- * " > — — 

Robert Grassmanns Verlag. 

STETTIN. 

1909. ' 

Druck von R. Grassmann. 



Ei-nleitung. 

Selten haben zwei Schriften so grosses Aufsehen gemacht, wie 
Robert Grassmann's fl AuszUge aus der Moraltheologie des Heil. Alphons 
Maria von Liguori" .*) und Graf Paul von Hoensbroech's „Ultramontanes 
zur lex Heinze".**) Selten sind wohl zwei Bttcher dem Ultramontanismus 
so ein Dorn im Auge gewesen, wie diese zwei Schriften, welche sich nicht 
gegen die katholische Konfession als solche, sondern nur allein gegen die 
Richtung des jesuitisehen Ultramontanismus in ihr richten und die, so 
verschieden sie auch in Anlage und Durchflihrung sind, doch da's Eine 
gemeinsam haben, dass sie dem jesuitisehen Ultramontanismus mit seinen 
eigenen Schriften. den sogenannten Moraltheologien, zu Leibe gehen. 
Aber wahrend Graf Paul von Hoensbroech sich mehr mit der augen- 
blicklich in ultramontanen Seminaren am meisten gebrauchlichen Theologia 
morahs des hollandischen Jesuiten Lehmkuhl beschaftigt und aus ihr seine 
8charfen Pfeile gegen den Ultramontanismus schneidet, hat Robert Grass- 
mann sich fast ausschliesslich dem eigentlich klassisehen Hauptwerke unter 
diesen Schriften, der Moraltheologie des Liguori, zugewandt und nur an 
wenigen Stellen andere jesuitische Schriften citirt, darunter noch am meisten 
die Gury'schen Casus conscientiae und das Compendium Theologiae moralis 
desselben Verfassers. 

Man hat sich darUber gewundert, dass Robert Grassmann nicht mehr 
auch auf andere ahnliche Schriften eingegangen ist, dass er, wie Dr. phil. 
Paul Schreckenbaeh***) sich ausdrttckt, fast ausschliesslich „auf Liguori 
herumreitet". Aber dieser Umstand erklart sich aus der Entstebungs- 
geschichte der BroschUre selbst. Als namlich Robert Grassmann wegen 
einzelner Behauptungen in seiner Schrift „Briefe an Seine Heiligkeit den 
Papst" vor dem Stettiner Landgericht angeklagt war, erbot er sich, 
filr alle diese Behauptungen den Wahrheitsbeweis anzutreten, und lieferte 
dem Stettiner Landgerichte zum Beweise dessen zunachst Auszttge aus den 
oben erwahnten Gury'schen Schriften, aus Lehmkuhl und andern neueren 
jesuitisehen Schriftstellern. Es wurde aber der Einwand erhoben, dass 
diese Schriftsteller mit ihren einzelnen Lehren und Behauptungen doch 
nicht von autoritativer Seite kirchlich anerkannt seien, sondern lediglich 
ilrfe eigene personliche Ansieht vertraten. Da erbot sich Robert Grass- 
mann, diesen selbeii Wahrheitsbeweis ' auch aus einem andern Schrift- 
steller, dem Alphons Maria de Liguori, zu erbringen, der nicht nur selbst 

v — s — — 

*) Verlag von R. Grassmann, Stettin 1894. 
**) Verlag von A. Haack, Berlin 1898. . • 

••*) Dr. phil. Paul Schreckenbaeh, RomUehe Moraltheologie and dae sechcU 
Gebot. Verlag von D. B. Wiemann, Barmen 1901. 



6 Einleitung. 

1. die Phantasie der Priester durch den sexuellen Unrath befleokt 
wird, der sich in dieser bez. in ahnlichen jesuitischen Moral- 
theologien findet; 

2. dass der Priester nach diesen Moraltheologien berechtigt und 
unter Umstanden sogar verpflichtet ist, mit Frauen und Madchen 
in der Beichte ttber Dinge zu sprechen, die kein anstandiges 
Weib in den Mund nimmt, und tiber solche Dinge siezufragen; 

3. dass die romische Kirche zwar dem Priester verbietet, in der 
Beichte Unzucht zu treiben, und verlangt, dass die Beichtkinder 
einen derart unziichtigen Priester anzeigen ; dass die Moraltheologien 
Liguori's, Gury's und anderer dagegen den Priestern Auswege 
eroffnen, durch die das Gebot der Kirche umgangen werden kann, 
so dass sie straflos bleiben; 

4. dass die auf Grund der Liguori'schen und ahnlicher Moral- 
theologien eingerichtete Beichtpraxis eine tiefe Entsittlichung des 
weiblichen Geschlechtes und des Klerus zur Folge hat, 

in irgend welcher Weise zu entkraften. 

Das haben die Ultra montanen auch selbst gefiihlt, und deshalb sich 
nicht begniigt, die Grassmann'sche Broschflre wissenschaftlich und ora- 
torisch zu, bekampfen, sondern, da es immer am bequemsten ist, den 
Gegner einfach mundtodt zu machen, nach dem Staatsanwalt gerufen. 

,■■ Es ist ihnen auch gelungen, dass die Broschtire in Oesterreich kon- 
'Hscivt ist, ohne dass ihnen dadurch allerdings die Sitzung des oster- 
reichischen Abgeordnetenhauses vom 23. Februar 1901 — die sich fast 
ausschliesslich mit dieser Moraltheologie des heiligen Alphons von Liguori 
beschaftigte — erspart geblieben ware. 

Auch in Deutschland haben sie gethan, was sie zu thun vermochten. 
Das Stettiner Landgericht, dem Grassmann als in Stettin wohnend sonst 
unterstand, sah sich zu einem Einschreiten allerdings nicht veranlasst 
Dagegen wurde auf Grund einiger in Niirnberg vorgefundenen Bxemplare 
der Grassmann'schen Broschtire ein Verfahren bei dem NUrnberger Landes- 
gerieht eroffnet. Aber durch Beschluss der III. Stiafkammer desselben 
Gerichtes vom 8. Juni 1900 wurde auch hier Robert Grassmann hin- 
sichtlich der Anschuldigung eines Vergehens wider die Religion unter 
Ueberbiirdung der Kosten auf die Staatskasse ausser Verfolgung gesetzt, 
da hinreichende Anhaltspunkte fiir das Vorliegen subjektiven Verschul- 
dens bei Grassmann nicht erbracht seien. Die von der Konigl. Staats- 
anwaltschaft gegen diesen Beschluss eingelegte sofortige Beschwerde wurde 
durch Beschluss des Konigl. Obersten Landesgerichts in MUnchen vom 
12. Juni 1900 verworfen und dieser Theil des Nurnberger Urtheils damifc 
rechtskraftig. Grassmann blieb also personlich ausser Verfolgung. Dagegen 
glaubte das Konigl. Nurnberger Landesgericht, dass „objektiv« insbesondere 
in neun von der Konigl. Staatsanwaltschaft in Ntirnberg aufgefuhrteii 5 
Satzen der 8. Auflage, — die tlbrigens in den spateren Auflagen voii 
Grassmann selbst zum Theil bereits umgeandert waren, — die romisch- 
katholisehe Kirche und Einrichtungen derselben" offentlich beschimpft seien. 



' , ■ Einleitung. 7 

Es wurde daher ein sogenanntes „objektives" Verfahren eingeleitet, das 
im wesentlichen auf Unbrauchbarmachung der noch im Besitze des Ver- 
fassers und Verlegers befindlichen Exemplare und der dazu gehorigen 
Druckplatten und Formen hinausging. Dies Verfahren durchlief sehr ver- 
schiedene Stadien. Das erste Urtheil des KSnigl. Nilrnberger Landes- 
gerichts wurde durch Urtheil des Reichsgerichts vom 24. Januar 1901 
wieder aufgehoben. Erst das zweite Urtheil des Konigl. Nilrnberger 
Landesgerichts vom 16. Marz 1901 wurde durch das Urtheil des Reichs- 
gerichts vom 10. Juni 1901 bestatigt. 

Das Konigl. Nurnberger Landesgericht kam zu seinem Urtheil dadurch, 
dass es annahm, dass in den ersten Auf lagen der Grassmatfn'sehen 
Broschttre mehrere der Liguori'schen Satze und die daraus gezogenen 
Folgerungen auf die ganze romiseh-katholische Kirehe ausgedehnt und 
bezogen seien, dass die Broschttre — um mit dem Reichsgericht zu 
reden — also die Moraltheologie des Liguori nicht einfach wiedergiebt 
und bespricht, sondern sie zugleich ohne zwingenden Anlass zum Aus- 
gangspunkte fttr Angrifie gegen die „r8misch-katholische Kirehe als solche" 
nimmt. Die Moraltheologie des Liguori — sagt das Konigl. Nttmberger 
Landesgericht — entbehrt des dogmatischen Charakters, ihr Inhalt ist des- 
halb auch keine Kirchenlehre. Die Dekrete, durch welche Liguori zum 
Kirchenlehrer erhoben und seine Moral empfohlen wurde, sind keine Ent- 
scheidungen der Papste Pius IX. und Leo XIII. ex cathedra gewesen. 
Deshalb kann auch nicht davon gesprochen werden, dass die Kirehe fu* 
die Moraltheologie des Liguori haftbar gemacht werden mttsse. 

Wir wollen hier nicht auf eine Kritik des Urtheils des K6nigl. 
Nilrnberger Landesgerichts eingehen. Wenn dasselbe aber so die Dekrete- 
der Papste Grregor XVI., Pius IX. und Leo XIII. als ziemlich bedeutungs- 
los hinzustellen scheint, so ist die ilbrige Welt tiber das Zutreffende 
dieser Auffassung doch sehr getheilter Ansicht. Und das umsomehr, 
als nicht nur der Jesuit Lehmkuhl gegen jene Auffassung als „freundliehe 
Umdeutung" protestirt und meint, dass die offizielle Kirehe durch ihre 
Pftpste auch die Methode Liguori's mit ihrer Autoritat decke- (vergl. 
S. 90), sondern auch gleich der unmittelbare geistliche Oberhirte des 
Nilrnberger Landesgerichts, der Erzbischof von Bamberg, in seinem am 
11. April 1901 erlassenen Hirtenbriefe die Auffassung des Konigl. Nilrn- 
berger Landesgerichts offenbar Lilgen zu strafen scheint, indem er seinen 
Pflegebefohlenen mittheilt: 

„dass in der Moraltheologie des heiligen Alphonsus von Liguori 
„den Beichtvatern Anleitung gegeben wird, das heilige 
„Busssakrament richtig und gut zu verw-a.lten" _ 
and dann entziickt ausruft: 

„Die herrlichsten Sittenvorschriften, die bewundernswUrdigste 
„ Anleitung zu einem heiligen und sittlichen Leben sind der Inhalt 
„dieses Buches, dessen Verfasser selbst ein Heiliger war. P&pste, 
„Bi8ch8fe, Professoren der .theologischen Fakultaten, Manner der 
„Wissenschaft haben dies Werk gelesen. Keiner hat es 



8 Einieitung. 

„beanstandet. Ja, die Kirche hat sogar den Verfasser dieser 

„Moraltheologie, desseD Schriften Schatze heiliger Lehren ent- 

„halten, heilig gesprochen und unter die Lehrer der Kirche 

„aufgenommen. Jedem anstandigen MenscheD mflssen deshalb 

„die Angriffe gegen diesen Heiligen die Rothe der EntrUstung ins 

„Gesicht treiben, sie mttssen ihn mit Schmerz darilber 

„erftillen, was man der katholischen Kirche heute zu 

„bieten wagt!" 

Weshalb denn letzteres, wenn der Erzbischof von Bamberg nicht 

seinerseits die katholische Kirche mit der Moraltheologie des Liguori der- 

massen identifizirte, dass er die Angriffe auf Liguori als etwas bezeichnet, 

was man der katholischen Kirche als solcher zu bieten wagt? Aber 

vielleicht hat auch dieser Erzbischof in dem Hirtenbriefe wieder nicht 

ex cathedra gesprochen! Bezeugt nicht aber ebenso auch die katholische 

„Neue Bayrische Landeszeitung", dass Liguori immer noch dadurch von 

ungeheurer Bedeutung ist; dass er es ist, der auch heute noch fast aus- 

sehliesslich den Beichtstuhl beherrscht! 

Doch lassen wir das alles auf sich beruhen, mischen wir uns nicht 
in die Differenzen zwischen dem Konigl. Niirnberger Landesgerichte und 
dem Erzbischof von Bamberg oder andern kirchlichen Autoritfiten ! Folgen 
wir einmal ganz den Ansichten des erstern, die ja durch das Reiehs- 
gerichtserkenntniss vom 10. Juni 1901 wenigstens fur die deutsche Recht- 
sprechung als definitiv massgebend und rechtsgtiltig anerkannt sind, und 
beschaftigen wir uns daher nur mit dem, wogegen auch das Konigl. 
Niirnberger Landesgericht nichts haben kann. Geben wir also in den 
folgenden Auflagen der Grassmann'schen BroschUre nur die Moraltheologie 
des Liguori selbst wieder und besprechen wir allein diese! 
Ob wohl der Ultramontanismus dabei etwas gewinnt? 
Wir glauben es nicht! Denn das Sensationelle an der Grass- 
mann'schen Broschilre sind nicht etwa die von dem Verfasser anfanglich 
auf die rOmjsch-katholische Kirche gezogenen Schlussfolgerungen, nicht 
irgend welche Verallgemeinerungen, sondern allein die Auszttge aus 
der Moraltheologie des Liguori selbst und ihre Ueber- 
setzung in ein gemeinverstandliches Deutsch! Und diese 
Ziehung an das Tageslicht kann auch durch das Niirnberger Urtheil 
nicht gehindert werden und wird auch thatsachlich durch dasselbe nicht 
beanstandet. Die Hauptsache der Grassmann'schen Broschiire bleibt 
daher nach wie vor bestehen! Der Jesuitismus und Ultramontanismus 
hat daher keine Ursache, tiber das Niirnberger Urtheil ein hesonderes 
Triumphgeschrei zu erheben. 

Und das auch noch aus andern Ursachen nicht! 
Ursprtinglich hat man namlich nach beliebter ultramontaner Weise, 
pffenbar auch noch aus einem andern Motive nach dem Staatsanwalt 
gerufen und Grassmann auch noch wegen Vergehens gegen § 184 Abs. 1 
des Reichsstrafgesetzbuches denuncirt, wenigstens hatte der Kflnigl. Staats- 
anwalt in Niirnberg zunachst auch deswegen Sfifentliche Klage erhoben. 



EinJeitung. 9 

Er hielt aber sehr bald diesen Theil der Klage selbst nicht mehr auf- 
recht, wie es in dem Ntlrnberger Urtheil heisst, „aus subjektiven in der 
Person des Verfassers liegenden Grttnden". Und wie hatte dieselbe auch 
aufrecht erhalten werden konnen, da es dem Verfasser doch nicht um die 
Verbreitung, sondern umdenKampfgegen Unzflchtigkeiten zu thun war. 

Das halt aber natllrlich Prinz Max von Sachsen und einige seiner 
Helfershelfer, die Keller, Seidl etc. nicht ab, auch in den neuesten Auf- 
lagen ihrer Gegenbroschttren yon Pornographie, Aergerniss und Obsconi- 
taten zu reden. Sehr richtig aber antwortet darauf Graf Paul von Hoens- 
broech: 

„Das Aergerniss giebt nicht der Uebersetzer, sondern 
„der Verfasser solcher Obsconitaten."*) 

1st daher Aergerniss gekommen, so mttssen Prinz Max von Sachsen, 
die Keller, Seidl etc. sich an Liguori selbst bez. an die Ubrigen Verfasser 
jesuitiseher Moraltheologien und nicht an deren Uebersetzer halten! 

Freilich seufzen Prinz Max von Sachsen und nach ihm die Keller, 
Seidl etc., diese Sehriften seien doch eigentlich „Geheimbucher". Er, 
Prinz Max, habe z. B. das Buch Liguoris nur dem Namen nach gekannt, 
er habe nur Lehmkuhl's vorzttgliche (!) Theologia moralis gelesen 
und fUr den Gebrauch benutzt. Aber hat nicht Graf Hoensbroech in 
seiner vortrefflichen Schrift „Ein Beitrag zur Liguori-Moral' 1 (A. Haack, 
Berlin 1901) gerade an diesem, vom Prinzen Max empfohlenen Lehm- 
kuhl nachgewiesen, dass er auch nicht um ein Haar besser als Liguori 
ist, dass vielmehr ebenso wie Liguori auf dem Jesuiten Busenbaum wurzelt, 
der Jesuit Lehmkuhl wieder ganz auf Liguori aufbautl Und wozu in einer 
religiSsen Richtung, die das Licht nicht zu scheuen braucht, ttberhaupt 
Geheimbtteher? Und wenn Prinz Max und sein Gefolge weiter klagt: 
diese Bttcher sind doch „nur lateinisch geschrieben" — so ist das — 
von allem andern abgesehen — nicht einmal richtig 1 Diese Moraltheo- 
logien existiren vielmehr in alien modernen Sprachen, in Deutsch, 
Franzosisch, Englisch u. s. w. Und wenn Prinz Max, die Keller, 
Seidl etc., um den Geheimcharakter dieser Bttcher nachzuweisen, weiter 
seufzen: diese Bttcher sind ja „nur fttr Geistliche geschrieben". Ja — 
so ist dieser Stossseufzer ja allerdings leicht verstandlich! Die Herren 
ftirchten eben, dass die Laienwelt nach genommener Kenntniss von diesen 
Bttchern sich von einer derart mit Abscheulichkeiten geftitterten jesuitisch- 
ultramontanen Geistlichkeit bald und sicher abwenden dttrfte. Aber 
wenn auch die Moraltheologien ausschliesslich ftlr Geistliche, d. h. fttr 
die jungen Theologie Studirenden bestimmt sind, genttgt es — um wieder 
mit Graf Hoensbroech zu reden — etwa nicht, um das jesuitisch-ultra- 
montane System zu verurtheilen, dass es den Geist seiner Kerntruppen 
mit solchen unerhorten Obsconitaten erfttllt? Genttgt es nicht zu einer 
vollstandigen Verurtheilung, dass dies System in seinen Lehrbttchern 
einen solchen Unrath offiziell mit sich ftthrt! 



*) Am angeftthrten Orte. 



10 Kinleitung. 

Und sind diese Obsebnitaten gerade nach der Moraltheologie de» 
Liguori nicht doch dazu bestimmt, schliesslich durch Fragen und Erlaute- 
rungen des „Beichtvaters« ihTen Weg zu flnden in die Herzen der zahl- 
losen Millionen, die diesen jesuitiseh eingerichteten -Beichtstuhl" iahrlich 
aufsuchen? 

Ja, Bind denn diese Bttcher wirklich Geheimbttcher, nur i'llr das 
Studium der Geistlichen selbst bestimmt? Wird nicht Prinz Max und 
sein Gefolge durch seine Heiligkeit den Papst Pius IX. ernes bessern 
belehrt, der wenigstens in Bezug auf Liguori in dem Seite 19 mitgetheilten 
Schreiben bestimmt, ' 

„dass die BUeher dieses Doktors offentlich in Gymnasien, 
„Academien, Schulen, Collegien, Vorlesungen , Disputationen, 
„Interpretationen, Kirchenversammlungen und bei alien andern 
flkirchlichen Studien und christlichen Uebungen citirt und vor- 
„getragen werden sollen". 
Und fordert Papst Leo XIII. in seinem gleichfalls folgenden 
Schreiben — Seite 19 und 20 — nicht ebenso, 

„dass die Schriften des heiligen Doktors Alphons Maria de Liguori 
„den ganzen Erdkreis durchdringen, dass sie in die Hande 
„aller getragen werden", 
und setzt er nicht ausdrucklich hinzu, 

„dass die Werke dieses Liguori von den Glaubigen ohne jeden 
„Anstoss durchforscht werden konnen". 
Wozu daher dieser Kundgebung zweier Papste gegentiber das 
Geschrei des Prinzen Max und seines Gefolges iiber die Uebersetzung 
des Liguori und die Hineintragung desselben in die Oeffentlichkeit? 
Robert Grassmann hat ja gar niehts damit gethan, als dass er den 
Wtinschen der beiden genannten Papste nach Moglichkeit entgegen- 
gekommen ist! Der ganze Einwand des Prinzen Max und seiner Nach- 
beter, es handle sich hier um „Geheimbflcher", urn Schriften, die „nur 
lateinisch" oder „nur fiir Geistliche" geschrieben seien, und alle die dar- 
aus erhobenen Vorwtirfe fallen diesen papstlichen Autoritaten gegenUber 
gegenstandslos in sich zusammen. 

Doch zuriick zum Liguori! Wer einen Sumpf austrocknen will, darf 
sich nicht furchten, in den Sumpf hinabzusteigen, um Abzugsgraben zu er- 
offnen. Eobert Grassmann, Graf HoensbrCtech, Dr. Schreckenbach, Sulpiz 
Lessen, Ferd. Heigl, wie auch der Verfasser dieser Einleitung wissen sehr 
wohl, dass, wenn sie die Schaden aufdecken, welche Liguori und die Moral- 
theologien ahnlicher Schriftsteller jesuitischer Schulung Uber die Kirche 
gebracht haben, sie zum Theil sehr prekare Sachen sagen mtissen! Sie 
verkennen auch nicht die Gefahr, dass ihre Schriften in die Hande 
mancher fallen, fUr die sie nicht bestimmt sind. Das ist zu beklagen, 
aber nicht zu< andern! Eine nothwendige Streitschrift deslmll) ganz 
zu unterdrUcken, oder durch Undeutlichkeit werthlos zu maohen, ware 
alberne und verkehrte PrUderie! Und nothwendig sind diese; Streit- 
schriften! Denn mag den Keller, Seidl, Prinz Max u. a. w. auch zu- 



, Einleitung. 11 

gegeben werden, d ass die deutsche Geistlichkeit bei alledem dooh noch 
besser ist, dass sie trotz des Unrathes, der sich im Liguori und ahnlichen 
Moraltheologien findet, noch nicht so angefressen ist, wie die manches 
andern Land'es, so liegt das nicht an Liguori, nicht an dem vorgetragenen 
jesuitisch-redemptoristisch-ultramontanen System, so liegt das — Gott sei 
Dank — an dem deutsclion Geiste, der sich auch dureh das jesuitisch- 
ultramontane System noch nicht ganz hat fangen lassen! Gefahr 
aber droht auch hier; denn, sagt Graf Hoensbroech nicht mit Un- 
recht: das System ist schliesslich starker als die Menschen! Darum 
abef muss auch immer und immer wieder an den deutschen Geist 
appellirt werden! Und wenn sich ein Theil der Geistlichkeit diesem 
Rufe wirklich verschliessen sollte, so muss an den deutschen Geist der 
Laienwelt appellirt werden, und zwar vor allem der katholischen Laien- 
welt! Darum muss dem deutschen. Volke auch auf deutsch gesagt 
werden, was in den lateinischen Moralbiichern der Jesuiten, des Italianers 
Liguori und anderer ultramontanen Kirchenlichter des Stidens steht! 
Darum weg mit der Geheimnisskramerei des Prinzen Max! Der deutsche 
Katholik, das deutsche Volk hat das Recht, ja, es hat die Pflicht, 
zu wissen, was in den jesuitisch-redemptoristisehen Moraltheologien steht, 
nach denen gemass ultramontaner Ansclmuung und Willen die Praxis im 
Beichtstuhl von den Beichtvatern an Millionen deutscher Christen geiibt 
werden soil! Mag daher der Sumpf auch aufspritzen, das kann nicht 
die Verpflichtung aufhalten, Tausenden, ja Millionen von Deutschen die 
Augen zu offnen! Der bittere Ernst und die Entschiedenheit, mit 
denen die genannten Schriften und ahnliche geschrieben sind, schliesst 
vollig aus, dass jemand, der etwas Schliipfriges darin zu finden hoffte, 
seine Reclmung finden konnte, und deshalb wird es auch dem Prinzea 
Max und seinen Nachbetern nicht gelingen, die deutsche Justiz wegen 
angeblicher Anstossigkeit oder Pornographie in diesen Schriften in Be- 
wegung zu bringen. Ist doch, beilaufig bemerkt, die deutsche Justiz 
vielleicht noch mehr als alles andere an dem Kampfe gegen Liguori 
interessirt! Denn wie sollte eine gerechte und unparteiische Recht- 
sprechung noch moglich sein, wenn alles das, was Liguori flber die restrictio 
mentalis (den geistlichen Vorbehalt) und den Eid — oder richtiger den 
Meineid — schreibt, wirklich in Pleisch und Blut des deutschen Volkes 
tiberginge, — ein Punkt, auf den spater noch zuruekgekommen wird. 

Aber — konnte man einwenden — ist denn diese Liguori'sche' 
Ausgestaltung der Moraltheologie mit ihrer Detaillirung der abscheulichsten 
Stlnden nicht eine einfache und nothwendige Folge des katholischen 
Beichtinstitutes selbst? Mit nichten! Die katholische Religion als solche 
hat gar nichts damit zu thun! Die katholische Kirche hat nicht nur ein 
Jahrtausend tiberhaupt ohne die strenge Observanz der Ohrenbeichte be- 
standen, sondern die Ohrenbeichte hat auch ihrerseits seit dem Lateran- bez. 
Tridentiner Concil viele Jahrhunderte ohne solche Moraltheologien bestanden. 
„Das christliche Beichtinstitut hat mit seiner Verzerrung und 
„die christliche Moral mit dieser mOnchischen Aftermoral Nichta 



12 Einleitung. 

„zu thun — sagt Graf Hoensbroech am angeftthrten Orte. — 
„Man lese doch die Werke der Kirchenvater ! Wo findet 
,man auch nur bei einem einzigen eine solche Anleitung zur 
„Beichte, solche Detaillirung der abscheulichsten Stinden, solch 
„ein abschreckend medizinisch - anatomisches System? Es ist 
„vielmehr eine geschichtliche Thatsache, dass erst durch die 
„aus dem Jesuitenorden und seiner Schulung hervorgcgangenen 
n Schrift8teller — zu denen auch Liguori gehort — die sogenannte 
„Moraltheologie, d. h. die Unterweisung fiber das Beichthoren, 
„ihre gegenwartige abschreckende Gestalt erhalten hat. Erst da 
„begaan das Sakrament der Beichte seine frflhere Gestalt zu 
„verlieren und wurde zum Zerrbild. Von da an entwickelte 
„sieh der Umgestaltungsprozess allerdings rasch. Aber wenn 
„dieser jesuitisch-redemptoristische Geist innerhalb der katholischen 
„Kirche leider zum herrschenden geworden ist, so bleibt um- 
„somehr ftir jeden Christen — und also auch filr jeden 
„Katholiken — und jeden Staatsbtirger die Pflicht 
flbestjehen, die Haupttrager dieses korrumpirenden und 
ngemeingefahrlichen Geistes nach Kraften zu be- 
„kam'pfen." # ) 

Und dieser Kampf ist zur Zeit nur in der Oeffeutlichkeit 
moglich! Darum miissen der Oeffeutlichkeit die Augen ge- 
fiffnet werden und zwar riicksichtslos geoffnet werden! Gerade 
den Antr&gen gegentiber, welche das deutsche Reich dem Jesuitenorden 
wieder offnen wollen, ist insbesondere jetzt der Augenbhck, wo dem 
deutschen Volke die Augen iiber die Verderbtheit solch jesuitisch-ultra- 
montanen Wesens nicht weit genug aufgethan werden konnen! Gerade 
deshalb ist jetzt die breiteste Flucht in die Oeffentlichkeit der 
beste, ja der einzig mogliche Weg zur Bekampfung des Uebels! 

Daran andert auch die Thatsache niehts, dass Liguori und die 
meisten der Ubrigen Kasuisten die Abhandlungen liber das hier am meisten 
in Betracht kommende sechste und neunte Gebot bez. fiber die Ehe mit 
den fast tlberall gleichen Worten beginnen: dass sie den Leser wegen 
des kommenden um Verzeihung bitten, dass sie insbesondere jene, die 
sich zum Beichthoren vorbereiten, bitten, den Abschnitt nicht zu lesen, 
bevor sie ihrer Ausbildung nahe stehen, dass sie ihn nur der amtlichen 
Torbereitung wegen und unter Gebet lesen u. s. w. Diese Worte mogen 
durchaus ehrlich gemeint sein; — aber auch Pilatus meinte es ehrlich, 
aJs er seine Hande in Unschuld wusch! (Matth. 27, 24). Ja, Liguori 
find die ubrigen Kasuisten mogen sogar meinen, mit dem dann Folgenden 
der Unsittlichkeit zu steuern und nicht sie zu fordern — das hindert 
saber nicht, dass hinter diesem von Liguori empfohlenen und den Beicht- 
wStern zur Pflicht gemachten breitesten Eingehen auf das sechste Gebot 



*) Graf Hoensbroech: Bin Beitrag zur, Liguori-Moral. 



EinJeitung. 13 

ein anderer Hauptzweek steht! Liguori und alle diese jesuitisch ge- 
schulten Moraltheologen verfolgen namlich die Absicht, mit diesem Ein- 
gehen auf das sechste Gebot die Gemtither in der Beichte zu beunruhigen 
und in dieser Beunruhigung sich ihrer zu bemaehtigen. Es soil also die 
mensehliche Sehwachheit dazu ausgenutzt werden, die Beichtenden gleicfa 
von vorneherein zu fesseln, sie dem jesuitisch- ultramontanen System un- 
verlierbar zu gewinnen und mit unzerreissbaren Ketten an dasselbe zu 
Schmieden. Das ist, wenn nicht der einzige, so doch der Hauptgrund, 
weshalb Liguori und die iibrigen Kasuisten dem Beiehtvater es zur Pflicht 
machen, auf alle geschlechtlichen Verirrungen so ausfiihrlich einzugehen, 
weshalb bei ihnen alien die Erorterungen tlber das sechste Gebot und die 
Ehe einen so iiberaus breiten, ja zuweilen den ganzen Raum einnehmen. 
Sie hoffen, damit sogar an alle Beichtenden heranzukommen, da — wie 
Liguori selbst sagt, 

„das sechste Gebot nicht nur den haufigsten und umfangreichsten 
„Gegenstand der Beichte bildet, sondern weil, wie ich (Liguori) 
„nicht anstehe zu behaupten, wegen dieses einen Laslers der 
„Unkeusehheit oder doch wenigstens nicht ohne dasselbe alle 
„verdammt werden, die tiberhaupt verdammt werden." 
Und diese Spekulation Liguori's und der tibrigen jesuitisch geschulten 
Kasuisten ist nicht. unrichtig! Der Fortpflanzungstrieb ist zur Erhaltung 
des Menschengeschlechtes einmal nothwendig! Er ist auch von Gott 
selbst den Menschen eingesetzt. Schon im ersten Kapitel der Schopfungs- 
geschichte heisst es ausdrucklieh : Seid fruehtbar und mehret euch und 
erfiillet die Erde! (Mos.' 1, 28.) Es ist daher nur natiirlich, dass dieser 
Fortpflanzungstrieb sich wohl so ziemlich in alien Menschen findet, dasa 
geschlechtliche Regungen den Menschen bis an sein Ende begleiten. 
Gelingt es daher, diesen ■ Fortpflanzungstrieb, diese geschlechtlichen Re- 
gungen im Beichtstuhl zu benutzen, aus ihnen Fesseln zu Schmieden, um 
die Menschen an sich zu ketten, so hat der jesuitische Ultramontanismus 
damit 

„die unverlierbare Handhabe, immer und immer wieder die 
„Menschenseele in seinen Bann zu ziehen." *) 
Man verwechsle aber auch hier nicht die Kirche als solche mit 
Liguori bez. dem oben gekennzeichneten jesuitischen Ultramontanismus. 
Gewiss hat auch die Kirche ein Interesse an moglichst vollkommener 
Ordnung bei Bethtitigung dieses Fortpflanzungstriebes. Ihr Interesse daran 
ist aber nicht grosser als das des Staates, der gleichfalls um der Ordnung 
in den Familien, um der Regelung der weitaus meisten bttrgerlichen Ver- 
haltnisse, sowie auch um der Zunahme der Bevblkerung wegen nicht 
weniger dabei betheiligt ist. Aber wie der Staat nur wenige aber prag- 
nante Bestimmungen giebt, ohne in den Wust aller der Absonderlich- 
keiten verdorbenster Phantasie hinabzusteigen, elrenso auch die Kirche f 
Es kommt hinzu, dass, so selbstverstandlich und naturlich uns auch heuta 



*) Graf Hoenabroech a. a. 0. 



14 Einleitung. 

die Monogamie erscheint, und wenn Gott auch als Vorbild dersclben 
einen Mann und ein Weib schuf, doch genau genommen die Monogamie 
weder im Alten noch im Neuen Testamente direkt gefordert wird, — 
nur von dem Bisehof verlangt der Apostel Paulus, dass er sei eines 
Weibes Mann (1. Tim. 3, 2) — und dass daher die strengeren gelftu- 
terten Vorstellungen iiber die Ehe erst spater in die christliche Kirche 
hineingetragen und zur Herrschaft gelangt sind. 

Die Kirche hatte daher anfanglich iiberhaupt weder Zeit noch Ge- 
legenheit, detaillirte Vorschriften iiber die Ehe zu geben, und wenn 
trotzdem die katholische Kirche nie gezogert hat, mit den spatern viel- 
leicht auch durch den Einfluss gerade germanischer V biker gelauterten 
Vorstellungen iiber dieselbe Ernst zu machen, ja wenn sie der Ehe die 
hochste Weihe gegeben hat, indem sie dieselbe zum Sakrament machte, 
bo ist sie doch stets in fmheren Jahrhunderten weit davon entfernt ge- 
wesen, sich so zu erniedrigen, dass sie in einen derartigen Sumpf hinab- 
stiege, wie Liguori oder andere jesuitische Casuisten das fur den Beicht- 
stuhl wiinschen. Die Verschlechterung hat auch hier thatsachlich und 
geschichtlich erst mit dem Auftreten des Jesuitismus begonnen. Und nur 
dort, wo dieser jesuitisch-ultramontane Geist iiber die iibrige katholische 
Kirche triumphirt, nur dort auch kann er seine Orgien in der Beieht- 
abnahme iiber das sechste und neunte Gebot feiern. 

Gerade deshalb ist aber auch hier der Hebel anzusetzen, um die Herr- 
schaftsgeluste und die Maehtstellung des jesuitischen Ultramontanismus zu 
brechen! . Denn dieser hervorstechendste Zug der Moraltheologie des 
Liguori und aller ahnlichen Schriften ist gliicklicher Weise auch zugleich 
die verwundbarste und empfindlichste Stelle des ganzen Systems. 
Gelingt es, dem grossen Publikum das Verstandniss dafiir zu erschliessen, 
welche bedenkliche Sache eine Moral wie die des Liguori ist, welche 
ungeheure Gefahr sie fiir die Sittlichkeit birgt, dann ist es auch mit der 
Macht und dem Einfluss des Liguorisch-jesuitischen Systems vorbei. Das 
ftthlen die Ultramontanen selbst. Werden sie hier diskreditirt, dann haben 
sie wenigstens in deutschen Herzen, bei deutschen Mannern aus- 
gespielt. 

„Wird in weiten Kreisen der „katholischen" Mannerwelt — 
„sagt Dr. Schreckenbach — der Verdacht rege, dass in der 
„Beichte ihrer Frauen und Tochter recht unsaubere Dinge zur 
„Sprache kommen, und dass der Priester berechtigt, vielleicht 
„gar verpflichtet ist, wenn es ihm ahgemessen erscheint, die 
„Frauen nach unziichtigen Dingen zu fragen, so kann das die 
„grosse Menge der religios Gleichgiltigen in Bewegung bringen. 
„Denn religios gleichgiltig sein, heisst noch nicht sittlich gleich- 
„giltig sein. Man kann wohl ohne Uebertreibung die Mehrzahl 
„der Gebildeten unter den romischen Christen zu den religios 
„Indifferenten rechnen. Denen ist es herzlich gleichgiltig, ob 
„ihre Priester ein neues Wunder anpreisen, das angesichts der 
„Hose des Heil. Thomas geschehen sein soil, oder ob der Papst 



Deshalb 



Und 



Einleitnng. 15 

„ein neues Dogma verktindet. Glaubenssachen kiimmern sie 
„Nichts. Erscheint ihnea dagegea die Sittliohkeit ihrer Frauen 
„und Tdchter bedroht, so ist das gleich etwas ganz anderes. 
„Da wird der Mann doch wohl bedenklich und fragt sich, ob 
„er den Seinen die Consultation eines „Seelenarztes" — wenigstens 
„aus der Liguori'schen Schule — nicht lieber streng ver- 
„bieten soil."*) 

„muss die sexuelle Moral des Ultramontanismus von alien Seiten 
>,beleuchtet werden."*) 



„wer den Zweck will, muss auch die Mittel wollen"**) 
und deshalb ist auch die so viel Aufsehen erregende BroschUre von 
Robert Grassmann in neuer Auflag6 und neuer Bearbeitung jetzt wieder 
herausgegeben. Moge es auch dieser Auflage vergonnt sein, in dem 
Kampfe nicht gegen wahren Katholizismus, aber gegen das jesuitisch- 
ultramontane System, wie es von seinem Hauptvertreter, Alphons Maria 
von Liguori, am geschicktesten und erfolgreichsten dargestellt ist, mit za 
einem Erfolge beizutragen! 



.*) Dr. Paul Schreckenbach a. a. 0. 
**) Graf Paul von Hoensbroech a, a. 0. 



ftiis dcm Yorworf der ersfen bunder! ftuflagen. 



Die vorliegenden Ausziige aus des Heiligen Dr. Alphonsus Maria 
de Liguori Theologia moralis und deren deutsche Uebersetzung sind im 
Auftrage des Stettiner Landgerichtes zuerst vom Professor Nippold in 
Jena geprttft, dann vom Stettiner Landgericht in der Sitzung vom 
5. Juli 1894 noehmals geprilft, demnachst vom Staatsanwalt zum dritten 
Male geprilft und sind sehliesslich in aliem Wesentlichen als richtig und 
richtig tibersetzt durch rechtsgtiltiges Erkenntniss festgestellt worden. 
Dieselben zejgen die grossen sittlichen Gefahren, welche die Ohrenbeichte, 
wenn sie nach den "Vorschriften Liguoris in der romischen Kirche aus- 
geilbt wird, fllr die beichtenden Frauen herbeifiihrt, in der Weise, dass 
ganze Volker durch dieselben dem sittlichen Verfalle preisgegeben sind. 

Eine Schrift, in welcher die sittlichen Vergehen und Verbrechen 
ausfiihrlich beschrieben und die entsittlichenden Fragen, welehe auf Grund 
aller mogliehen, nur irgend denkbaren sittlichen Vergehen in der Beichte 
gestellt werden sollen, genau aufgefilhrt werden, heisst in der romischen 
Kirche eine Moraltheologie. Nach solchen Schriften werden die romischen 
Priester zum grossen Theile in ihren Lehranstalten und Universitilten 
unterrichtet; diese Schriften sollen sie bestandig studiren, die Scham ver- 
letzenden Fragen sollen sie auswendig lernen. Der Inhalt dieser Fragen 
ist so schlechthjn unchristlich, so unsittlich und verwoifen, dass jeder 
Laie, der solehe Fragen an eine Frau stellen wollte, aus jeder Gesellsehaft 
ausgeschlossen und streng bestiaft werden wurde. Fur einen Geistlichen 
ist derselbe schlechthin verwerflich. 

Der unverheirathete Priester ist in der Ohrenbeichte allein und ohne 
Zeugen mit einer Frau oder einem Madchen im Beichtstuhl, und soil 
nach der Moraltheologie Liguoris nicht nur berechtigt, sondern selbst ver- 
pflichtet sein, von der Frau zu fordern, dass sie ihm alles aussage, was 
sie seit ihrer Taufe in geschlechtlicher Beziehung gedacht und gethan hat, 
namentlich ob sie einen Geliebten bez. Bhemann hat, und was dieser 
mit ihr bez. sie mit ihm, auch was sie mit sich selbst oder mit anderen 
Frauen gethan oder gesprochen bez. bei sich gedacht hat. Was die von 
Gott eingepflanzte Scham ihr verbietet, irgend jemand zu sagen, das soil 
sie einem Manne, ja einem unverheiratheten Manne unter vier Augen ins 
Ohr sagen. Ja mehr als das, der Priester hat das Recht uad sogar nach 
Vorsclirift dieser von zwei Papsten sanktionirten Moraltheologie selbst die 
Pflicht, ihr Fragen vorzulegen, ob sie die oder jene Sande gethan habe, 



Aus dem Vorwort der ersten hundert Auflagen. 17 

welche eine anstandige Frau oder Jungfrau gar nicht kennen oder auch 
nur ahnen darf. Nicht selten werden daher, wenn nach dieser Moral- 
theologie verfahren wird, die schamlosesten Fragen vom Priester Frauen 
wie Madchen vorgelegt, und diese dadurch mit Siinden bekannt gemacht, 
welche sie gar nicht kannten und auch nicht eintnal kennen konnten. 
Vielfach wird hier alle Scham gebrochen und verletzt; die Frau wird 
gewohnt, uber solche unverschamten Fragen mit einem Manne zu reden 
und ihm alle, auch die geheimsten, langst tlberwundenen Versuchungen 
mitzutheilen. 

Fiir jeden Familienvater, welcher seine Frau und seine 
Tochter vor sittlichem Fall und Verderben bewahren will, ist 
es die heiligste Pflicht, diese Fragen kennen zu lernen, welche 
seiner Tochter und seiner Frau von einem unverheiratheten, nach diesen 
Sehriften erzogenea Priester, wahrend sie allein mit ihm im Beichtstuhl 
ist, nach solcher Moraltheologie gestellt werden sollen; welche, wenn 
sie gestellt werden, jedes weibliche Schamgefuhl verletzen, und fUr Frau 
wie .Tochter die grossten Gefahren heraufbeschworen, und dies urn so mehr, 
als die Frauen dem Priester solche Unsittlichkeiten gar nicht zutrauen 
konnen, und er iiberdies wenigstens in ihren Augen die Gewalt hat, ihnen 
die Vergebung der Stinden' und das Abendmahl zu verweigern, wenn sie 
diese unsittlichen Fragen nicht beantworten, und dadurch Schande und 
Gefahr fiir die Seligkeit uber sie zu verhangen. 

Der strenge Beweis fiir die Wahrheit dieser Behauptungen ist im 
Folgenden, in den Ausztigen aus der beriihmtesten, von zwei Papsten 
sanktionirten und als Norm fur den Unterricht der Geistlichen vor- 
geschriebenen Moraltheologie gebracht. 

Als die beste von zwei Papsten sanktionirte und als Norm 
fur den Unterricht und fur alle moralischen Fragen und Ge- 
brauche kanonisirte Moraltheologie lege ich des Heiligen Al- • 
phonsus Maria de Liguori Theologia moralis Bditio secunda 
Ratisbonae 1879—1881 Tom. I bis VIII 4780 Seiten zu Grunde. 
Daneben citire ich Gury Compendium theol. moralis Ratisbonae 1868 
(neu 1890), Gury Casus conscientiae Ratisbonae 1865 (neu 1891). 
Um den Familienvatern, welche des Lateinischen, namentlich in 
seiner mittelalterlichen Form nicht machtig sind, die Mbglichkeit der 
genauen Information zu bieten, drucke ich von jedem Satze links den 
lateinischen Text und rechts die streng wort- und sinngetreue Ueber- 
eetzung ab. 

Diese Auszilge werden nur an Staatsmanner, Richter, Offiziere, 
Geistliche, Lehrer, Hausvater und religiose Vereinigungen unter der Be- 
dingung ausgegeben, dass jeder Empfanger dieselben nur zur Abwehr 
von Unsittlichkeiten verwende und sie so bewahre, dass sie nicht in die 
Hand? der der Verftihrung zuganglichen Jugend gelangen konnen. 

.Robert Grassmann. 



Erster Abschnitt: 

Die Theologia moralis des S. Dr. Alphonsua Maria de Liguori ist naoh 
den romischen Papsten Gregor XVI., Pius IX. und Leo XIII. die Norm 

fur die Moral. 

1. Die Theologia moralis des Heiligen Dr. Alphonsus Maria 
de Liguori ist von P. Michae-1 Haringer edirt und mit 
Anmerkungen versehen und 1879—1881 in Regensburg 
von Georg Joseph Manz in zweiter Auflage in acht 
Banden auf 4780 Seiten gedruckt und verlegt. 

2. Die Papste Gregor XVI., Pius IX. und Leo XIII. haben 
die Moraltheologie des Heiligen Dr. Alphonsus Maria 
de Liguori als die sichere Norm fiir alle Fragen der 
Moral erklart und die Vorschriften dieser Moral fur 
alle kirchliehen Studien, christliehen Uebungen, und 
als Norm fur die Leitung der Gewissen empfohlen. 

Der Papst Pius IX. erklarte am 11. Marz 1871 den Heiligen' 
Alphonsus Maria de Liguori, -wie er sagt, auf instandiges Bitten fast 
aller Bisehofe der ganzen Welt zum Doctor Eeclesiae (Kirchenlehrer) 
mit folgenden Worten: 



„Hic virtutum omnium exempla 
„faciens, velut lucerna supra cande- 
labrum posita, omnibus Christifide- 
„libus, qui in domo Dei sunt, adeo 
„illuxit, ut jam inter cives Sanc- 
torum et domestieos Dei fuerit 
„relatus. Quod autem sancta ope- 
„ratione complevit, verbis etiam et 
„scriptis docuit. Siquidem ipse er- 
„rorum tenebras, ah incredulis et 
„Jansenianis late diffusas, doctis 
„oporibus, maximeque thedlogiae 
„moraIis traetationibus dispidit atque 
„dimovit. Obscura insuper diluci- 
„davit, dubiaque declaravit, cum 
„inter implexas theologorum sive 
„laxiores sive rigidiores sententias 
„tutam straverit viam,« per quam 



„Dieser Liguori, indem er von 
„allen Tugenden Beispiele gab, leuch- 
„tete, wie eiDe auf hohen Leuchter 
flgestellte Leuchte, alien glaubigen 
„Christen, welche im Hause des 
„Herrn sind, also, dass er schon 
„unter die Heiligen und Haus- 
„genossen Gottes aufgenommeni 
„ist. Was er aber mit heiligen 
„Werken vollbrachte, das lehrte er 
„auch in Worten und Schriften. 
„Indem er die dureh die Unglau- 
„bigen und Jansenisten wcit ver- 
„breiteten Finsternisse der Irrlehren 
„durch gelehrte Werke, ;un meisten 
„durch die Abhandlungen der 
^Moraltheologie zersl.rculc und 
„entfernte. Ueberdies eileuchtete er 



Die Norm der Moral fur die romisch-katholisc&e Kirche. 



19 



„Christifidelium animarum mode- 
„ratores inoff'enso pede incedere 
„possent." 

Liguori Theologia moralis Tom. I. 
p. 45. 



„die Dunkelheiten und erklarte da* 
„Zweifelhafte, indem er durch die 
„verschlungenen theils laxeren, theils 
w strengeren Meiriungen der Theologen 
„einen sichern Weg bahnte, auf. 
„welchem die Leiter der Seelen der 
„glaubigen Christen ungehindert ein- 
„herschreiten kOnnen." 

• Derselbe Papst Pius IX. erklarte ferner in den „Apostolischen 
Briefen" vom 7. Juli 1871: 



„Auctoritate Nostra Apostolica, 
„tenore praesentium, titulum- Doe- 
„toris in honorem 8. Alphonsi Mariae 
„de Ligorio, Congregationis a. Ss. 
„RedemptoreInstitutoris et S. Agathae 
„Grothorum Episcopi, confirmamus, 
„seu, quatenus opus sit, denuo ei 
„tribuimus, impertimus ; ita quidem, 
„ut in universali Catholica Ecclesia 
„semper is Doctor habeatur . . . 
„Praeterea hujus Doctorislibros, com- 
„mentaria, opuscula, opera denique 
fl omnia, ut aliorum Ecclesiae doc- 
„torum non modo privatim, sed 
fl publice in gymnasiis, academiis, 
„seholis, eollegiis, lectionibus, dispu- 
„tationibus, interpretationibus, con- 
„cionibus, sermonibus, omnibusque 
„aliis ecclesiasticis studiis, christianis- 
„que exercitationibus citari, proferri, 
„atque, cum res postulaverit, ad- 
„hiberi volumus et decernimus." 

Liguori Theologia moralis Tom. I. 
p. 45. 46. 



„Wir bestatigen mit Unserer 
„Apostolischen Autoritat kraft 
„des gegenwartigen Erlasses den 
„Doctortitel zu Ehren des S. Al- 
„phonsus Maria de Liguori, des 
„Institutors der Congregation der 
„Redemptoristen und Bischofs zn 
„S. Agatha Gothorum, oder, sofern 
„dies nOthig sein sollte, ertheilen und 
„verleihen Wir ihn von neuem und 
„in der Weise, dass er in der 
„ganzen katholischen Kirche 
,immei als Doctor gehalten 
„werde . . . Weiter bestim- 
„men Wir und wollen Wir, 
„dass die Bttchcr dieses Doc- 
tors, seine Kommentare, kleineren 
„Schriften, kurjs alle seine Werke, 
„wie die anderer Doctoren der Kirche 
„nicht allein privutim, sondern auch 
„6ffentlich in Gymnasien, Aka- 
„demien, Schulen, Kollegien, 
„Vorlesungen, Disputationen, 
„Interpretationen,Kirchenver- 
„sammlungen, Predigten und 
„bei alien andern kirchlichen 
„Studien und christlichen 
„Uebungen citirt, vorgetragen 
„und, wenn die Sache es erfordern 
„sollte, angewandt werden." 
Der Papst Leo XIII. bestatigt , die Festsetzungen des Papstes 
Pius IX. im Schreiben vom 28. August 1879 mit folgenden Worten: 

,,Wenna : leich ' die Sehriften des 



-Licet universum 



jam 



orbem 



B pervaserint, non sine amplissimo 
„christianae rei emolumento, seripta 



„heiligen Doctors Alphons Maria 
„de Liguori nicht ohne reichsten 



20 



Die Norm der Moral filr die rSmisch-katholische Kirche. 



„S. Doctoris Alphonsi Mariae de 
jjLiguorio, ea tamen magis adhuc 
„magisque vulgari desiderandum est 
„et ad maims omnium traducL 
w Scitissime nam Ille catholicas 
„vefitates omnium captui accom- 
„modavit, omnium morali regimini 
„prospexit, mirifice pietatem omnium 
„excitavit, et, in media saeculi 
„nocte errantibus viam ostendit, 
„qua eruti de potestate tenebrarum, 
„transire possent in Dei lumen et 
„regnum ... 



„Nutzen fUr die chvistliche Sache 
„den ganzen Erdkreis durchdrungen 
„haben, so ist dies doch zu wiin- 
„schen, dass sie noch mehr und mehr 
„verbreitet werden, und in die Hande 
„Aller kommen. Denn dieser hat 
,,die katholischen Wahrheiten 
„auf das Geschickteste dem Fassungs- 
„vermogen Aller angepasst, hat fur 
„die moralische Leitung Aller 
„Vorsorge getragen, hat herr- 
„lich die Frommigkeit Aller erregt 
„und mitten in der Naeht des Jahr- 
„hunderts den Irrenden den Weg 
„gezeigt, auf welchem sie aus 
„der Macht der Finsterniss 
„losgekommen, hintibergehen 
„konnen in das Licht und das 
„Reich Gottes ... 

„Und um nichts zu sagen von 
„seiner Moraltheologie, die auf 
„der ganzen Erde die hoch- 
„gefeiertste ist, welche in der 
„That die sickere Norm bietet, 
„welcher die Leiter des Ge- 
„wissens folgen konnen . . . - 

Derselbe Papst Leo XIII. ftigt dem ferner die Worte zu, die sehon 
der Papst Gregor XVI. in seiner Canonisationsbulle vom 26. Mai 1839 den 
Schriften Liguoris zum besonderen Lobe gespendet hatte. 



„Et ne quid dicamus de Morali 
„Theologia ubique terrarum celebra- 
„tissima tutamque plane praebente 
„normam, quam conscientiae mode- 
„ratores sequantur . . . 



„Et in hisce omnibus, illud im- 
„primis notatu dignum est, quod, 
„h'cet copiosissime scripserit, ejusdem 
„tamen opera inoffenso prorsus pede 
^percum a fidelibus posse post dili- 
„gens institutum examen perspectum 
„fuerit. tt 

Liguori Theologia moralis Tom. I. 
p. I. — IV. Schreiben Leo XIII. an 
Leopold Joseph Dujardin und Julius 
Jacques, Priester der Congregation 
des H. Erlosers. 

Derselbe PapstLeo XIIF. bestatigt diesimBriefevoml3. Miiiz 1880. 
Er nennt hier den Thomas von Aquino (1226 bis 1274) und den Alphons 
de Liguori „die beid en ausgezeichnetsten Doctoren und aus- 
-Bchliesslichen Ftihrer der heiligen Kirche und schreibt wttrtlich' 



„Und in diesem Allen ist De- 
fenders der Beachtung werth, dass, 
„wenn er gleich sehr ausfUhrlich 
„geschrieben, denn ochseineWerke 
,von den Gliiubigen ohnejeden 
„Anstoss durchforscht wer- 
„den konnen, wie dies durch 
„ein sorgfaltig angestelltes 
,Examen festgestellt ist." 



Die Norm der Moral fur : die romisch-katholische Kirche. 



21 



„Denn ausser einer, ausgezeich- 
„neten Kenntniss und Klugbeit in 
B moralischen Dingen nimmt . jeder 
„von Beiden das fiir sich in An- 
„spruch, dass die Lehren, welche 
„er billigt, den mittleren Weg 
„zwis;chen den Extremen halten, 
„gleich weit entfernt von laxer 
„Nachsicht, welche den Siindern die 
yjZiigel schlaff lasst, und von un- 
„gebiihrlicher Strenge, welche das 
„sanfte Joch Christi in eine un- 
„ertragliche Last yerwandelt." 



n Nam praeter egregiam rei moralis 
„peritiam et prudentiam uterque hoe 
„9ibi vindicat, quod doctrinae, quas 
„probant, medium inter extrema 
^tenentes iter absint fteque a remissa 
„indulgentia, quae laxat habenas 
„peccantibus, et ab importuno rigore, 
„qui suave jugum Christi in onus 
„intolerabile convertit. u 

Liguori Theologia moralis Tom, 
VIII. p. 458. Schreiben Leo XIII. an 
Ernst Mflller, Canonieus der Wiener 
Metropolitankirche und Rektor des 
Oleriker-Seminars. 

Nach diesen Schreiben der romisehen Papste Gregor XVI., Pius IX. 
und Leo XIII. kann kein Zweifel obwalten, dass die Moraltheologie des von 
ihnen in hervorragendster Weise zum Kirchenlehrer der romisch-katholischen 
Kirche proklanlirten S. Dr. Alphonsus Maria de Liguori als die hochgefeiertste 
auf der ganzen Erde, als die sichere Norm zu gelten hat, weleher nach 
Ansicht dieser drei Papste die Leiter des Gewissens zu folgen haben, 
und die von den Priestern als Norm fiir die Moral studirt und angewandt 
werden soil. 

3. Der S. Dr. Alphonsus Maria de Liguori selbst schreibt 
vor, dass eine derartige Moraltheologie von alien 
romisehen Priestern stets und bestandig von neuem 
studirt, a lie einzelnen Normen dem Gediichtnisse ein- 
gepragt und stets gegenwartig gehalten werden sollen. 

S. Dr. Alphonsus Maria de Liguori schreibt: 



Nullus confessarius intermittere 
debet theologiae moralis studium, 
quia ex tot rebus tarn diversis et 
inter se disparibus, quae ad hanc 
scientiam pertinent, multa quamvis 
lecta, quia rarius accidunt, temporis 
progressu e mente decidunt; qua 
de re oportet semper frequenti 
studio eas in memoriam revocare. 

Liguori Theol. moralis Tom. VIU. 
p. 19. 22. 

Caeterum, qui ad hoc munus 
excipiendi confessiones inhiant, non 
facile sibi suadent, quod satis idoneos 
ad tantum munus se reddere possint 
sine diuturno studio scientiae mo- 



Kein Beichtvater darf das 
Studium der Moraltheologie 
unterbrechen, weil von so vielen 
verschiedenen und unter sich un- 
gleichen Dingen, welche zu dieser 
Wissenschaft gehoren, viele, wenn 
auch gelesen, doch, weil sie selteuer 
vorkommen, mit der Zeit dem Ge- 
dachtnisse entfallen, weshalb es 
nothig ist, sie immer durch fort 
wahrendes Studium ins Gedachtniss 
zuriiekzurufen. 

Uebrigens werden die, welche 
nach diesem Amte eines Beichtvaters 
trachten, sich nicht leicht einreden,. 
dass sie sich ohne bestandiges 
Studium derMoralwissenschaft 



22 



Die Norm der Moral fttr die rSmisch-katholische Kirche. 



ralis. Moralis enim scientia non 
solum valde necessaria est christianae 
reipublicae, cum ex ea dependeat 
bonum regimen animarum, sed etiam 
est summopere difficilis; turn quia 
ipsa generalem notitiam requirit om- 
nium aliarum scientiarum, officiorum 
et artium; turn quia tot diversas 
complectitur materias inter se dis- 
sitas; turn quia in magna parte 
constat tot legibus positivis, quae 
nonnisi apud casuistas allatae in- 
veniuntur, et maxime apud recen- 
tiores, cum hujusmodi leges in dies 
prodeant; demum difficillima evadit 
propter innumeras casuum circum- 
stantias, ex quibus resolutionum 
pendet variatio: nam. ex circum- 
stantiarum diversitate diversa appli- 
canda sunt principia: et in hoc 
difficultas consistit, cum nequeat 
id fieri sine magna discussione vel 
plurium accurata lectione librorum, 
qui res examinant et dilucidant. 

Liguori Theol. mor. T. V. p. 712. 
713. 



hiareichend geschickt zu einem sol- 
chen Amte machen kcinnen. Denn 
die Moralwissenschaft ist nicht allein 
sebr nothwendig fiir einen christ- 
lichen Staat, da von ihr eine gute 
Leitung der Seelen abhaugt, son- 
dern sie ist auch sehr schwierig, 
weil sie eine allgemeine Kenntuiss 
aller andereu Wissenschaften, Berufe 
und KUnste erfordert, dann, weil 
sie so viele auseinander liegende 
Gegenstande umfasst, dann, weil 
sie zum grossen Theile aus so 
vielen positiven Vorschriften besteht, 
welche man nur bei den Casuisten 
zusammengetragen iindet, und vor- 
zugsweise bei den neueren, da Vor- 
schriften dieser Art taglich neu 
hervorgehen. Endlich wird sie 
tiberaus schwierig wegen der un- 
zahligen Nebenumst&nde, von denen 
die Verschiedenheit der Entschei- 
dungen abhangt; denn je nach der 
Verschiedenheit der Nebenumstfinde 
sind verschiedene Grundsatze an- 
zuwenden, und hierin besteht die 
Schwierigkeit, da dies nicht ge- 
schehen kann oline grosse Durch- 
forschung oder ' sorgfaltiges Lesen 
mehrerer Bucher, welche die Sachen 
priifen und beleuchten. 
4. Der Verfasser R. Grassmann hat Liguori's Theologia 
moralis eingehend und gewissenhaft studirt; er hat 
aber in dem 8 Bande (4780 Seiten) starken Buche die 
Behandlung des sittlich Erhebenden stark vermisst und 
vielmehr als hervorstechendsten Zug eine ausfflhrliche 
und oft bis zum Aeussersten gehende Beschreibung 
aller Arten von Uuzucht und Unsittlichkeit gefunden, 
welche einem sittlichen Manne kaum dem Namen nach 
bekannt sind. 
Schon das einfache Lesen dieser Beschreibungen und Ausgeburten 
einer verdorbenen Einbildungskraft in der genannten Moral bez. der 
Fragen, welche diese vorschreibt, ist so gefahrlich, dass ein Buchdrucker 
es kaum wagen darf, dieselben in deutscher Sprache in einem Offentlich 
erscheinenden Werke abzudrucken. 

Wie das fortgesetzte bestandige Studium solcher Beschreibungen der 



Die Norm der Moral filr die romisch-katholische Kirche. 23 

Unzucht auf die Gedanken und den Vorstellungskreis der naeh tiner 
solchen Moraltheologie erzogenen ultramontanen Geistliehen und Beicht- 
vater einwirken muss, das kann jeder vorher wissen. Eine grosse Zahl 
der Beichtvater muss nothwendig von diesem Studium befleckt und von 
Versuchungen zur Unzucht heimgesucht werden. Der jedem Manne von 
Gott eingepflanzte geschlechtliche Trieb und das Spiel der Gedanken in 
stillen halbbewussten Stunden werden wieder und immer wieder geschlecht- 
liche Reizungen und Vorstellungen wachrufen, welche bei dem wieder- 
holten Lesen und Einpragen ^ich defer und tiefer einnisten. 

Aber, sagen Prinz Max, Keller, Seidl und die andern Anh&nger 
Liguori's: der Traktat tiber die Ehe umfasst doch „nur" 393 Seiten, also 
noeh nicht ein Zehntel des Buches! Ja, l&sst sich denn auf 393 Seiten 
nicht eine ganz erstaunliche Menge sexuellen Unrathes aufhaufen? Man 
lese doch nur, welche kaum glaubliche Bltithenlese davon das doch „nur tt 
88 Seiten starke Buch des Grafen Hoensbroech : „Ein Beitrag zur Liguori- 
Moral aus dem Werke des Jesuiten Lehmkuhl" bringt! Und sind denn 
diesen Herren Vertheidigern garnicht die Abhandlungen Liguori's liber 
das sechste und neunte Gebot bekannt, die ganz denselben Unrath auf- 
riihren? Und ist etwa, was Liguori tiber die Abtreibung der Leibes- 
frucht (Lig. Ill Nr. 334—397) oder liber das zweite Gebot sagt, 
weniger anfeehtbar? 

Ja, sind denn selbst alle die zahllosen ErSrterungen, welche der 
Siindenfalle Todessiinden, welche nur lassliche Siinden sind, beziehentlich unter 
welchen oft rein juristischen Spitzfindigkeiten und mit Benutzung welcher 
Hinterthuren eine eigentliche Todsiinde noch allenfalls als lassliche Siinde 
betrachtet werden kann, irgend wie besser? Der Verfasser glaubt nicht, 
dass solche juristischen Spitzfindigkeiten bei Beurtheilung der Siinden vor 
dem Richterstuhle Gottes je in Betracht kommen werden! Der Verfasser 
findet auch nicht, dass es zweckmassig ist, dem Gewissen solche Hinter- 
thtiren zu zeigen. 

Der Verfasser bleibt daher dabei, in Liguori's Moraltheologie eine 
grosse Gefahr zu sehen, und zwar zunaehst eine Gefahr filr den 
sie studirenden Geistliehen selbst. Sie theilt das Schicksal aller 
Casuistiken, dass sie, statt der Siinde zu steuern, nur zu leicht mit neuen 
Siinden bekannt macht, ja dass, je vollstandiger eine solche Casuistik 
ist, sie desto mehr geradezu als Leitfaden der Siinde, als eine wenn 
auch in wissenschaftliches Gewand gekleidete ars peccandi — als 
Lehre von der Kunst zu sttndigen erschejnt. 

Und eine ebenso grosse Gefahr wird sie ferner filr die Ge- 
samtheit der Beichtkinder eines nach ihr unterrichteten Geistliehen. 
Denn, wenn der Geistliche- nach Anleitung einer solchen Casuistik die 
Beichtenden naeh den verschiedenen Arten der Unzucht und Unsittlichkeit 
fragt, und nach Liguori, Prinz Max*) etc. geradezu fragen muss, so wird 



Seite 17. 



') -Prinz Max von Sachsen, Vertheidigung der Moraltheologie des Liguori, 



24 Die Norm der Moral fiir die romisch-katholischs Kirche. 

der Priester wieder nur zu leicht zu dem Kanale, durch den dieser 
ganze Unrath und das hier aufgestapelte Gift weiter in die Seelen seiner 
Pfiegebefohlenen hineinfliesst. Dieselben sind also mittelbar genau ebenso 
gefahrdet, wie der eine solche Moraltheologie studirende Geistliche es in 
erster Reihe ist. 

„Aber," sagen die Keller, Seidl, Prinz Max u. s. w., „der Riehter 
hat doeh auch sein Strafgesetzbuch und seine Kommentare dazu. Der 
Arzt hat doch auch sein Buch, das u. A. aueh die sexuellen Krankheiten 
auf das speziellste behandelt. Ist es nun unsittlich, 'solche Bticher zu 
schreiben oder zu studiren, und auf Grund solcher Blicher Angeklagte 
oder Kranke zu befragen? Im Gegentheil, es ist nothwendig, dass von 
berufener wissenschaftlicher Seite solche Bttcher geschrieben werden, und 
es ist Standespflicht, dass Riehter und Aerzte sie studiven; solche Bttcher 
thun doch keinen Schaden!" 

Das klingt sehr plausibel und ist docli etwas ganz Anderes! Denn 
der- Riehter fordert doch nicht wie der Beichtvater, dass Jedermann 
vor ihn kommt. Der Riehter tritt doch iiberhaupt nur dort ein, wo ein 
vollendetes Vergehen und zwar ein vollendetes Vergehen gegen einen 
Dritten vorliegt! Der Riehter hat daher nur Personen zu befragen, bei 
denen eine Anklage oder doch wenigstens der Yerdacht eines Ver- 
brechens vorliegt. Mag daher der Riehter Fragen aus dem Strafgesetz- 
buche oder einem Kommentar dazu, z. B. auch ttber Sittlichkeitsverbreehen 
thun, — immer handelt es sich doch bereits um einen Angeschuldigten 
oder doeh um Zeugen, die =als bei dem Verbrechen mit zugegen schon 
genannt sind. Nimmt man hinzu, dass der Riehter fast ausschliesslich 
oder doch meist coram publico — also bffentlich — verhandelt, und 
schon hierin ein grosser Schutz liegt, so ist die Gefahr, dass der 
Riehter eine noch ganz reine Intelligenz, eine bis dahin noch ganz un- 
befleckt gebliebene Seele mit Fragen bertthrt oder beschmutzt, eine ganz 
minimale und mit der Gefahr im Liguori'schen Beichtstuhl garnicht zu 
vergleichen! Und doch wie ungern gehen — nebenbei bemerkt — unsere 
Frauen, werin aueh nur als Zeuginnen, vor Gericht! 

Und ebenso der Arzt! Wahrend nach dem Lateran- und Triden- 
tiner Concil jeder Katholik und jede Katholikin wenigstens einmal 
jahrlich zur Beichte kommen muss, und der Beichtyater dementsprechend 
jahrlioh alle Insassen seines Kirchspiels mindestens einmal zu befragen 
hat und nach Liguori, Prinz Max etc. . auch befragen muss, behandelt 
der Arzt doch nur allein diejenigen, welehe ihn rufen oder welche 
zu ihm kommen wollen oder ihn auf Grund bestimmt hervorgetretener 
Erscheinungen oder Leiden aufsuchen! Nimmt man hinzu, dass es 
jedem Kranken tiberdem auch hier wieder unbenommen ist, sich von 
Familienangehorigen, Freunden etc. zum Arzt begleiten zu lassen, so 
ist auch hier bei dem Arzt die Gefahr, dass er mit seinen Fragen bisher 
noch gfinzlich unberiihrte Gemiither hinabzieht, ausserordentlich gering 
und wieder mit der Gefahr im Liguori'schen Beichtstuhl garnicht- zu 
rergleichen. 



Die Norm der Moral fur die romisch-katholische Kirche. 25 

Aber noch eins I Es hiesse Liguori doch uberhaupt zu viel Ehre 
anthun, wollte man seine fl Wissenschaftlichkeit^ in den von ihm be- 
ruhrten geschlechtlichen Verhaltnissen des Leibes und dessen geschlecht- 
lichen Funktionen mit der ernsten Wissensehaft erfahrener juristischer 
oder medizinischer Manner uberhaupt auf eine Stufe und in Vergleich 
stellen. Freilich nennt der jesuitische Ultramontanismus seine Geistliehen 
mit Vorliebe „Seelenarzte tt , und scheint damit dieselbe Qualiflkation fur 
sie wie fur wirkliche Aerzte zu beanspruchen. Auch fordert Liguori 
von seinem Beichtvater eine allgemeine Kenntniss aller andern Wissen- 
sehaften, Berufe, Kttnste u. s. w. Aber diese Forderung allein zeigt 
schon, dass diese „allgemeine tt Kenntniss „aller" Wissenschaften, Berufe, 
Kttnste u. s. w. doch nur als eine sehr oberflachliche gedacht sein 
kann, denn sonst kame sein Beichtvater nie damit zu stande, — auch 
nicht, wenn er so alt als Methusalah werden sollte! Es ist daher nur 
eine Anmassung, wenn der Heilige Liguori, der niemals Arzt gewesen 
ist, oder wenn der Beichtvater seiner Schule, — der nie oder doch nur 
in den seltensten Fallen Medizin studirt haben diirfte, — sieh in der 
Moraltheologie bez. im Beichtstuhl uber geschlechtliche Verhaltnisse des 
Leibes und seine geschlechtlichen Funktionen wie ein unfehlbarer Sach- 
verstandiger loslassen soil. Alle, oder doch wenigstens die meisten dieser 
Dinge geboren doch nur vor ein medizinisches Forum! Und wenn 
Unregelmassigkeiten in geschlechtlichen Verhaltnissen des Leibes, wenn 
Zweifel ttber die Austtbung seiner Funktionen vorkommen, so sollte von 
Jedermann — Mann oder Weib — vernttnftiger Weise nur der Arzt 
darum befragt werden.* Der Beichtvater, dem in der Kirche Liguori's 
noch iiberdem die Ehe verboten ist, kennt doch — hoffentlich — die 
bei weitem meisten dieser Dinge nur vom Horensagen! Die ganze 
^Wissenschaftlichkeit" des Liguori in diesen Dingen und die von ihm 
geforderte Behandlung derselben im Beichtstuhl hat daher keinen hbhern 
Werth wie jede andere Pfuscherei. Ein verntlnftiger Beichtvater sollte, 
wenn wirklich an ihn im Beichtstuhl Fragen gerichtet werden, wie 
z. B. ob die Begattung zur Zeit der Reinigung nach der (Jeburt 
oder der Schwangerschaft etc. (vergl. Seite 30 und 32) gestattet ist, die 
betr. Beichtkinder einfach zum Arzt schicken. Wenn demgegenuber solche 
Dinge im Beichtstuhl abgemacht werden, — und nach Liguori, Prinz 
Max etc. muss ja der Priester unter Umstanden darauf eingehen, — so 
ist das doch wirklich, als solle ein Blinder einen andern Blinden 
fiihren ! 

Das kann auch einem so gewandten und immerhin klugen Manne 
wie Liguori kaum ganz verborgen geblieben sein. Das sollte auch 
eigentlich den Keller, SeidI, Prinz Max etc. nicht entgangen sein! Oder 
sind die letztern wirklich nicht der Ansicht, dass bei den geschlecht- 
lichen Verhaltnissen des Leibes, bei Zweifeln oder bei Entgleisungen 
innerhalb seiner geschlechtlichen Funktionen der Arzt der naturliche, der 
«rste und weit bessere Berather ist als der Beichtvater? Gesetzt auch 
.der letztere ist der Seelenarzt! — Gehort etwa zur „Seele tt , was fur die 



26 Die Norm der Moral fiir die romisch-katholische Kirche. 

Begattung schadlich Oder forderlich ist? „Oder konnen etwa — fragl 
Graf Hoensbroech — wirklich zur „Fachwissenschaft" liber die Seele 
die schamlosesten Beschreibungen der geschlechtlichen Verhaltnisse des 
Leibes und seiner geschlechtlichen Funktionen audi nur irgend wie 
gehoren?"*) 

Wenn daher Liguori, wenn daher alle die jesuitisch-redemptoristisch- 
ultramontaiien Kasuisten diese Dinge trotzdem immer und immer wieder 
bringen, bo bleibt kein an.derer Schluss iibrig, als dass sie damit nicht 
etwa eine Heilung der „Seele", sondern einzig und allein den schon in 
der Einleitung (vergl. Seite 13) hinreichend gekennzeichneten Zweck 
verfolgen, durch Eingehen auf alle moglichen geschlechtlichen Verhaltnisse 
bez. Verirrungen eine moglichst grosse Zahl von Beichtenden erst zu be- 
unruhigen, sich der Gemtither zu bemachtigen, sie an sich zu fesseln, 
und so die menschliche Schwachheit auszunutzen, um dem jesuitisch- 
ultramontanen System moglichst viele und moglichst unverlierbare Anhanger 
zu gewinnen! 

Das ist des ganzen Pudels Kern! Der Verfasser wird nun einen 
Theil der Fragen und Beschreibungen, welche Liguori und seine Schule 
den Priestern zum Einpragen vorschreiben, im Folgenden mittheilen, 
damit Jeder eelbst urtheilen kann. 



Zweiter Abschnitt: 

Die Ohrenbeichte der Ehefrauen und die Gestattung des Ehebruches is 
dem Liguori folgenden Theile der rbmischen Kirche. 

1. Liguori und die ihm gleichartigen Moraltheologen der 
romischen Kirche kennen nicht den Segen einer wahr- 
haft christlichen Ehe, sondern allein die fleischliche 
Begattung. 

In der christlichen Ehe soil die sittliche Liebe das einigende Band 
eein. Nur wo die sittliche Liebe herrscht, dass die Frau aus Liebe alles 
thut, was sie dem Manne an den Augen absehen kann, und dass der 
Mann aus Liebe, soweit es seine Vermogensverhaltnisse erlauben, alles 
thut, was er der Frau an den Augen absehen kann, nur wo dadurch 
Mann und Frau geistig und leiblich eins werden, nur da ist die Ehe eine 
sittliche, schon hier auf Erden voll himmlischen Segens; nur in solcher 
Ehe ist eine Statte fiir die sittliche Eiziehung und Entwicklung der 
Kinder gegeben; nur in solchem Hause lernen die Kinder die sittliche r 
eelbstlose, fiir andere wirkende Liebe, die Kraft der Hingabe inid Selbst- 
verleugnung, und wenn es sein muss, die Kraft der Aufopferung. 

Liguori, der Verfasser der Moraltheologie, aber hat ebenso wie der 
von ihm belehrte und gebildete Theil der Priester der romischen Kirche 



*) Graf Hoensbroech a. a. 0. 



Die Ohrenbeichte der Ehefrauen. 27 

gar keine Ahnung von dieser sittlichen Bedeutung der Ehe unter Christen, 
Er und seine Schiller sehen in der Ehe nur die fleischliche Begattung, 
nicht aber das sittliche Verhaltniss zwischen den Eheleuten, welches die 
Ehe allein zu einer wahrhaft christlichen Ehe macht. 

Die katholische Kirche selbsi fasst freilich, wie schon in der Ein- 
leitung (Seite 14) bemerkt, die Ehe anders auf, ja sie hat ihr dadurch 
eine besondere Weihe zu geben gesucht, dass sie dieselbe zum Sakrament 
machte. Um so auffalliger ist es, dass Liguori in seiner Theologia 
moralis VI Seite 149—499, d. h. auf 348 vollen Seiten, im Tractat de 
matrimonio (d. h. tlber die Ehe) so uberaus wenig tlber ein wahrhaft 
sittliches Verhaltniss zwischen- den Eheleuten in der Ehe zu sagen weiss. 
Von dem sakramentalen Charakter der Ehe in der katholischen Kirche 
halt Liguori ausser dem Formlichen eigentlich nur fest, dass auch nach 
ihm die Ehe unloslich ist. Im Uebrigen aber behandelt er in seinem 
Traktate tlber die Ehe fast nur den fleischlichen Akt der Begattung und 
zwar hochst ausfuhrlich auf 72 Seiten, von Seite 253 bis 324. 

Die Ehe wird von Liguori also definirt: 



Matrimonium est sacramentum 
inter baptizatos, quo vir et mulier 
sibi mutuo legitime corpora sua 
tradunt ad perpetuam vitae socie- 
tatem, usum prolis suscipiendae et 
remedium concupiscentiae. 

Liguori Theol. mor. T. VI p. 223. 



Die Ehe ist das Sakrament unter 
den Getauften, nach welchem der 
Mann und das Weib sich gegen- 
seitig gesetzmassig ihre Leiber 
geben zur bleibenden Lebensgemein- 
schaft, zum Zwecke der Kinder- 
erzeugung und zum Heilmittel gegen 
die Begierde. 

Die Sittlichkeit in der Ehe hat daher nach Liguori fllr den romischen 
Moraltheologen keine Bedeutung; ihn interessirt in der Ehe nur die 
gegenseitige Hingabe der Leiber j die fleischliche Begattung. 

Freilich versuchen Prinz Max, Pralat Keller etc. und hier selbst 
auch Heigl eine Ehrenrettung Liguori's, indem sie meinen, in den Worten 
„zur bleibenden Lebensgemeinsehaft" liege schon „der sittliche Zweck 
der Ehe" ; ja es konne nach Liguori auch die Ehe als rein geistige Ver- 
bindung ohne Geschlechtsverkehr zu Recht bestehen. Auf letzteren Fall, 
die sogenannte Josephsehe, hier einzugehen, lohnt bei der uberaus grossen 
Seltenheit dieses Falles nicht; — . aber wenn in der Definition „zur 
bleibenden Lebensgemeinschaft" Alles enthalten ist, was Liguori fiber die 
wahre Sittlichkeit in der Ehe zu sagen weiss, so ist das doch blitz- 
wenig! Zur ^bleibenden Lebensgemeinschaff kann noch manches 
and ere als die Ehe abgeschlossen sein. Der sittliche Zweck der Ehe 
wird von Liguori daher jedenfalls sehr kurz abgethan, bietet er doch 
auch keine Handhabe fur den vorerw&hnten jesuitisch-ultramontanen 
Hauptzweck, die GemUther in Unruhe zu versetzen, sich ihrer zu bemach- 
tigen, und sie gleich von vorneherein mit unentrinnbaren Fesseln dem 
jesuitisch-ultramontanen System anzuschmieden. (Vergl. Seite 13 und 53.) 
Wozu also sich damit unniitz aufhalten! ^ 



28 Die Ohrenbeichtc der Ehefrauen. 

2. Liguori und die ihm gleichartigeu Moraltheologen dei 
romischen Kirche verpflichten jeden Beiehtvater ilu-ei- 
Schule zu den weitgehendsten, ja zu den unziichtigsten 
Fragen an die Ehefrauen iiber den Akt der Bogattung. 

Nach der Moraltheologie des Heiligen Alphonsus Maria de Liguori 
muss der Beiehtvater darauf halten, dass eine Beichte vo Us Win dig- sei, 
d. h. class alle seit der letzten Absolution begangenen Todsiiiuleu (und 
moglichst auch die lasslichen Si'uiden) dem Beiehtvater gebeiohtd, werden 
und zwar mit alien Nebenumstanden, da nach der Meinung Iiiguovi'a 
der Beiehtvater nur nach diesen die Bntscheidung trefteu "kanu, auf 
Grund welcher auferlegten Busse er Absolution ertheilen darf (vergl. 
Seite 22). Es folgt daraus, dass der Beiehtvater nach Liguori . ver- 
pflichtet ist, die beichtenden Ehefrauen auch- in Bezug auf das sechste 
G-ebot d. h. iiher das Eheleben zu einer vollstandigen Beichte anzuhalten, 
sie nach ihren Geclanken, Worten und Thateu, wann, wo, wie 
und in welcher Weise die Siinde begangen ist, — kurz nach alien 
nur moglichen Nebenumstanden auszufragen. Es ist daher unver- 
meidlich, dass, wenn nach Liguori verfahren wird, der Beiehtvater in 
der Beichte Fragen iiber die Ehe an die Ehegattin stellen muss, welche 
die Einzelheiten der fleischlichen Begattung betreffen, und das heimlich im 
Beichtstuhl, ohne irgend einen andern Ohrenzeugen und hinter dem liticken 
des Mannes. 

Prinz Max, Pralat Keller, Seidl etc. wollen dies zwar bestreiten: 
das sei „infame Verleumdung" u. s. w. Aber nachdem die Herren sich 
genug ausgeschimpft haben, Destiitigen sie lediglich das oben Gesagte, 
Denn, nachdem Keller erst lange gegen Grassmann polemisirt hat, sagt er: 
„Was lehrt der hi. Alphonsus wirklich Uber das Frageamt des 
„Beichtvaters ? Er lehrt: Der Beiehtvater hat fur die Voll- 
„standigkeit der Beicht Sorge zu tragen, und wenn es daran 
„fehlt, durch Fragen nachzuhelfen, also wenn das Beichtkind 
„nicht Gattung, Zahl und die nothwendig zu beichtenden Urn- 
„stande angiebt. Der Grund der Fragepflieht liegt in dem Amt 
„des Beichtvaters etc." 
Ja, was ist das anders, als was auch oben gesagt ist. Nach Liguori 
hat der Beiehtvater die Fragepflieht und zwar nach alien Nebenum- 
standen und daher auch zu den weitgehendsten und unziichtigsten Fragen. 
Schreibt doch auch Prinz Max ebenso: 

„daher dann diese „etwas peinlichen (also doch!! !) Erbrterungen". 

„Nicht weil ihn diese peinlichen Fragen (iiber die Ehe) inter- 

„essii-en, sondern weil er sie fur die Praxis nothwendig 

„braucht, erortert der heilige Alphons diese Punkte genau.'-' 

Nun also! Was wollen denn die Herren Prinz Max, Priilal. Keller, 

Seidl u. s. w. Sie treten ja selbst als Zeugen fur die Grassmnuu'scha 

Auffassung auf. Prinz Max giebt ja selbst zu, dass diese. „i>oinli<ihc<ii a 

Ercirterungen fur die Liguori'sche Praxis. — und das kann (Inch nur be- 



Die Ohrenbeichte der Ehefrauen. 29 

denten fur den Liguori'schen Beiclitstuhl — nothwendig sind. Keller 
sagt ebenso: Der Beichtvater hat nach Liguori die Fragep flic lit — selbst- 
verstandlich doch nicht nur nach sittlichen, sondern auch nach unzuchtigen 
Dingen! Dass audi Beichtende mannlichen Geschlechts ebenso ausgefragt 
werden sollen, hat ja Grassmann nie bestritten, — wozu also die Auf- 
regung des Prinzen Max: „ Grassmann rede nur immer von den Frauen." 
Darin wird doch auch wohl Prinz Max zustimmen, dass das weibliche 
Geschlecht das wehrlosere ist, und dass Grassmann daher recht that, 
wenn er zunachst aufdeckte, welche Gefahren diesem aus dcm Liguori- 
schen Beiclitstuhl drohen. 

Was macht es dagegen aus, class auch von Liguori dem Beichtvater 
der Rath gegeben wird, nicht ungestiim, vorsichtig, nicht neugierig etc. 
/u Hciu, — auf den Prinz Max so grosses Gewicht legt. Das sind doch 
Lebensregeln so allgcmeiner Natur, dass sie ebensogut jedem andern 
Stande, jedem Schneider und Handschuhmacher gegeben sein konnten. 
Gewiss soil nicht geleugnet werden, dass es auch unter den nach Liguori 
gebildeten Beichtvatern ausserst taktvolle Leute giebt. Aber der Takt ist 
nicht Jedermanns Sache, — es mag einzelne sehr taktvolle Beicht- 
vater geben, es wird denen aber auch eine mindestens ebenso grosse 
Anzahl gegenuberstehen, welche jeden Takt sehr vermissen lassen! Es 
konnten dem Priuzen Max aus den an den erst en Verfasser gerichteten 
Briefen unzaklige Beispiele dafur angefiihrt werden! Jcdenfalls konnen 
derartige wohlfeile allgemeine Lebensregeln das specielle Amt des Beicht- 
vaters nicht im mindesten in seinem Charakter verSndern. 

Geradezu liicherlieh aber ist es fcrner, wenn Pralat Dr. Keller den 
Schein erweekcn will, alle die von Liguori behandclten Fragen, von denen 
naehher eine Bliithenle.se mitgetheilt wird, wiirden nur thcoretisch in der 
Moralliieologie des Dr. Liguori behandclt, im Beichtstuhle sollten sie gar- 
nicht gel'ragt werden! Aber sehr gechrter Hen- Pralat, dann ist die Be- 
handlmig dieser rein theoretischen Fragen doch erst recht Uberflilssigf 
Dann dringen Sie doch um so mehr clarauf, dass die Bidiandluug so 
prekiirer Saelicn, welche die ganzc Moralthcologie in Misskredit bringen 
konnou, so bald wie moglich aus derselben vcrschwindet! 

Aber, sehr geehrter Pralat, brauchen Sie doch einmal Ihre Augen! 
Lesen Sie doch einmal in clem Liber VIII der Theol. moralis, welches da 
handelt tiber die Praxis des Beiehtvaters, die Nummern 39, 40 und 41 
fiber die Fragen, welche nach Liguori an die Beichtkinder im Beiclit- 
stuhl geriehtet werden sollen. Interrogentur de eogitationibus, interro- 
gentur circa verba obscoena, interrogentur circa opera! — Sie sollen 
gefragt werden tiber ihre Gedanken, tlber unziichtige Worte, iiber ihre 
Thaten. *) Ebenso soil doch nach derselben Stelle der Beichtvater die 
Frauen fragen, ob sie die eheliche Pflicht geleistet haben, (an debitum 
maritale reddiderint,) ob sie in dieser Beziehung den Mannern in allem 
gehorsam gewesen sind, (an fuerint obedientes viris in omnibus,) und fiigt 



'') Niilieres auf Scite 50 ff. 



30 Die Ohrenbeichte der Ehefrauen. 

nicht Liguori, um ja kein Missverstandniss aufkommen zu lassen, wonach 
alles die Frauen gefragt werden sollen, selbst ausdriicklich hinzu: Quae 
autem heeant, et quae vetentur inter conjuges circa idem debitum, vide, 
quae fuse dicta sunt in opere lib. VI ex numero 900. „Was aber ge- 
„stattet ist und was verboten ist unter Eheleuten in Bezug auf diese selbe 
„ehehche Pflicht, siehe, was ausfiihrlich darUber gesagt ist, in meinem 
fl Werke, sechstes Buch, von Nummer 900 an." — Wie kann nach diesem 
von Liguori .selbst gegebenen Fingerzeig noch der mindeste Zweifel dar- 
ttber herrschen, dass Liguori selbst will, dass die beichtenden Ehegatten 
auch nach den von ihm im sechsten Buche der Theol. moralis von No. 900 
an behandelten Dingen de usu matrimonii — liber die Ausflbung der Ehe — 
befragt werden? Und sagt er nicht selbst ausdriicklich in diesem sechsten 
Buch mehrfach: de hoc confessarius tenetur bz. non tenetur interrogare 
— „der Beichtvater ist gehalten deswegen zu fragen bez. der Beichtvater 
„ist nicht gehalten ttber dies und jenes zu fragen?" Und haben Prinz Max 
und Sie selbst den Begriff einer Moraltheologie nicht dahin definirt, dass 
eine Mwaltheologie ein Buch sei, in welchem dem jungen Geistlichen 
Anweisung gegeben werde, wie er die Beichte horen solle! 

_ Es bleibt daher dabei, dass nach Liguori die Frauen auch im 
Beichtstuhl nach den von ihm im sechsten Briefe seiner Theologia 
morahs behandelten Dingen gefragt werden sollen, und eben deshalb 
behandelt er alle Fragen iiber die fieischliche Begattung so hochst 
ausfiihrhch und unter Citirung anderer zahlreicher Moraltheologien. So er- 
brtert er: Wann, wo und wie oft der eine Gatte berechtigt ist, von dem 
andern Gatten die fieischliche Begattung zu verlangen; ob er dies darf bei 
Krankheit (si fiat cum periculo sanitatis), selbst gefahrlicher Krankheit (si fiat 
cum gravi periculo vitae aut sanitatis), Lig. Seite 269; ob zur Zeit des 
Kmdersaugens (tempore lactationis), Seite 271 ; ob um der blossen Woll- 
lust willen (si fiat pravo fine vel tantum voluptatis causa), Seite 272- 
ob in ehebrecherischem Geiste (si exerceatur mente adultera), Seite 273- 
ob wenn die Begattung im After (in vase praepostero), Seite 274; oder 
m falscher Lage (in situ innaturali) geschehen soil, Seite 275; ob wenu 
die _ Begattung gehemmt wird (si conjuges bcoepta copula cohibent semi- 
nationem), Seite 277; ob an offentlichen Orten (in loco publico) oder in 
der Kirche (m loco sacro). ob letztere dadurch entweiht wird (inde vio- 
letur), Seite 281; ob am Tage des Abendmahls (die communionis) oder 
an Festtagen (diebus festivis) oder an Fast- und Bettagen (in diebus 
jejunii aut rogationum), Seite 282; ob zur Zeit der Schwangerschaft 
(tempore praegnationis), Seite 283; ob zur Zeit des monatlichen Flusses 
(tempore menstrui), Seite 286; ob zur Zeit der Reinigung nach der Ge- 
b.urt (tempore purgationis post partum), Seite 289. Ferner ob der Gatte 
bz. die Gattm gehalten seien, die Begattung zeitweilig zu fordern (an 
ahquando vir vel uxor teneatur petere debitum), Seite 291; bez. ob sie 
«u gewahren sei, Seite 293; ob lusterne Griffe, Blicke und unzUchtige 
VVorte erlaubt seien (an et quando liceant tactus, aspectus et verba turpia 
inter conjuges), Seite 295; ob die Selbstbefleckung TodsUnde sei (an sit 



Die Ohrenbeichte der Ehefrauen. 



31 



mortalia tactus turpes quos conjux habet cum se ipso), Seite 299; ob 
zeitweises Aussetzen der Begattung gestattet sei (on liceat viro non coha- 
bitare cum uxore), Seite 303; ob die Bitte urn Begattung verweigert 
werden dtirfe, Seite 305; wie oft sie zu gewahren sei, Seite 307, u. s. w, 
u. s. w. 

Um die Art zu zeigen, wie der Beichtvater nach Liguori diese 
Fragen behandeln soil, werden die folgenden vier Beispiele genttgen. 

Ueber die Prage von der Lage bei der Begattung schreibt Liguori 
Band VI S. 275: 



Situs naturalis est, ut mulier sit 
succuba et vir incubus; hie enim 
modus aptidr est effusioni seminis 
virilis et receptioni in vas femineum 
ad prolem proereandam. Situs autem 
innaturalis est, si coitus aliter fiat, 
nempe sedendo, stando, de latere 
vel praepostere more pecudum, vel 
si vir sit succubus et mulier incuba. 

Liguori Theol. moralis. Tom. VI 
p. 275. 



Die natiirliche Lage ist, dass die 
Frau unten liege und der Mann 
oben, denn diese Lage ist passender 
fur die Ergiessung des mannlichen 
Samens und fur die Aufnahme dessel- 
ben ins weiblicheGefass zum Zweeke 
der Kindererzeugung. Eine unnatiir- 
liche Lage ist aber, wenn die Be- 
gattung anders geschieht, namlich 
im Sitzen, Stehen, von der Seite, 
von hinten nach Art des Viehes, 
oder wenn der Mann unten liegt 



und die Frau oben 
und erortert im Anschlusse daran ausfuhrlich, ob eine derartige unnatilrliche 
Lage als Todsiinde oder lassliche oder gar keine Siinde zu bezeichnen ist. 
Fbenda S. 298 No. 935 fragt Liguori: 



Ob es immer eine TodsUnde sei, 
wenn der Mann seinen Schamtheil 
in den Mund der Gattin steckt 



An semper sit mortale, si vir 
immittat pudenda in os uxoris. 

Liguori Theol. moralis Tom. VI. 
p. 298. 
und handelt darttber zweidrittel Seiten lang. 

Ueber die Frage, wie oft der Mann das Begatten verlangeu kann, 
handelt wieder Liguori zwei Seiten" lang. Er schreibt darhv 



Peccat mortaliter, qui conjugi 
serio et instanter petenti debitum 
negat. Non peccat negans, quando 
alter immoderate petit, sine tamen 
periculo incontinentiae, et in hoc 
etiam omnes conveniunt, vide Boss. 
n. 38. Hinc dicunt Laym. c. 1. 
n. 1., Croix n, 396, Holzm. 
n. 468, et Sporer n. 513, cum 
Rodr. et Glossa, non esse mortale, 
post tertiam copulam in eadem nocte 
habitam negare quartam. Item non 
videtur peccare uxor, si differat 



Es begeht eine Todstinde, wer 
dem ernstlich und dringend begeh- 
renden Gatten die fleischliche Be- 
gattung verweigert. Es sOndigt der 
Verweigernde nicht, wenn der an- 
dere unbescheiden aber ohne Ge- 
fahr in Unenthaltsamkeit zu ge- 
rathen fordert und hierin stimmea 
alle ttberein. Daher sagen Laym., 
Croix, Holzm. und Sporer, es sei 
nicht TodsUnde nach der dritten 
in derselben Nacht vollzogenen 
Begattung die vierte weigern. Eben- 



32 



Die Ohrenbeichte der Ehefrauen. 



reddere ad breve tempus, nempe 
usque ad noctem, ut Pont. c. 2. 
n. 5., Sanch. n. 11. cum Vict., 
Rone. 1. c, Sporer n. 513. cum 
communi, et Croix num. 391. cum 
Perez, Gob. et Diana : vel si a noete 
differat ad mane, ut Boss. n. 37. 
cum. Sanch., Pont., Vict., Hurt.,, 



so scheint die Gattin nicht zu stln- 
digen, wenn sie die Begattung auf 
kurze Zeit, namlich bis zur Nacht, 
verschiebt, oder wenn sie sie von 
der Nacht auf den Morgen ver- 
schiebt, immer jedoch sofern dabei 
die Gefahr der Unenthaltsamkeit 
ausgeschlossen ist. Nicht kann sie 
aber nach der am Tage gesche- 
henen Begattung sie in der Nacht 
verweigern. 



Vill., Ledesma etc., excluso tamen 
semper periculo incontinentiae. Non 
potest autem post copulam habitam 
in die negare in nocte. 

Liguori Theol. moralis. Tom. VI 
p. 305. 307. n. 940. 

Und dieser Mann, der diese Antwort giebt und dabei noeh anzugeben 
vergisst, ob und wann denn diese Gefahr der Unenthaltsamkeit tlberhaupt 
jemals ganz ausgeschlossen sein dttrfte, ist von den Papsten filr einen 
Heiligen der Kirche, seine Lehre fur die Norm der kirchlichen Lehre er- 
klart! Und dabei glaube man nicht, dass das oben mitgetheilte das 
weitgehendste bei Liguori ist, man lese nur die No. 916. 919. 934. 936. 
947 und viele andere seines Traktats fiber die Bhe (Lib. VI), deren 
Wiedergabe im Deutschen wir uns versagen mtissen. Und finden sich 
derartige Dinge schon bei Liguori, wie mag es da erst bei den andern, 
nicht zu den Heiligen zahlenden Moraltheologen und bei den nach diesen 
erzogenen Priestern stehen? 

Aber auch der Heilige Liguori geht noch weiteiv Nach ihm ist es 
keine oder hochstens lassliche Stinde, wenn der Ehegatte das debitum 
d. h. die fleischliche Begattung fordert 



1. Tempore menstrui n. 925. 

2. tempore praegnationis n. 924, 

3. tempore purgationis post partum 
n. 926, 4. tempore lactationis n. 911, 
5. in phthisi, lepra, morbo gallico, 
aut alio morbo contagioso, si morbus 
esset diuturnus et non proxime 
tendens ad mortem, n. 909, 6. die 
communionis n. 922, 7. in diebus 
festivis vel jejunii n. 923. 



1. Zur Zeit des monatlichenFlusses 
(was Mose bekanntlich streng ver- 
bietet), 2. zur Zeit der Schwanger- 
schaft, 3. zur Zeit der Reinigung 
nach der Geburt, 4. zur Zeit des 
Saugens, 5. bei Schwindsucht, Aus- 
satz, Syphilis oder andrer anstecken- 
der Krankheit, wenn die Krankheit 
langwierig ist und nicht sehr bald 
zum Tode geht, 6. am Tage des 
Abendmahls, 7. an den hohen Eest- 



tagen und Fasten. 

Auch die Kirche wird fur den Gottesdienst durch die vollzogene 
Begattung nicht entweiht, wenn sie verborgen bleibt und nicht offentlich 
bekannt wird (nisi concubitus ille habitus publicetur) oder wenn die Be- 
gattung nothwendig geworden war (si adsit necessitas). 

Hiertiber enthalte ich mich jedes Urtheils. 

Man sieht aus diesen Beispielen genug, welche Fragen der Beicht« 



Die Ohrenbeichte der Ehefrauen. 33 

vater nach Liguori an die Ehefrauen stellen soil, damit die Beichte auf 
jeden Fall vollstandig wird, und ja keine Todstlnde ungebeichtet bleibt, 
und welche alien Anstand verletzenden Gesprache im Beichtstuhl hinter 
dem Riicken des Ehegatten zwischen dem unverheiratheten Beichtpriester 
und der Ehefrau gefilhrt werden. 

Selbst Keller kann nicht umhin, hier zuzugeben: 

„Man kbnnte allerdings denken, dass dies Eingehen auf alle nur 
B denkbaren Falle, wie Liguori sie giebt, zu weit geht. Ich lasse 
„das dahin gestellt." 

Man sieht, das deutsche Blut kann sich nicht ganz, verleugnen. Im 
Grunde graust es ihm auch vor einer solchen ^Moral*. Leider aber steht 
er zu sehr in ultramontanen Banden, um ein mannhaftes Wort zu linden. 
Dagegen trifft auch hier Graf Hoensbroech den Nagel auf den Kopf. 

„Zugegeben — sagt er — der Beichtvater ist der Seelenarzt, 
,,was hat die Seele zu thun mit diesen — Schweinereien." *) 
Denn in der That, was Liguori hier in diesem Kapitel unter dem Namen 
de usu matrimonii — tiber die Austlbung der Ehe — bringt, das ist 
nicht mehr eine Darstellung ehelichen Lebens, sondern nichts als die in 
ein System gebrachte Unzucht! 

Mit Recht sagen die 48 Prauen in Montreal in ihrer Erklfirung an 
den Bisehof Bourget iiber die Grauel des Beichtstuhls, „dass diese, wie 
„Sie wissen, derartig sind, dass es Frauen unmoglieh ist, ohne Errothen 
„daran zu denken", und dass, „wenn die Manner den zehnten Theil des 
flSchmutzes ahnten, welcher aus dem Munde des Beichtpriesters in die 
„Seelen ihrer Frauen fliesst, sie dieselben lieber tot sehen, als sie so ent- 
„wUrdigt wissen wtlrden". 

Kein anstandiger Mann, der auf seine Hausehre auch nur ein 
Titelchen giebt, kann sich gefallen lassen, dass seiner Frau solche un- 
ziichtigen Fragen grundgemeinen Inhalts von einem anderen Manne vor- 
gelegt werden. Er wdrde sich, wenn er dies zugabe, der aUgemeinen 
Verachtung preisgeben. 

Ebenso jede Frau, von der in der Gesellschaft bekannt wtlrde, dass 
sie sich von einem Manne ausser ihrem Ehemanne solche Fragen vorlegen 
liesse, ohne ihn entweder sofort selbst zu zuehtigen, oder ihn durch ihren 
Mann zttchtigen zu lassen, wflrde sich gleichfalls der allgemeinen Ver- 
achtung aussetzen. 

3. Die romische Kirche verweigert den Priestern die Ehe. 
Da dies aber gegen die Gesetze der Natur ist, so schaffen 
Liguori und die Moraltheologen seines Schlages ihnen 
einen Ausweg, dass sie mit den beichtenden Frauen 
Ehebruch treiben kOnnen, ohne eine Denunziation ernst- 
lich befttrchten zii mtissen. 

Dass den Priestern der romischen Kirche die Ehe verboten ist, das 



*) Am angefflhrten Orte. 



34 Die Ohrenbeichte der Ehefrauen. 

ist bekannt; dass ferner Priestern, welche dureh das fortwahrende Studium 
unziichtiger Moraltheologien und dureh die von Liguori etc. vorgeschriebenen 
unztlchtigen Fragen und Gesprache in der Beichte unzilchtig und geil ge- 
worden sind, die Versuchung nahe liegt, mit den Ehefrauen Ehebruch zu 
treiben, das liegt auf der Hand, zumal wenn sie vor Denunziation sicher 
sein konnen. Und diese Sicherheit verschaffen ihnen Liguori und die 
ubrigen ihm ahnlichen Moraltheologen. 

Zwar ist die romische Kirche nicht immer blind gegen die Ge- 
fahren gewesen, welche. aus der geheimen Ohrenbeichte Frauen, Jung- 
frauen, und wie Prinz Max ausdrticklich festgestellt haben will, auch — 
Mannern drohen. (Wenn der erste Verfasser diese — Manner — nicht 
miterwahnt hat, so wird man das wohl seiner noch nicht mit allem 
Rafflnement gehetzten, einfacheren Auffassung zu gute halten. Prinz Max 
weiss es jedenfalls besser!) "Wie gesagt, die romische Kirche hat sich 
nicht immer gegen die Gefahren verschlossen, welche den Beichtkindern 
im Beichtstuhl drohen, denn 

„Leider Gottes — muss auch hier Pralat Dr. Keller zugestehen 
„ — giebt es Beichtvater, welche ihres Amtes unwiirdig sind. Wie 
^kbnnte es auch anders sein, sie bleiben doch Menschen! Und 
,wo Menschen sind, sind Fehler! Wie sollte es denkbar sein, dass 
„nicht einmal einer strauchelte! Ja, was das Traurigste ist, es 
Tjkann vorkommen, dass ein Beichtvater sich so weit vergisst, 
„die Beichte zur Verftihrung zu missbrauchen. Das nennt 
„man Sollizitation." 

Nun haben gegen diese Sollizitation mehrere Papste, wie besonders 
Gregor XV. und Benedict XIV. — ein Zeitgenosse Friedrichs des Grosser* 
und Gegner der jesuitisehen Moral — ziemlich strenge Bullen er- 
lassen, in denen tiber einen solchen Priester bestimmte Kirchenstrafen 
verhangt werden, und ausserdem den betreffenden Beichtkindern unter 
Strafandrohung der Exkommunikation die Pflicht auferlegt wird, einen 
solchen Beichtvater dem geistlichen Gerichte anzuzeigen. 

Was thut nun Liguori und die andern Moraltheologen? Sie konnen 
offen gegen papstiiche Bullen nicht Stellung nehmen. Aber indem sie 
diesen Bullen mit aller ihrer jesuitisehen und juristischen Spitzfindigkeit 
nahen, und so die Falle, in denen das Beichtkind zur Anzeige verpflichtet 
ist, auf das Mindestmaass zurilckftlhren, entkleiden sie die Bullen Gregors XT. 
und insbesondere die des antijesuitisehen Benedicts XIV. moglichst jeder 
ernstlichen Bedeutung. So leitet auch Liguori mit spitzfindigster juristischer 
Untersuchung alle diese Falle mit der Frage ein: An confessarius sit 
denunciandus, qui -sollicitat, und kommt dann entweder zu dem Resultat 
Est denunciandus— er soil denunzirt werden — odef Non est denun- 
ciandus — er soil nicht denunzirt werden. Ofdnet man diese Falle so, 
dass man zwei Reihen bildet, eine, wo Liguori sagt: der Beichtvater soil 
denunzirt werden, und eine, wo Liguori meint: der Beichtvater soil nicht 
denunzirt werden, so ergiebt sich folgendes Resultat: 



Die Ohrenbeichte der Ehefrauen. 



35 



1. Denunciandus est confessarius, 
qui confessione ineoepta, non per- 
fecta poenitentem sollicitat. 2. De- 
uunciandus est confessarius,- si in 
confessione apponat medium in- 
differens, quod tamen ex circum- 
stantiis postea cognoscatur app6- 
situm ad sollicitandum : ut esset im- 
ponere mulieri, ut exspeCtet eum 
domi ; vel si interroget earn, ubi 
habitet, aut 3. tribuit poenitenti 
chartam postea legendam, in qua 
ad venerem incitat. 4. Denunciandus 
est confessarius, qui statim post 
confessionem dicit poenitenti: Ex- 
specta me paulisper! et post inter- 
vallum venit et sollicitat. 5. Item 
si, audita confessione feminae, dum 
ea ad manum deosculandum acce- 
dit, confessarius illam turpiter tan- 
gat; vel dum est ante ipsum, ut 
confiteatur, pedibus aut manibus 
turpiter tangat illam. 6. Item qui 
sollicitat immediate, postquam poeni- 
tens petierit confessionem. 



Dagegen soil der Beichtvater 



1. Der Beichtvater soil denunzirt 
werden, wenn dieser die Frau (bez. 
nach Prinz Max den fl Mann") nach 
Beginn und vor Vollendung der 
Beichte zur Unzucht reizt, 2. Der 
Beichtvater soil denunzirt werden, 
wenn er in der Beichte ein unauf- 
falliges Mittel anwendet, von dem 
aber aus den Umstftnden nachher zu 
erkennen ist, dass es zur Unzucht- 
reizung angewandt ist; wie wenn 
er einer Frau aufgabe, ihn zu Hause 
zu erwarten, oder sie fragt, wo sie 
wohne, oder 3. der Beichtenden eine 
nachher zu lesende Karte giebt, in 
der er sie zur Sinnenlust anreizt. 
4. Der Beichtvater soil denunzirt 
werden, der sogleich nach der Beichte 
zu der Beichtenden sagt: Wart ein 
Weilchen auf mich, und nacheiniger 
Zeit hommt und sie zur Unzucht 
reizt. 5. Desgleichen, wenn der 
Beichtvater nach Anhbrung der 
Beichte der Frau, wahrend sie zum 
Handjsuss herantritt, sie unzuchtig 
beriihrt, oder wahrend sie sich vor 
ihm befindet, urn zu beichten, sie 
mit den Handen und Ftissen un- 
zllchtig bertihrt. 6. Desgleichen, wer 
sie unmittelbar reizt, nachdem die 
Beichtende gebeten hat, ihr die Beichte 
abzunehmen. Liguori Theol. moralis 
lib. V p. 766 und 767. 
von dem Beichtkind nach Liguori 



nicht denunzirt werden, wenn der Beichtvater nach vollendeter Beichte 
oder getrennt von dieser unzttchtige Handlungen mit einer Frau vprnimmt 
Liguori trftgt das in seiner Theologia moralis ganz unbefangen vor. So 
soil nach ihm der Beichtvater nicht denunzirt werden: 



1. si femina petit confessionem 
et confessarius hoc utatur tantum 
ad colloquendum et si postea in 
prpgressu collocutionis tentatus earn 
solliejtat. 2. Item qui sollicitat, post- 
quam poenitens recesserit ab ejus con- 
spectu, aut 3. dicit: Exspecta me 
paulisper, quia negotium magni mo- 



1. wenn der Beichtvater nach der 
Bitte der Frau ihr die Beichte abzu- 
nehmen, dies nur zu einem Q&r 
sprach benutzt, und er nachher im 
Laufe dieser Unterredung in Ver- 
suchung gerathen sie zur Unzucht 
reizt, 2. auch nicht, wenn der Beicht- 
vater zur Unzucht reizt,, nachdem 



36 



Die Ohrenbeichte der Ehefrauen. 



menti venit, et ille postea sollicitat, 
4. Item non denuntiari debeat con- 
fessarius, qui convenit cum muliere, 
ut ad eludendos domesticos se fingat 
aegrotam, et ipsum accersat domum 
ad patrandum peccatum, 5. Item non 
debeat, si sollicitatus a poenitente 
ad copulam renuit et divertit ad solos 
tactus, 6. item, si confessarius sit 
sollicitans ad actus tantum venia- 
liter inhonestos. 

Liguori Theol. moralis Tom. V 
p. 767. 769. 775. 776. 



die Beichtende aus dem Anblick des 
Beichtvater8 weggegangen war, 3. 
auch nicht, wenn der Beichtvater sagt: 
Warte ein wenig, weil mir ein wich- 
tiges Geschaft dazwischen gekommen 
ist, und er darnach zur Unzucht reizt, 
4. auch nicht, wenn er mit einer 
Frau tibereinkame, dass sie sich, 
um die Dienstboten zu tauschen, 
krank stelle, und den Beichtvater in 
das Haus herbeiriet'e, um die Siinde 
zu vollbringen, 5. ebenso auch nicht, 
wenn er vom Beichtkind zur Begat- 
tung gereizt diese verweigert, und nur 
zu unztichtigen Griffen gekommen ist, 
6. auch nicht, wenn der Beichtvater 
die Beichtende zu unanstandigen 
Handlungen reizt, die nur eine lass- 
liche Sllnde in sich schliessen. 
Ebenso soil es nach Liguori und den ihm ahnlichen Moraltheologen 
frei von Anzeige bleiben, wenn der Beichtvater an einem andern Tage 
mit einer Frau an einem nicht zur Beichte dienenden Orte, ausserhalb der 
Kirche zusammenkommt und' hier zur geschlechtlichen Unzucht schreitet. 
Nun versuchen hier Prinz Max, Dr. Keller, Seidl etc. und neuer- 
dings auch der Wiener Professor A. Engelbrecht einige Einwande 
zu machen, die mit wenig Worten zurttckgewiesen werden mtissen. 
Prinz Max monirt zunachst, dass in dem zu 5 angeftthrten Falle, der 
trste Verfasser das Wort a poenitente — vom Beichtkind — fortgelassen 
find dadurch wesentlich den Sinn verandert habe. Nun, wir haben ihm 
4en Gefallen gethan, das Wort jetzt zuzusetzen, was ah dem Sinn aber 
dadurch geandert sein soil, ist unerflndlich. Ebenso monirt Prinz Max, 
bei dem zu 4. angeftthrten Falle habe der heilige Alphons nur zwei ent- 
gegengesetzte Ansichten angefUhrt, aber keineswegs die Anzeigepflicht 
geleugnet. — Wenn Prinz Max etwas genauer zugesehen hatte, so wiirde 
er gefunden haben, dass Liguori die Ansicht, der Beichtvater solle in 
diesem Falle nicht denunzirt werden, ausdrticklich als die probablere 
bezeichnet, dass also, wenn man nicht Flausen machen will, auch in 
dieser Beziehung der obige Auszug aus Liguori als durchaus zu Recht 
bestehend bezeichnet werden muss. 

Doch das sind Kleinigkeiten. Alle die Grassmann'schen Gegner 
»ber, Prinz Max, Pralat Dr. Keller, Seidl, Prof. Engelbrecht etc. etc. erlieben 
hier mit grossem Geschrei und anscheinend mit dem Brustton der Ueber- 
*eugung den Einwand, der heilige Alphons untersuche hier nur ganz „theo- 
retisch" oder ^nach Juristenart ganz genau und umstandlich'' alle „denk- 
baren" Falle, um festzustellen, wie weit man das sollizitirte Beichtkind zur 
Anzeige verpflichten mtlsse. Das: non est denunciandus — heisse durchau* 



Die Ohrenbeichte der Ehefrauen. 37 

nieht, wie Grassmann gemeint habe: er, der Beichtvater, soil nicht angezeigt 
werden, sondern: er muss nicht angezeigt werden, d. h. das Beichtkind 
solle in diesen Fallen nur nicht die strenge Pflicht haben, Anzeige zu 
machen; die Anzeige solle keineswegs verboten, sondern nur nicht zur 
Pflicht gemacht werden. 

Als ob das in der Praxis nicht ganz dasselbe ware! Gesetzt 
auch, man wollte obiges als rich tig zugestehen, welches Beichtkind, das 
nicht die unbedingte Anzeigepflicht hat, wird denn ilberhaupt jemals 
den Beichtvater denunziren? Das Denunziren in einem solchen Falle 
ist doch auch ftir das Beichtkind kein Vergniigen oder Kinderspiel! Sagt 
doch Keller selbst: 

„Man denke doch nur, wie sehr schwer diese Pflicht ist, eine 

„Anzeige zu machen, wodurch das Beichtkind selbst in eine 

„peinliche Untersuchung verwickelt wird.", 

Mit diesen Worten widerlegt Dr. Keller selbst, als ob derartige 

Ausftthrungen die Grassmann'sche Auffassung ftlr die Praxis irgendwie 

entkraften konnten. Gerade weil naeh Kellers eigenen Worten diese 

Anzeige so schwer ist, wird iiberall, wo diese Anzeige nicht zur 

unbedingten Pflicht gemacht ist, thatsachlich auch keine Anzeige 

erfolgen, d. h. die Palle, in denen Liguori eine Anzeigepflicht verneint, 

kommen faktisch einem Anzeigeverbot gleich! Giebt daher Liguori 

hier sechs Falle an, in denen er diese Anzeigepflicht verneint, so giebt 

er damit den Priestern die Sicherheit, dass sie in diesen sechs 

Fallen eine Denunziation nicht zu filrchten brauchen. 

Interessant ist es, dass auch hier wieder das deutsche Blut Kellert 
sich regt. Ihm fangt es hier wieder an, vor Liguori und den ilbrigen 
Moraltheologen zu grausen: 

„Wenn nun Jemand", sagt er, „der Ansicht ware, ■ dass Liguori 
n diese Sache doch etwas zu sehr ins Einzelrie (!) behandelt hat, so 
„muss ich sagen, dass mir das auch so scheint!" 
Sehr rich tig! Der Herr Pralat hatte sogar hinzufiigen kSnnen, dass 
solche Dinge unter keinen Umstftnden in ein ftir junge Geistliche 
geschriebenes Buch hinein gehoren. Welches Geschrei wdrde derselbe 
Herr Pralat wohl erheben, wenn in den deutschen Lehrerseminaren 
oder in den fUr Lehrer bestimmten Btichern ahnliche Erorterungen tiber 
den § 174 des deutschen Strafgesetzbuches vorgetragen wtirden, und den 
jungen Lehrern „ad oculos" gezeigt wtlrde, wann und in welchen Fallen 
die scharfen Bestimmungen desselben nicht mehr zutreiTen. Das hiesse 
doch wirklich die Lehrer nicht zu ihrem verantwortungsvollen Berufe 
sondern zu einer Art von Kriminalstudenten heranbilden zu wollen! Ein 
solehes Buch wilrde nicht mehr ein sittliches Buch, eine Moral, sondern 
lediglich eine Lehre von der Kunst, mOglichst ungestraft zu sttndigen, die 
reine ars peccandi sein! 

Im ttbrigen aber heisst: confessionarius denunciandus est — liberal' auf 
der Welt: der Beichtvater muss oder soil denunzirt werden, und ebenso 
heisst dementsprechend auch: confessionarus non est denunciandus — de* 



38 Die Ohrenbeichte der Ehefrauen. 

Beichtvater muss oder soil nioht denunzirt werden. Es ist daher durch- 
aus richtig, so zu Ubersetzen, wie der erste Verfasser seinerzeit iibersetzt 
hat. Ligubri tritt doch immer mit seiner Autoritat dafUr ein, 
dass in diesen Fallen ein Beichtvater, der sich nach seiner 
Moraltheologie richtet, einer ihm den Vorfall beichtenden 
Frau zu sagen hat: Meine Tochter, hier ist die probablere 
Meinung die, dass du den Priester, der dich zur Unzucht 
gereizt hat, nicht anzuzeigen hast. Soweit es also auf Liguori 
ankommt, soil in diesen Fallen die Anzeige unterbleiben.*) 

Im Uebrigen muss es Prinz Max, Keller, Seidl etc. flberlassen bleiben, 
ob sie von den Bullen Gregors XV. unci Benedicts XIV. so niedrig 
denken, dass sie im Ernst meinen, diese Bullen hatten nicht auch diese 
von Liguori aufgefuhrten Ausnahmefalle mit umfassen, sollen. Schreiber 
dieses ist nicht Katholik, aber ihm scheinen die Bullen dieser zwei Papste 
doch etwas mehr sittlichen Werth gehabt zu haben, als Prinz Max, Keller, 
Seidl etc. jetzt an lhnen fibrig lassen wollen. Liguori hat diesen Bullen ein 
meisterhaftes juristisches Schnippchen geschlagen. Es steht hier eben in 
den Bullen Gregors XV. und Benedicts XIV. in der rOmischen Kirche die 
antijesuitische Moral mit der jesuitischen Moral eines Liguori, Gury, 
Lehmkuhl etc. etc. in Widerspruch. Wenn Prinz Max, Dr. Keller etc. 
letztere gegenttber dem beabsichtigten Zweck der Bullen Gregors XV. und 
Benedicts XIV. so warm vertheidigen zu miissen glauhen, — habeant sibi ! 
Sie rich ten damit nur sich selbstl 

Kostbar ist, wenn Dr. Keller hier noch anftihrt, die Fftlle der An- 
zeigepflieht bei der Sollizitation kamen auch bei strenger Durchfiihrung del 
Bullen doch so selten vor, 

„dass vielleicht neunundneunzig Prozent der Beichtvater nie in die 
„Lage kommen, sich daruber bei Liguori Raths zu erholen." 
iTein, verehrter Herr Pralat! Da kannten Papst Gregor XV., Papst 
Benedict XIV. und Liguori die Sache doch besser! Wozu denn diese 
strengen Bullen, wenn zahlreiche Falle sie nicht nothwendig gemacht 
hatten? Wozu denn diese Ausnahmefalle, wenn die Moraltheologen und 
Liguori ihnen nicht praktische Bedeutung zugemessen hatten! Ist den 
Herren Prinz Max und Dr. Keller wirklieh nicht bekannt, was der 
Patriarch schon in Nathan dem Weisen von einem blossen n Pro- 
blema" halt? 

Es muss daher die Darstellung des ersten Verfassers in allem auf- 
recht erhalten werden. Die Ausnahmefalle, wie Liguori sie konstruirt, 
involviren mindestens fur die Praxis geradezu ein Auzeigeverbot. 
Ja Liguori verbietet sogar noch ausdrucklich eine Aussage liber den 
Beichtvater, indem er schieibt: 



*) Vergl. auch Dr. phil. Paul Sohreckenbach: Rdmische Moraltheologie und 
das 6echste Gebot, Seite 14. 



Die Ohrenbeichte der Ehefrauen. 



39 



Alle sagen, dass die Beichtende 
flber dieWorte des Beichtvaters, deren 
Verbreitung - ihm Sehaden bringen 
konnte, durch die Fessel nattir- 
licheh Geheimnisses zu schweigen 
gehalten sei. Und mir, sagt Liguori, 
scheinen die Beichtenden noch stren- 
ger als andere zu diesem (wenn 
gleich natUrlichem) Schweigen ver- 
pflichtet zu sein ; denn andere geben 
freiwillig ihren Rath, der Beiehtvater 
aber ist durch sein Amt verpflichtet, 
ihn zu geben, deshalb ist die Beich- 
tende um so strenger gehalten, dass 
nicht dem Beiehtvater Sehaden er- 
wachse aus dem gegebenen Rathe. 
Pa nun dem Beiehtvater aus einer Denunziation doch Umstande 
und grosse Sehaden erwachsen konnen, so darf die Beichtende am 
wenigsten denunziren.*) 

Wollte aber trotzdem eine Ehefrau einen Beiehtvater denunziren, so 
wird ihr nieht geglaubt. So sagt Liguori Theol. mor. Tom. V. p. 781 
judices non facile credunt cuique mulierculae aecusanti, — die Richter 
glauben nicht leicht einem anklagenden Weiblein, und Gury Comp. Th. 
moralis II n. 596 beantwortet die Frage: 



■ Omnes dicunt teneri poenitentem 
rinculo secreti naturalis de dictis a 
confessario, quorum propalatio ei 
damnum posset afferre. Mihique 
cidentur teneri poenitentes huic se- 
crete (quamvis natural!) strictius 
quam alii; alii enim voluntarie con- 
silia praebent, sed confessarius tene- 
tur praebere ex officio. Unde, poe- 
nitens rigorosius tenetur cavere, ne 
confessario damnum obveniat ob 
consilium sibi praestitum. 

Liguori Theol. moralis Tom. V. 
p. 734. 



Ob den Weibern, welche einen 
Priester wegen Reizung zur Unzucht 
anklagen, leicht Glauben geschenkt 
werden dttrfe, verneinend. 



An facile fides sit adhibenda 
mulieribus sacerdotem de sollicita- 
tione accusantibus? 

Respondetur: Negative. 

Gury Theol. mor. II. 596. 

Jedenfalls wird dem Beiehtvater mehr Glauben geschenkt als dem 
Weibe; dem Weibe aber droht dann die Strafe fUr falsche Anklage des 
Priesters wcgen Reizung zav Unzucht. 

Endlich ist der Beiehtvater nach den Moraltheologien auch nicht 
verpflichtet, wenn er eine Sache mit der Beiohttoehter bei Gelegenheit der 
Beiehte gehabt hat, dies in der Beichte . anzugeben, d. h. der Beiehtvater 
braucht in der Beichte nicht anzugeben, dass es eine Beichttochter war, 
mit der er bei Gelegenheit der Beichte sich vergangen hat. Er ist 
also auch in seiner eigenen Beichte nicht verpflichtet, sich der Sollizitation 
zeihen zu mttssen. So schreibt Liguori: 



*) Prinz Max, Keller etc. versuchen auch hier wieder eine Ausrede. Da aie 
das oben angefuhrte Citat aus Liguori nicht bestrciten kdnnen, so versuchen sie die 
Behauptung, dasselbe stande mit der Anzeigepflicht bei der Sollizitation in gar 
keincr Beziehung. Aber der Aussprucb. Liguoris verbietet doch so allgemein 
dem Beichtenden ein Reden ttber Vorgange in der ^eichte, dass er ohne Zweifel 
anch das Redeverbot ttber die oben angefuhrten von Liguori konstruirten scchs 
Ausnahmefalle mit umfasst. 



40 Die Ohrenbeichte der Ehefrauen. 



Die Frage ist, ob der Beichtvater, 
welcher mit einer geistigen Tochter 
(Beichttochter) bei Gelegenheit der 
Beichte eine Sache hatte, dies in 
seiner Beichte angeben muss. 

Antwort: Die mehr probable 
Meinung verneint dies. 



Quaeritur an confessarius, rem 
habens cum filia spirituali occasione 
confessionis, debeat hoc explicare 
in confessione. 

Respond. : Probabilior sententia 
negat cum Fill., Sporer, Elbel, Holzm.; 
item Vasq., Bon., Pont., Die, Diana, 
Trull., Leand etc. apud. Salm. 

Liguori Theol. moralis Tom. Ill 
p. 28. 30. 31: 

Dem Beichtvater ist also, obgleich nach Liguori sonst jede sehwere 
Silnde gebeichtet werden soil, doch hier ein Loch gelassen, so dass er 
den erschwerenden Umstand, dass es seine geistige Tochter, sein Beicht- 
kind ist, mit dem er sich vergessen hat, auch in der Beichte nicht zu 
sagen braucht, d. h. der Beichtvater ist nach Liguori im Falle der 
Sollizitation auch in der Beichte nicht zur Selbstanklage verpflichtet. 

Diese Feststellung ist natUrlich Prinz Max, Dr. Keller etc. so unan- 
genehm wie moglich. Sie machen daher die grossten Kapriolen, um ilber 
diesen Punkt bei Liguori hihweg zu kommen. Sie schreiben beide etwa: 
„Es verstehe sich von selbst, dass auch der Priester wie der 
„Laie jede Todstlnde beichten mllsse, aber dass er bei der An- 
„klage auch den besondern Umstand erwahnen mttsse, dass die 
„Verletzte sein Beichtkind gewesen sei, und dass die Siinde auf 
„Veranlassung der Beichte geschehen sei, verneine der heilige 
fl Alphons." 
Ja, aber dieser besondere Umstand ist ja gerade die Haupt- 
saclie ! Wenn ein lediger Mann oder lediger Geistlicher sich mit einena 
unverheiratheten Frauenzimmer vergisst, so setzt beispielsweise das deutsche 
Strafgesetzbuch gar keine Strafe darauf, und selbst wenn es sich um eine 
verheirathete Frau handelt, also Ehebruch hinzukommt, kanu nur ftlr den 
Fall, dass die Bhe deswegen geschieden wird, auf Gefangniss bis zu sechs 
Monaten erkannt werden. (§ 172 Str. G. B.) Wenn aber Vormttnder mit 
ihren Pflegebefohlenen, Lehrer und Erzieher mit ihren Zoglingen, Geist- 
liche mit Konfirmanden Unzucht treiben, so steht Zuchthaus bis zu fttnf 
Jahren darauf. (§ 174 Str. G. B., Urt. v. 17./11. 84) Das Strafgesetzbuch 
fasst daher und zwar mit Recht diese Falle mit erschwerenden Um- 
standen sehr viel scharfer auf. Ein ebenso' erschwerender Umstand 
aber ist es, wenn der Beichtvater die Beichte benutzt, um mit der Beicht- 
tochter Unzucht zu treiben. Zwar hat das deutsche Strafgesetzbuch wohl 
unter dem Einflusse der Ultramontanen, dies bedauerlicherweise nicht unter 
den Zuchthausfallen mit aufgenommen. Moralisch wird die Sache dadurch 
aber nicht um ein Haar besser! Denn ob der Geistliche mit einer Konfir- 
mandin oder mit einer Beichttochter sich einlasst, steht sittlich auf ganz 
derselben verwerflichen Stufe. 

Fassen wir alles zusammen, so ergiebt sich, dass, wenn es nach 
Liguori geht, der Beichtvater, wie er sogar in der Beichte sich nicht selbst 



Die Ohrenbeichte der Ehefrauen. 41 

der Sollizitation zu bezichtigen braucht, tlberhaupt vor jeder DenunaiatioB 
ziemlich sicher sein kann. 

Man kann daher nicht verkennen, dass die Gefahr des Ehebruches 
fur den Liguori'schen Beichtvater und die beichtende Ehefrau nach dem 
Vorgetragenen eine sehr grosse ist. Wie haufig diese Ehebrttche sind, und 
wie viele Priester in der rOmischen Kirche der Unzucht verfallen sind, das 
zeigen uns die Bekenntnisse der Priester, welche urn den Gefahren des 
Ehebruches zu entgehen, aus der ~romischen Kirche ausgetreten sind. 

Pater Chiniqui, ein sehr gewissenhafter und durchaus zuverlassiger 
Mann, berichtet in seinem Werke: Der Priester, die Frau und die Ohren- 
beichte, Barmen 1889, Seite 41, dass von 200 Priestern, die dem Pater 
Chiniqui gebeichtet haben, 179 Priester sich mit Beichtkindern vergangen 
hatten. Von ihnen hatte der Eine allein gegen 1500 Frauen bezw. Madchen 
in der Beichte gehabt. Von diesen hatte er nach seiner eigenen Angabe 
wenigstens Tausend durch Fragen ttber unzttchtige Dinge sitthch vollig 
ruinirt oder doch schwer geargert. Ein anderer angesehener Priester 
Hyacinthe hat nach demselben Buche S. 248 offentlieh erklart, dass von 
100 Beichtvatern 99 mit den Frauen, welche bei ihnen beichten, sich 
vergessen hatten. 

Prinz Max, Dr. Keller und die ttbrige Cohorte ultramontaner Sehrift- 
steller wollen naturlich diese beiden Zeugen nicht gelten lassen. Prinz 
Max spricht von einer „Schmutzschrift", Keller sogar von einem „Hund tt 
Chiniqui. Aber wer selbst auf einer so niedrigen moralischen Stufe 
steht, dass er dem Laien zwar die Last auflegt, alle schweren Stinden 
genau beichten zu mtlssen, dem Priester aber mit Liguori auch in der 
Beichte Ausnahmen und Durchschlupflocher offnen hilft, der hat wahrlich 
kein Recht, auf Manner wie Chiniqui und Hyacinthe mit Steinen zu 
werfen! Hat doch ersterer das Zeugniss seines Bischofs fur sich: er sei 
der beste Priester seines Sprengels gewesen, und sogar vom Papste 
selbst wegen seiner Erf olge in der Enthaltsamkeitsbewegung den aposto- 
lischen Segen erhalten! Es ist daher auch nicht der mindeste ernste 
Grund vorhanden, irgendwie an der Glaubwtirdigkeit Chiniquis zu zweifeln. 

Von den Priestern, welche diesem gebeichtet haben, hatten also fast 
90 Prozent, von denen, die "dem Pater Hyacinthe gebeichtet haben, hatten 
selbst 99 Prozent mit den bei ihnen beichtenden Frauen sich vergangen, 
und zwar einzelne von ihnen mit vielen Hunderten von Beichtkindern. 
Die grosse Mehrzahl der Beichtvater verschweigt freilich, was die Priester 
bei ihnen gebeichtet haben. 

Dass sehr zahlreiche Beichtvater in der romischen Kirche — so weit 
eie Liguori folgt — also zur Verftihrung der ihnen in der Beichte anver- 
trauten Frauen kommgn und kommen mtlssen, dass darnach die Gefahr 
einer solchen Beichte fiir jede Fran eine furchtbar grosse ist, zumal beim 
Eheverbot ftir den Geistlichen, — dass also eine derartige Ohrenbeichte 
vor unverheiratheten (vielleicht selbst geilen) Geistlichen von pflichttreuen 
Mannern ihren Frauen kaum gestattet werden darf, das kann hiernach wohl 
oiemand leugnen bez. bezweifeln. Ist doch die Verfiihrung einer Ehefrau 



42 Die Ohrenbeichte der Ehefrauen. 

insofern das Lockendste, als ftir den Fall einer Schwangersehaft das Kind 
als eheliches Kind des Ehemannes gelten und jeder weitere Skandal sbwie 
die Strafe am leichtesten dabei vermieden werden kann. 

In der That, die Versuchung zur Verftihrung ist ftlr den Priester in 
dem nach Liguori gehandhabten Beichtstuhl eine so gefahvliche, dass man 
kaum einen Stein auf ihn werfen kann. Denke dir, du wiircst verpflichtet, 
als Unverheiratheter mit einem jungen Madchen oder einer hUbsehen Frau 
unter vier Augen alle die unziichtigen Gesprache zu fiihren, zu denen der 
Priester nach Liguori verpflichtet ist; denke dir, du warest berechtigt, dir 
von ihr alle, auch die kleinsten Kleinigkeiten erzahlen zu lassen, solltest 
du da nicht in grosse Versuchung gerathen? Und wenn solche Versuche 
si ch taglich wiederholen? 

Ich glaube, fast jeder von uns wttrde da erlegen sein. Ich wenigstens 
wtirde zweifeln, ob ich nicht ebenso erlegen ware, wie so viele romisehe 
Priester. Und wir konnten doch solche Versuchung fliehen und beten; 
Fiihre mich nicht in Versuchung, sondern erlose mich von dem Uebel. 
Aber dem romischen Priester ist dies nicht gestattet; er muss taglich von 
neuem diese Versuchung fiber sich ergehen lassen. 

Es werden deshalb in der romischen Kirche die Ehebruche der 
Priester auch nur als geringere Vergehen angesehen, welche der Bischof 
dem Priester nach vollbrachter Busse nachsehen kann. 

Der Papst Alexander III. hat 1180 n. Chr. in einem Schreiben an 
den Erzbischof von Salerno folgenden Grundsatz aufgestellt, der auch heute 
noch als kanonisches Recht gilt : 

De adulteriis et aliis criminibus, Von Ehebrflchen und andern V e r- 

quae sunt minora, potest episcopus gehen, die geringer sind, kann der 
cum clericis post peractam poeni- Bischof mit den Klerikern nach voll- 
tentiam dispensare, ut in suo ordine endeter Busse dispensiren, damit sie 
ministrent. (die Priester) in ihrer Amtsordnung 

weiter kirchliche Dienste thun. 

Darnach figurirt also der Ehebruch des Priesters nach papstlicher 
Auffassung einfach unter den Bagatellen! Der Bischof kann in Gemein- 
schaft mit den Klerikern einen ehebrecherisc'hen Priester ohne weiteres 
wieder in sein Amt einsetzen, wenn letzterer die Kirchenbusse abgemacht 
hat. Es bedarf dazu nicht einmal. eines Anrufens der obersten kirchlichen 
Spitze, des Papstes. Wie oft mussen doch solche Ehebruche der Priester 
vprgekommen sein, wenn der Papst sich ausser Stande sah, die Ent- 
scheidung in solchen Fallen sich vorzubehalten ; sondern es fflr nothig hielt, 
die Entscheidung, ob ein ehebreeherischer Priester weiter priesterliche 
Funktionen ausiibeu darf, jedem einzelnen Biscbofssitz Hberlassen zu 
mussen! 

Freilich versucht auch hier Prinz Max, die Sache zu verdrehen. Er 
will iibersetzt haben: 

B In Bezug auf die Ehebruche und die andern Vergehen, welche 
„die kleineren sind, kann der Bischof die Kleriker nach Yollen- 



Die Ohrenbeichte der Ehefrauen. 43 

„deter Busse dispensiren, dass sie in ihrer Weihestufe weiter 
„dienen konnen" 
und erlautert dies noch dahin, 

„damit wird aber der Ehebruch selber noch nicht als ein min- 
„deres Verbrechen bezeichnet, sondern nur jene andern Ver- 
„brechen." 
Aber wer lacht bei dieser Deutung den Prinzen Max nicht einfach 
aus? Dispensare cum elericis heisst niemals: die Kleriker dispensiren. 
Und: adulteria et alia crimina, quae sunt minora — heisst ilberall auf der 
Welt: BhebrUche und andere kleinere Vergehen! Wenn ich sage 
Schmuck- und andere Werthsachen, so sind die Schmucksachen doch auch 
Werthsachen! Oder wenn ich sage: Prinz Max und andere Gelehrte, — so 
meine ich doch nicht, dass Prinz Max kein Gelehrter seil Wenn der Prinz 
daher von einer „stupenden Unwissenheit" und „Unkenntniss des Lateini- 
schen" spricht, so.kehi-te er vor allem am besten vor seiner eigenen Thtlr! 
Wenn Prinz Max diesem Edikt des Papstes Alexanders III. gegenttber 
nicht in die todtlichste Verlegenheit gekommen ware, hatte er sich solche 
BlOsse nicht gegeben. Seine ganze Deutung ist nichts als missglUckter 
Versuch sich aus der peinlichsten Verlegenheit herauszureden — es koste, 
was es wolle! 

Und nun sehen wir doch einmal, was fiir ein bedenkliches Ding e« 
ist, wenn ein ehebrecherischer Priester nach vollbrachter Kirchenbusse 
wieder in sein Amt eingesetzt wird! Ob wohl ein Lehrer, welcher sich 
mit einem seiner Schulkinder vergangen hat, jemals wieder zur Schule 
zugelassen werden dttrfte? Ist der Priester, der mit einem Beichtkinde 
Ehebruch getrieben, dann ein anderer, wenn er die rein ausserlichen 
Gebete und Kasteiungen der Kirche abgemacht hat? ^Uebrigens", sagt 
„Dr. Schreckenbach *), „irrt der Prinz gewaltig, wenn er die Kirchenbussen 
„fttr Uberaus streng und langwierig halt. Wieviel Dispensationen gab es 
„auch in diesem Punkte! Oft wurde die Kirchenbusse zur reinen Farce. 
„Man hatte ja auch in manchen Gegenden zu manchen Zeiten garnicht die 
„Macht gehabt, alle unzttehtigen und ehebrecherischen Priester mit lang- 
„wierigen Kirchenstrafen zu belasteri, denn dadurch hatte man liber dai 
„ganze Land, ohne es zu wollen, das Interdikt verhangt. Der Prinz 
„studire die Vorgeschichte der grossen Reformkonzile des 15. Jahrhunderts 
„und die Visitationsakten stlddeutscher Bischofssprengel aus derii Anfang 
„des 16. Jahrhunderts, dann wird er das vielleicht einsehen. Oeffentlich 
„wurde die Kirchenbusse an Klerikern zumeist nicht vollzogen, das sollte 
„der Prinz wissen." 

4. Gury und der Heilige Alphonsus Maria de Liguori leiteifc 
die Ehefrauen selbst zum Meineide an, um den Ehe- 
bruch vor dem Ehe'gatten zu verheimlichen. 
Der Heilige Liguori rechtfertigt, wie wir im vierten Abschnitt sehen 
werden, den Meineid fiberhaupt, und namentlich auch fUr Frauen durch 

*) Am angefahrten Orte. 



44 



Die Ohrenbeichte der Ehefrauen. 



Anwendung des Probabilismus; fllr die Ehefrauen aber giebt er Band II 
n. 162 Seite 264 — 265 noeh specielle Anleitung, wie jede Frau ihren 
Mann durch Meineide betriigen darf. Da Gury diese Anleitung ohne 
Anwendung des Probabilismus giebt, so gebe ich die Anleitung nach Gury 
in Gury Casus conscientiae Ratisbonae 1865 S. 129. Gury schreibt: 



Anna, cum adulterium com- 
misisset, viro de hoc suspicanti et 
sciscitanti respondit prima vice, se 
matrimonium non fregisse; secunda 
vice, cum jam a peccato fuisset ab- 
soluta, respondit: Innocens sum a 
tali crimine. Tandem tertia vice, 
adhuc instante viro, adulterium pror- 
sus negavit dixitque: non commisi, 
intelligendo adulterium tale, . quod 
teneatur revelare seu: non commisi 
adulterium tibi revelanduni. 



Quaeritur: An damnanda Anna? 

Responsio: In triplici memorato 
casu Anna a mendacio excusari 
potest. Etenim : 

In primo casu dicere potuit, se 
matrimonium non fregisse, siquidem 
adhuc subsistit. 

In secundo casu potuit dicere, 
Be innocentem esse ab adulterii cri- 
mine, siquidem, peracta confessione 
et recepta absolutione ejus con- 
scientia ab illo non amplius grava- 
batur, cum certitudinem moralem 
haberet, illud sibi remissum fuisse. 
Imo potuit hoc asserere etiam cum 
juramento juxta S. Lig. ib. n. 162. 
— Less. — Salm. — Suar. cum 
«ententia communi. 



Frau Anna, welche einen Ehe- 
bruch begangen hat, antwortet ihrem 
deshalb argwohnischen und fragenden 
Gemahl, das erste Mai, dass sie die 
Ehe nicht gebrochen habe, das zweite 
Mai, da sie bereits von der Siinde 
absolvirt worden war, antwortet sie : 
Ich bin eines solchen Verbreehens 
nicht schuldig. Weil aber der Ge- 
mahl immer noch mit Fragen drangt, 
so leugnete sie das dritte Mai den 
Ehebruch ganzlich ab und sagt: Ich 
habe ihn nicht begangen, indem sie 
an einen solchen Ehebruch denkt, 
den sie zu offenbaren verpflichtet 
ist, oder sie denkt : Ich habe keinen 
dir zu offenbarenden Ehebruch be- 



Die Frage ist: Ist Anna zu ver- 
urtheilen? 

418. Antwort: Anna kann in 
alien drei Fallen von der Luge frei- 
gesprochen werden. Im ersten 
Falle namlich konnte sie sagen, sie 
habe die Ehe nicht gebrochen, weil 
diese (trotz des Ehebruchs) „noch be- 
stand". 

Im zweiten Falle: dass sie an 
dem Verbrechen des Ehebruchs un- 
schuldig sei, weil nach Ablegung 
der Beichte und nach Empfang der 
Absolution ihr Gewissen von jenem 
Verbrechen nicht mehr beschwert 
wurde, da sie die moralische Ge- 
wissheit hatte, dass ihr jenes ver- 
geben worden sei. Ja, sie konnte 
dies sogar mit einem Eide bekraf- 
tigen, nach dem heiligen Liguori, 
nach Lessius, den Salmaticensen 
und nach Suarez gemass der all* 
gemeinen Meinung. 



Die Ohrenbeichte der Jungfrauen. 



45 



In tertio casu potuit etiam pro- 
babiliter nega're, se adulterium com- 
misisse, intelligendo ita, ut peccatum 
marito revalare deberet, eodemmodo, 
quo reus potest dicere judici non 
legitime interroganti: crimen non 
commisi, i. e. intelligendo, se non 
commisisse ita, ut teneatur illud ei 
manifestare. Sic ad haec omnia S. 
Lig. ib. n. 162. cum aliis bene 
multis. 



Auch im dritten Falle konnte 
sie nach probabler Meinung leugnen, 
dass sie den Ehebruch begangen habe, 
namlich mit dem Gedankenvorbe- 
halte: so, dass sie ihre Silnde dem 
Gatten offenbaren mtisste; ebenso, 
wie ein Angeklagter dem nicht gesetz- 
massig fragenden Richter sagen kann: 
„Ich habe das Verbrechen nicht be- 
gangen, wobei er sich denkt: er habe 
es nicht so begangen, dass er ver- 
pfliehtet sei, es jenem einzuge- 
stehen." 
Wie furchtbar hauflg mlissen nach Ansicht Liguoris, Gurys, des 
Prinzen Max etc. Ehebrtlehe vorkommen, wenn Morallehrer wie Liguori 
zu solchen Meineiden die Zuflucht nehmen, und die eheliche Frau noch zu 
golchen Meineiden zu verleiten suchen. 

Das sagt wohl Jedem genug! Doch Nein! Horen wir noch, wie 
Prinz Max die Frau herauszu — reden versucht: 

„Es ist zu bemerken, dass die Frau nicht (sic!) verpflichtet ist, 

„ihrem Manne ihre Schande einzugestehen, weil dies zu den 

„grossten Zwistigkeiten, haufig selbst Ehescheidungen und damit 

„zum grossten Ungliick der Familie fiihren kann. Direkt lflgen 

^darf sie freilich niemals .... sie darf aber ausweichend ant- 

„worten und alles sagen, was nicht eigentlich Li}ge ist." 

Das heisst vom Jesuitischen ins gewohnliche Deutsch, von der Sprache 

des Prinzen Max in die des Volkes Ubersetzt: Liigen darf die Frau nicht, 

aber betriigen darf sie den Mann, soviel sie lustig ist, wenn sie bei ihren 

Ausreden nur die nothige Schlauheit gebraucht! Und mit diesem Ausblick 

auf die Morallehre des Prinzen Max wollen wir diesen Abschnitt schliessen! 



Dritter Abschnitt: 

Die Ohrenbeichte der Jungfrauen und Madchen. 
1. Liguori und die ihm ahnlichen Moraltheologen zer- 
storen mit der Praxis, die sie im Beichtstuhl ange- 
wendet wissen wollen, das den Jungfrauen und Madchen 
yon Gott zum Schutz gegebene Schamgeflihl, indem sie 
den Beichtvater zur Durchbrechung desselben und zu 
unztichtigen Fragen an Jungfrauen und Mfiidchen ver- 
pflichten. 
Gott hat den jungen Madchen ein SchamgefUhl eingepflanzt, welches 
sie vor alien Versuchungen beschirmt, und dies Schamgeflihl wird von 
alien verstandigen Eltern wie von der Schule auf das sorgfaltigste bewahtt 
und gepflegt. 



46 Die Ohrenbeichte der Jungfrauen. 

Es ist ja nicht zu leugnen, dass in der Jugend, zur Zeit des Mann- 
barwerdens die geschlechtlichen Reizungen mit solcher Maeht erwachen, 
dass jeder junge Mensch seine Gedanken darauf richtet und auch wohl 
einmal Reizung der Theile vornimmt; das Gefiihl der Seham ist dann die 
Schutzwehr, welche ihn vor tieferem Fall bewahrt. Die Kirche hat daher 
die Aufgabe, auch ihrerseits dieses von Gott der Jungfrau und dem 
Madchen eingepflanzte Schamgeffihl auf das sorgfaltigste und naeh besten 
Kraften zu hegen und zu verstarken. Die von Gott dem Menschen mit- 
gegebene Schutzwehr zerstoYen, die Madchen und jungen Leute ausfragen 
und sich mit Verletzung der Scham unztlchtige Dinge erzahlen lassen, daa 
heisst nicht diese Aufgabe fordern, sondern ruchlos Unzucht und zwar in 
sehamlosester Weise verbreiten. 

Trotzdem aber fordert Liguori und mit ihm auch die flbrigen Moral- 
theologen jesuitischer Schulung anderer Zwecke wegen die Durchbrechung 
dieses Schamgefiihls, indem sie in der Beichte von der Jungfrau die Er- 
zfthlung aller seit der Taufe bez. dem letzten Beichtgang vorgekommenen 
unziichtigen Gedanken, Worte und Thaten verlangen und den Beichtvater 
verpflichten, Fragen fiber alle nur irgendwie vorkommenden Unziichtig- 
keiten an das Beichtkind zu stellen. 

Liguori selbst fordert fur die Beichte, dass nothwendiger Weise 
gebeichtet werden muss 



omne peccatum mortale post 
baptismum commissum et non eon- 
fessum 



jede nach der Taufe begangene 
und noch nicht gebeichtete Tod- 
siinde 

und dass zweckm&ssig (wenn auch nicht absolut nothwendig) weiter 

gebeichtet werden soil 



omne veniale post baptismum 
commissum, vel etiam mortale alias 
rite confessum. 



jede nach der Taufe begangene 
lassliche Siinde und auch die sehon 
anderwarts regelrecht gebeichtete 
Todsiinde. 
Liguori und die flbrigen Moraltheologen schreiben nun dem Beichtvater 
mit wahrhaft jesuitischem Raffinement vor, wie er zu diesem Bekenntniss 
aller seit der Taufe begangenen und noch nicht gebeichteten Slinden zu 
gelangen hat, u'nd wie der nach Liguori sich richtende ultramontane 
Beichtvater sich gleich bei der ersten Beichte der Seele des Beichtkindes 
in einer Weise bemachtigen muss, dass — und das ist fur Liguori und 
die Jesuiten die Hauptsache — das Beichtkind garnicht erst aufathmen 
kann, sondern gleich von vorneherein ein fur alle Mai dem Ultramontanis- 
mus und Jesuitismus verfallen bleibt. 

Sehen wir, wie Liguori dieses Ziel erreichen will. 
Zunachst soil sein ultramontaner Beichtvater als Diplomat auftreten, 
indem er vftterhches Wohlwollen vorgiebt und eine Unbekanntschaft mit 
den Siinden heuchelt. Er soil bei der Beichte fiber die geschlechtlichen 
Verhaltnisse eine sanfte, freundliche, wohlwollende Miene zeigen, fiber nichts 
Erstaunen zeigen, was die Beichtende auch beichtet, auch nicht intereaart 
dabei erscheinen, sondern ganz indifferent, und wenn er fragt, Sorge 



Die Ohrenbeichte der Jungfraaen. 47 

tragen, class er diese unztichtige und gefahrliehe Materie leicht bertthre; 
er soil die ausserste Reserve und grosste Klugheit bewahren, nm rich 
nicht zu exponiren durch eine zu wenig gemassigte Sprache. Er soil, 
urn eine bose Neigung oder Gewohnheit zu entdecken, nicht fiber die 
Sache selbst, sondern fiber Nebenumstande fragen. Er soil, ehe sie alles 
gesteht, zu scheinen suchen, als ob er sie entschuldige, indem er das 
Hassenswerthe der Pehler auf die Komplizen wirft, und sagt, dass sie selbst 
diese unsittlichen Handlungen nicht wtirde begangen haben, wenn nicht 
ein verdorbener Genosse sie das Uebel gelehrt hatte. Dann wird empfohlen, 
dass der Beichtvater, damit nicht die Beichtende erstaunt sei und Argwohn 
schopfe, woher der Beichtvater diese Siinden alle kenne, welche einem 
Priester fremd sein miissen, lllge und sage, er habe diese Sachen bus 
medizinischen Btichern oder von Medizinern selbst erfahren. (Lig. T. 8.) 

Man sieht, sein ultramontaner Beichtvater soil dem ergrautesten 
Diplomaten Konkurrenz machen; auf Heuchelei, auf falsche Vorspiegelungen, 
selbst auf Liigea darf es dem Liguori'schen Beichtvater garnicht ankommen! 
Der Zweck heiligt die Mittel! Handelt es sich doch nach dem Satze: 
Wer A gesagt hat, wird auch B sagen, — urn den Seelenfang fttr den 
Ultramontanismus und Jesuitismus. 

Liguori beschreibt in seiner der Theologia moralis angehangten 
Praxis confessarii ad bene excipiendas confessiones (Praxis des Beieht- 
vaters die Beichten gut herauszuziehen) diese einleitenden Schritte in 
einer Form, welche uns die Praxis, wie das Schamgefiihl der Beich- 
tenden durch Furcht vor ewigen Strafen beseitigt und durchbrochen 
werden soil, noch ausfiihrlicher darlegt. Um zu verstecken, wie Madchen 
hierdurch gefangen werden, fiihrt er in seiner Ansprache an das Beicht- 
kind statt eines Madchens einen Knaben ein ; die Sache wird aber vie] 
deutlicher, wenn wir, um zu sehen, wie sein Beichtvater auf Jungfrauen und 
Madchen einwirken soil, statt des Knaben wieder das Madchen einfiihren. 

Nach Liguori soil der Beichtvater zunachstdieBeichttochter reden lassen 
und ihren Ausfiihrungen zuerst mit Liebe und Milde entgegenkommen, 
er soil sie nicht etwa gleich anfanglich durch seine Strenge erschrecken. 



Caritatem debet Confessarius 
ostendere in confessionem excipiendo. 
Caveat, ne se impatientem aut taedio 
affectum exhibeat; nee ostendat ad- 
miratione percelli de peccatis, quae 
narrantur. 

Quapropter ei animum faciat ad 
reliqua peccata confitenda, dicens: 
Eja filial vis ab hoc vitio resipiscere? 
Non ita est? Et quoniam hoc facere 
es parata, esto animo hilari! Itaque 
enarra reliqua peccata, nihil reticens! 

Lig. Prax. conf. Cap. 1 n. 4. 



Der Beichtvater zeige seine Liebe 
bei der Annahme zur Beichte; er 
httte sich, Ungeduld oder Ekel zu 
zeigen; er zeige auch nicht, dass 
er von Staunen ergriffen werde fiber 
die Siinden, Welche erzahlt werden. 
• Deshalb soil er ihr Muth machen, 
weitere Siinden zu erzahlen, also 
sprechend : Tochter ! Du willst dich 
von dieser Siinde bekehren? 1st es 
nicht so?; Und weil du hierzu bereit 
bist, sei frohen Muthes. Daher 
erzahle die llbrigen SUnden, 
nichts verschweigend! 



48 



Die Ohrenbeichte der Jungfrauen. 



Dann aber sollen bald sehr ernste Tone angeschlagen werden: 



Gave, quaeso, ne sis aliquod 
sacrilegium commissura; hoc enim 
esset maximum omnium peccatorum, 
quae hucusque commisisti! Igitur 
die omnia animo forti, vince te ipsam : 
confitere omnia sincere! Deus x enim 
paratus est tibi parcere. 

Liguori Theol. mor. T. VIII p. 5. 6. 



Ich bitte dich, httte dich, das» 

du nicht ein Sakrileg d. h. 

eine Versilndigung am Aller- 

heiligsten begehst, denn dies 

ware die grosste aller Sunden, 

welche du bisher begangen 

hast. Daher sage alles mil starkem 

Geiste, tlberwinde dich selbst, 

bekenne alles offen, denn Gott 

ist bereit, es dir zu verzeihen. 

Nach dieser furchtbaren Ermahnung soil dann zuletzt am Schlusse 

der Beichte die Bedrohung mit dem ewigen Hollenfeuer erfolgen. Die- 

selbe soil der Beichtvater nach Liguori in die folgende Ermahnung 

einkleiden: 



Filia mea considerasne vitam 
damnatae, quam duxisti? Percipisne 
malum, quod operata es? 

Quid tibi mali fecit umquam 
Deus tuus, quem tu ita perdite 
eontempsisti ? 

Si Jesu Christo nullus fuisset tibi 
inimicior, potuisses cum illo te ge- 
rere pejorem? Sed quaeso, animad- 
verte, quis sit hie Jesus. Hie est 
ille, qui, cum esset Deus, nullius 
egens, factus est homo propter te: 
vbluit mori in cruce, ut te de in- 
ferno redimeret. 



Ah filia, si interim mortua esses, 
si in hac nocte, quo itura fuisses? 
ubi nunc esses? esses in aeterno 
igne inferni. Quid de te factum 
erit, si vitam hactenus ductum per- 
gas in posterum vivere? Poteris sic 
ealvari? 



Expergiscere et vide, quod, nisi 
mores in melius mutes, jam es 
damnata. Quid boni ex tot pecca- 
tis tibi collegisti? Nonrie coneideras, 



Meine Tochter, erwftgst du nicht, 
dass du das Leben einer Verdammten 
gefiihrt hast? Bemerkst du nicht 
das Uebel, welches du gethan hast? 

Was hat dir dein Gott, welchen 
du so heillos verachtet hast, jemals 
Uebles gethan? 

Wenn Jesus Christus dein grfisster 
Feind gewesen ware, hattest du dich 
schlechter gegen ihn betragen kon- 
nen? Aber ich bitte, betrachte, wer 
dieser Jesus ist? Dieser ist der, 
welcher, ob er wohl Gott war, 
nichts bedurfend, um deinetwillen 
Mensch geworden ist; er wollte 
sterben am Kreuze, damit er dich 
aus der Holle befreie. 

Tochter, wenn du inzwischen, 
wenn du in dieser Nacht gestorben 
warest, wohin warest du gekommen? 
wo warest du nun? Du warest 
im ewigen Feuer der Holle. 
Was wird mit dir geschehen, wenn 
du das bisher gefiihrte Leben fort- 
fahrst audi kunftig zu fiihren? 
Kannst du 60 gerettet werden? 

Erwache und siehe, dasa 
du, wenn du deine Sitteq 
nicht besserst, schon verdammt 
bist. Was hast du dir aus so vie] 



Die Ohrenbeichte der Jungfrauen. 



49 



quod duplicem infernum tibi paras, 
unum hie angoris et miserae, alterum 
illic poenarum? 



Siinden Gutes erworben ? Bedenkst 
du nicht, dass du dir eine 
zwiefache Holle bereitest, eine 
hier der Angst und des Elends, 
die andere dort der Strafen? 

Wohlan Tochter, wende dich vom 
Bosen, hore auf zu stindigen, und 
wirf dich ganz in die Arme Gottes, 
welche ausgebreitet sind, dich auf- 
zunehtnen; es geniigt, was du gegen 
ihn bereits gesiindigt hast! 

Ich will dir mit alien Kraften'und 
ganzem Herzen helfen, komme zu 
mir, stets, wann es dir gefallt, denn 
du wirst einen Vater finden, welcher 
dich freundlich aufnimmt. Fest be- 
schliesse nun, dass du" dich heilig 
machen willst. Bei dir steht es; 
denn Gott ist stets bereit und hat. 
dir hierzu diese Zeit gegeben, dass 
du dich vom Bosen abwendest und 
das Gute thuest! wie gut ist es, 
Gott zum Freunde zu haben. 



Age Alia, averte a malo, desine 
peccare, et te totam in Dei brachia, 
quae ad te susciepiendam sunt extensa, 
committe: sufficit, quantum ei 
peccasti! 

Ego totis viribus et toto corde 
»e adjuvare volo, veni ad me, 
eemper ac tibi lubet, quoniam 
mvenies patrem, qui te benigne 
suseipiet. En firmiter nunc statue 
te sanctam velle effici. Per te stat; 
Deus enim semper paratus est, et 
ad hoc tibi hoc tempus impertitus 
est, ut avertas a malo et facias 
bonum! quam bonum est, amicum 
habere Deum! 

Liguori Theol. mor. T. VIII p. 6. 7. 

Die Beichtende in dieser Weise in die grosste Angst versetzt, soil 
sich also ganz dem Beichtvatef in die Arme werfen, sie soil so veranlasst 
werden, alle Siinden zu bekennen, welche sie seit ihrer Taul'e oder letzten 
Bei elite begangen hat und nichts verschweigen. Ja es wird ihr ina- 
Desondere gesagt: wenn sie irgend etwas verschweige, so sei das eine 
grossere Siinde als alles, was sie bisher gethan habe! Kann es gerade 
far gewissenhafte Gemiither eine grossere Folter geben! Kann es eine 
grossere Aufregung der Seele geben, als wenn Liguori seinen Beicht- 
vater sagen lasst: wenn auch nur eine einzige Todsiinde ungebeiehtet 
bleibt, so ist das die grosste aller Siinden ! Jede Regung, jeden Gedanken, 
den sie in der Kindheit, bez. wahrend der geschlechtlichen Entwicklung 
gehabt hat, was sie vor sich selbst verschweigt und glttcklich langst iiber- 
wunden hat, was ihre Scham verbietet, irgend jemand zu sagen, das soil 
sie mit Brechung ihrer Scham dem Beichtvater erzahien, der langst aus 
dem elterlichen Hause fortgenommen und vom Studium einer unziichtigen 
Moral, wie es die Liguorische ist, beschmutzt, von der Keuschheit der 
Seelen anstandiger Mfidchen schwerlich eine Ahnung hat, wohl selbst 
schon mit gemeinen Dirnen verkehrt haben mag. Sollten wirklich diese 
Anweisungen Liguoris von seinem Beichtvater durchgefiihrt werden, so 
miisste folgerichtig den Madchen ja der Rath gegeben werden, liber jede 
stindige Regung, jeden unziichtigen Gedanken, jedes siindige Wort, jede 
solche Handlung genau Buch zu ftihren, urn bei der Beichte damit 



50 



Die Ohrenbeichte der Jungfrauen. 



dienen zu konnen. Ob die Sittlichkeit, ob das kirchliche Leben bei einem 
eolchen „Sundenschuldbuch" wohl gewonne? Prinz Max meinte ja swar, 
ob em Madchen solche Dinge dem Beichtvater oder niemand erziilile, sei 
ganz egal ! Aber auch das Siindenschuldbuch braucht ja Niemandem vor- 
gelegt zu werden als dem Beichtvater. Man sieht, solche Ungcliouerlich- 
keit, wie Liguori sie hier lehrt, richtet sich selbst. 

Wenn das beichtende Madchen dann aber nichts weiter zu boichten 
hat, oder aus angeborner Scham schweigt, oder dem Beichtvater .scheint, 
als habe es ' nicht alles gesagt, dann fordert Liguori und Ibnlern mit 
ihm die andern jesuitischen Moraltheologen, dass die Citrone noch weiter 
ausgepresst, die Seelenfolter noch weiter angespannt werden soil, dass der 
Beichtvater die Beichtende durch Fragen zu weitern Gestandnissen bringe. 
Liguori schreibt vor: 



Confessarius tenetur ipse earn 
interrogare prius de peccatis in quae 
verosimiliter incidere poterat (Pr. 
conf. Cap. I §4 n. 19} spectata ejus 
conditione et capacitate (a. a. 0. 20) 
et postea de eorum specie. 



Der Beichtvater ist gehalten, selbst 
sie (die Beichtkinder) zunachst (iber 
Siinden zu befragen, in welche sie 
in Anbetracht ihrer Stellung und 
Empfanglichkeit leicht fallen konnten 
und spater tiber die Beschaffenheit 
dieser Siinden. 



Hierzu gehoren selbstverstandlich auch die Fragen nach verschiedenen 
Nebenumstanden, da ja von diesen die Entscheidung des Beiehtvaters 
abhangen soil (vergl. Seite 22 und Lig. Theol. mor'. T. V. pag. 712, 713). 



Deinde interroget de numero, inter - 
rogando poenitentem, quoties cir- 
citer peccaverit in die aut in heb- 
domade aut mense, proponens ei 
plures numeros, ex. gr. ter aut 
quater, octies vel decies, ut videat, 
cui numero potius ilia adhaeret. 

Liguori Theol. moralis T. VIII p. 
23. 24. 

Dann kommen die einzelnen unziichtigen Fragen, zu denen Liguori 
den Beichtvater verpflichtet, 



Dann frage er iiber die Zahl der 
Sunden, indem er die Beichtende 
fragt, wie oft sie etwa in einem 
Tage oder in einer Woche oder in 
einem Monate gesiindigt habe, ob 
sie z. B. 3, 4, 8, 10 mal a. t. w. 
gesiindigt habe. 



an umquam olim rubore suffecta 
in confessione aliquod peccatum 
reticuerit 



ob sie jemals frtlher der Scham 
unterliegend irgend eine Stinde bei 
der Beichte verschwiegen habe, 
die einzelnen Fragen betreffs der zehn Gebote, die einzelnen Fragen tiber 
Gedanken, Worte und Werke, mit denen der Beichtvater, der sich nach 
Liguori richtet, insbesondere auch beim sechsten und neunten Gebot das ^ 
Schamgefilhl durchbrechen soil. Denn Liguori lasst nicht locker. Er 
schreibt aufs • genaueste vor, was der Beichtvater die Beichtkinder 
fragen soil. Hbren wir, was fur Fragen an die Beichtkinder — auf 
ein solches weiblichen Geschlechtes angewandt — nach Liguori gestellt 
werden sollen. 



Die Ohrenbeichte der Jungfrauen. 



51 



Interrogentur de cogitationibus, 
an desideraverint aut morose delec- 
tatae fuerint de rebus inhonestis; 
et an plene ad eas adverterint et 
consenserint; 



Deinde num concupierint pueros 
vel viduos vel nuptos et quid mali 
cum illis se facturas intenderint. 



Quoties in die vel hebdomada vel 
in mense cogitationibus consenserint, 
num concupierint singulos, aut num 
habituali ter turpiter de aliquo in 
particulars cogitarint, an semper 
ilium concupierint, vel an tantum 
quando ipsum aspiciebant ... 



Demum interrogentur etiam, num 
media apposuerint ad malas cogita- 
tiones exsequendas. 

Liguori VIII, 39 (Seite 42). 

Interrogentur circa verba obseoena, 
coram quibus et quoties ita locutae 
sint, an coram viris aut feminis, 
uxoratis aut non, pueris vel adultis. 



Interrogentur, quae dixerint verba, 
an nominarint pudenda sexus a suo 
diversi . . , 



num verba protulerint ira vel 
joco . . . 

num jactaverint se de aliquo pec- 
cato ... 

Interrogentur etiam an delectatae 
eint audire alias inhoneste loquentes. 

Liguori VIII, 40 (Seite 42). 



Sie sollen gefragt werden iiber 
ihre Gedanken, ob sie unzilchtige 
Dinge begehrt oder sich (in Ge- 
danken) eifrig an denselben ergotzt 
haben; und ob sie auf jene Dinge 
voll ihre Aufmerksamkeit gelenkt 
und ihnen zugestimmt haben; 

dann, ob sie nach jungen Mannern, 
Wittwern oder Verheiratheten Be- 
gehr getragen haben, und was fur 
bose Dinge sie mit diesen au thun 
beabsichtigt haben. 

Wie oft sie am Tage oder in der 
Woche oder im Monat solchen Ge- 
danken Raum gegeben haben . ... 
ob sie nach mehreren Einzelnen Be- 
gehr gehabt haben ; oder ob sie ge- 
wohnheitsmassig im besonderen Je- 
mandes unziichtig gedacht haben ! ob 
sie inimer nach demselben Begehr 
getragen haben, oder nur wenn sie 
ihn sahen . . . 

Endlich sollen sie gefragt werden, 
ob sie schon auf Mittel verfallea 
sind, ihre schlechten Gedanken aus- 
zufiihren. 

Sie sollen gefragt werden tlber 
unziiehtige Worte; vor welchen 
Personen und wie oft sie die- 
selben geredet haben, ob vor Man- 
nern oder Prauen, Verheiratheten 
oder Unverheiratheten, Jtinglingen 
oder ihren Buhlen. 

Sie sollen gefragt werden, was 
fur Worte sie gesprochen haben, 
ob sie gewisse Theile des von dem 
ihrigen verschiedenen Geschlechtes 
mit Namen genannt haben, . . . 

ob sie diese Worte im Zorn oder 
im Scherz gesprochen haben . . . 

ob sie sich irgend einer Stiade 
geriihmt haben . . . 

Sie sollen auch gefragt werden, 
ob sie sich ,daran ergotzt haben, 
andere unziichtig sprechen zu hflren.- 



52 



Die* Ohrenbeichte der Jungfrauen. 



Circa opera interrogentur, quocum 
rem habuerint, num alias cum eodem 
peccarint, ubi peccatum fuerit patra- 
tum, quoties peccatum consummatum 
et quot actus interrupti adfuerint 
eeorsim a peccato; num peccato 
multum ante consenserint, quot moru- 
las somni, distractionis etc. adfu- 
erint ... 



Secus, si malum propositum fuerit 
conceptum per duos vel tres dies 
ante eonsummationem peccati . . . 

Interrogentur etiam de tactibus 
impudicis, item interrogentur, an 
concupierint vel an delectatae fuerint 
de copula cogitata cum aliquo vel 
pluribus pueris aut mulieribus. 

Liguori VIII, 41 (Seite 43). 



Sie sollen betreffs ihrer Werke 
gefragt werden, mit wem sie eine 
Sache gehabt haben; ob sie schon 
anderweit mit demselben gesiindigt 
haben; wo die Siinde begangen 
und wie oft sie vollbracht ist, 
und wieviel getrennte Handlungen 
im einzelnen dabei gewesen sind; 
ob sie der Siinde lange vorher zu- 
gestimmt haben; wieviel Verzug 
durch Schlaf, Abhaltung etc. herbei- 
gefiihrt war . . . 

Ferner, ob der bose Vorsatz schon 
zwei oder drei Tage vor Vollbringung 
der Siinde gefasst war ... 

Sie sollen aucli gefragt werden 
fiber unzUchtige Berlihrungen, ebenso 
sollen sie gefragt werden, ob sie 
nach einem oder nach mehreren 
Begehr getragen haben, oder ob sie 
sich an einer vorgestellten Verbin- 
dung mit einem oder mehreren jun- 
gen Mannern bez. Frauen ergbtzt 
haben. 
Man wird aus dem mitgetheilten zur Genflge sehen, welche verfang- 
lichen, unziichtigen Fragen der Beichtvater thun soil, welcher sich nach 
dem Heiligen Alphons und andern Moraltheologen desselben Schlages 
richtet. Man denke sich nur einmal ein armes junges, kaum dem 
Kindesalter entwachsenes Madchen von etwa 14 Jahren, das nach alien 
diesen Dingen gefragt wird! Handelt es sich bei dieser Art Fragen 
Uberhaupt noch um Beiehte oder urn Inquisition! Ist es da ein Wunder, 
dass so viele Madchen ganz verwirrt und bestiirzt aus der Beiehte kommen, 
und manche von ihnen — und wahrlich nicht die schlechtesten — er- 
klaren, sie gingen nie wieder zur Beiehte. Und ist ein solches Vorgehen 
Uberhaupt noch christlieh? Ist auch hier nicht wieder das Antichristenthum 
des Liguori'sehen Ultramontanismus — wie Graf Hoensbroech sich aus- 
drilckt — mit Handen zu greifen? Jedenfalls kennt das einfache Sitten- 
gesetz, wie Christus es gepredigt hat, nichts von solchen Fragen. 
Christus will nicht, dass die Seele in den Schraubstock der Folter gepreset 
wird. „Mein Joch ist sanft und meine Last ist leieht" (Matth. 11, SO) 
und „Ich bin nicht gekommen, dass ich die Welt riehte, sondern dass ich 
die Welt selig mache" (Joh. 12, 47). Derartige Liguori'sche Folterfragen 
haben daher mit der Lehre Christi nichts gemein! Und auch die Kirche 
ale die Nachfolgerin Christi muss sich vor derlei Folter hfiten! Auch die 
Kirche ist in die Welt gekommen, nicht, dass sie die Welt riehte, son^ 
dern das» sie die Welt selig mache. Wie der Sabbath um des Mensehen 



Die Ohrenbeichte der Jungfranen. 53 

willen gemacht ist und nicht der Mensch um des Sabbaths willen, 
(Mark. 2, 27), so ist auch die Kirche um des Menschen willen da, und 
nieht der Mensch um der Kirche willen. Wenn Liguori, wenn die Moral- 
theologen seines Schlages das verkennen, wenn sie durch die obigen 
Fragen das Joch hart und die Last schwer machen, um die Seelen der 
Pflegebefohlenen gleich derart zu unterjochen, dass ihre geangsteten und 
geknechteten Gemttther sich nie mehr von ihnen loszureissen und zu be- 
freien im Stande sind, so mogen sie vielleicht diesen Zweck erreichen. 
Wenn aber der jesuitische Ultramontanismus sich so Selbstzweck ist, wenn 
er das Wort des Taufers: „Christus muss wachsen, ich aber muss ab- 
nehmen" (Joh, 3, 30) nicht auf sich gelten lassen will, wenn er nur um 
der ausserliehen Angehorigkeit seiner Pflegebefohlenen und der Zahl der- 
selben solche Fragen vorschreibt, so moge er uns auch nicht einbilden 
wollen, als hatten derartige Fragen noeh mit dem Christenthum und der 
Menschen Seligkeit auch nur das geringste zu thun. Es ist eben ein Ein- 
schtichterungsversuch, der nach Liguori gemacht werden soil! Die Kirche 
und auch die katholische Kirche als solche braucht derlei Einschttchterungs- 
versuche und Fragen nicht. Sie hat Jahrhunderte vor dem bestanden, und 
es ist wahrlich nicht derartiges kleinliches Menschenwerk, auf das sie ihren 
Grund und ihre Zukunft bauen miisste. 

Und ebensowenig haben derlei Fragen, hat solcher Seelenfang noch 
mit Moral und Sittlichkeit das Geringste zu thun! Prinz Max, Keller, 
Seidl etc. versuchen zwar auch hier den Heiligen Alphons zu vertheidigen. 
Ein Arzt, sagen sie, miisse die Wunden doch aufdecken. Gewiss! Aber 
auch der Arzt darf nicht in Wunden wiihlen! Auch der Arzt darf 
nicht vernarbte Wunden wieder aufreissenl Auch der Arzt darf 
nicht giftige Ansteckungsstoffe auf andere tibertragen! Wirklich 
offene, wirklich schmerzende, wirklich brennende Wunden werden in der 
Katholischen Kirche so wie so im Beichstuhl dem Priester anvertraut 
werden! Derartige Fragen, wie Liguori sie hier dem Beichtvater vorschreibt, 
aber sina" nur von Uebel! Sie haben weder mit Christus noch seiner Lehre 
etwas zu thun, sie dienen weder wahrer Religiositat noch wahrer Sittlich- 
keit, sie fordern auch weder die Kirche noch das Seelenheil der Menschen, 
sie dienen einzig und allein zur Aufrechterhaltung und Verherrlichung 
jesuitischen Ultramontanismus, dem es garnicht darauf ankommt, Scham* 
gefilhl und Seelenreinheit zu opfern, wenn er damit nur eine moglichst 
grosse Zahl fiusserlich zu ihm Gehorender gewinnt und so seine eigenen 
Zwecke und Herrschaftsgeliiste damit fordert! (Vergl. Seite 13.) 

2. Liguori und die Moraltheologen seines Schlages sind 
auch hier gegen die Beichtvater, welche mit Madchen 
stlndigen, nicht minder nachsichtig als bei Ehebrtichen. 
Auch hier bleiben die gleichen Auswege, die gleichen 
Erschwerungen der Denunziation wie Sort, sodass die 
Priester auch hier eine solche kaum ernstlich zu 
fUrchten brauchen. Je mehr und je unumschrankter 



54 Die Ohrenbeichte der Jungfrauen. 

daher der jesuitische Ultramontanismus in einem Lande 
herrscht, um so mehr pflegt sich auch die Unzucht da- 
selbst zu verbreiten. 

Nach ultramontaner und nach katholischer Anschauung ist der 
Verkehr mit einer verheiratheten Frau eine grossere Siinde als der mit 
einer Ledigen. Kommt doch im ersten Falle noch die zweite Siinde des 
Ehebruches mit hinzu. 

Es ist daher selbstverstandlich, dass Liguori auch solche Falle nicht 
schlimmer ansieht als den Ehebruch eines Priesters, und alles, was von 
Liguori, Gury oder ahnlichen Moraltheologen fiber die Nichtdenunziation 
eines Priesters im zweiten Abschnitt angeftihrt ist, triff't daher auch hier 
zu. Die romische Kirche als solche hat selbstverstandlich die Jungfrau 
ebenso schtitzen wollen, wie die verheirathete Frau. Es treffen daher die 
Bullen Gregors XV. und Benedicts XIV. hier genau ebenso zu wie dort, 
— ebenso leider aber auch wieder die Ausnahmefalle, die Hinterthiiren, 
die Auswege, die Liguori und andere Moraltheologen, als nicht in diesen 
Bullen mitenthalten konstatirt haben. 

Es kommt hinzu, dass, wenn Papst Alexander III. schon die Ehe- 
brfiche zu den kleineren Vergehen, den Bagatellen, wirft, wegen welcher 
der Priester nach gethanener Kirchenbusse ruhig wieder ins Amt treten 
konne, auch die kleinere Siinde der Verfiihrung eines Madchens von den 
Moraltheologen nicht schwer behandelt werden kann. 

Sieht man, was Liguori hierttber im Lib. Ill Nr. 640 — 650 
(Seite 204 — 224) bringt, so ist man tiber die Lascivitat, mit welcher er 
diese Dinge bespricht, wahrhaft verbliifft. Liguori fordert fur die Ver- 
fiihrung Uberhaupt nur den Ersatz des zu Unrecht angerichteten Schadens, 
sei es durch die Ehe, sei es durch Gewahrung von Mitgift oder andern 
Schadenersatz. Ist also z. B. die Verfiihrung geheim geblieben, oder hat 
sie das Madchen nicht an einer gleich vortheilhaften Heirath verhindert, 
so ist der Verfuhrer zu nichts verpflichtet (Lig. Ill, 640); ebenso nicht, 
wenn er die Jungfrau ohne Gewalt, Betrug oder Vorspiegelung der Ehe ver- 
fiihrt hat, da ihr ja dann kein ^Unrecht" geschehen ist (Lig. Ill, 641); 
wer sie aber mit Gewalt, Drohung oder Betrug verfuhrt, ist nur gehalten 
die Mitgift so zu vermehren, dass das Madchen ebenso vortheilhaft heirathet, 
als wenn es nicht verfuhrt ware, oder dass es von seinem spateren Manne 
deswegen nicht schleehter behandelt wird (Lig. Ill, 641). Nur wer ein 
Eheversprechen gegeben hat, muss das Madchen heirathen, aber auch selbst 
in diesem Falle nicht, wenn der Stand des Mannes den Stand des Madchens 
weit tibertrifft (Lig. Ill, 641, Seite 211), oder wenn das Madchen Mtte 
merken konnen, dass sie mit dem Eheversprechen betrogen werde, wenn 
also z. B. ein vornehmerer (!) oder reicherer (!) Mann ihr die Ehe ver- 
sprochen hatte, (Lig. Ill, 643, Seite 212) oder ihr sogar dies Ehever- 
sprechen mit einem Eide besehworen hatte (Lig. Ill, 643, Seite 213); ja 
Liguori leugnet sogar, dass in diesem Falle der vornehmere oder reichere 
Mann verpflichtet ware, dem Madchen einen Schadenersatz zu leisten 



Die Ohrenbeichte der Jungfrauen. 55 

(Lig. Ill, 643, Seite 214 — warum sind die Madchen so naiv! Und so 
geht es bei Liguori weiter und weiter! Abgesshen von dem Diener, den 
die Moral dieses Heiligen vor dem vornehmeren und reicheren Manne und 
spater auch vor der vornehmeren und reicheren Frau (Lig. Ill, 645, 
Seite 216) maeht; lauft alles, was der Verfiihrten zu geben ist, meist auf 
ein Geldgesehenk hinaus. Man darf sich daher nicht wundern, wenn 
auch die nach Liguori gebildeten Priester nicht ernster dartiber denken 
als ihr Lehrmeister. 

Leider aber treten hier noch andere Gefahren hinzu. Die unsitt- 
lichen Fragen der Beichtvater, die nach Liguori gebildet sind und nach 
Liguoris Grundsatzen verfahren, machen die Madchen und die jungen Burschen 
mit Siinden der widernattirlichen Unzucht bekannt, welche in evangelischen 
Landen selten verbreitet sind, so namentlich mit der Masturbation, wo die 
Madchen ihre Geschlechtstheile mit den Handen oder sonstwie reizen. 

Ein katholisches Buch von Debreyne, Moechiologie ou traite des 
p6ches contre les 6 et 9 commendements du decalogue Bruxelles 1853 be- 
richtet S. 60 ilber diese Vergehen in Landern, wo der Ultramontanismus 
herrscht, Folgendes: 

„Es steht fest — sagt der Doktor Deslandes — dass eine grosse 
„Zahl von jungen Madchen und fast alle Jtlnglinge Masturbation 
„treiben, so dass es kein jugendliches Subjekt giebt, welches man 
„nicht betrachten muss als ergeben dem Onanismus, oder als in 
„Gefahr, sich demselben nachstens zu ergeben. 1 * 
Ferner: 

„Ein Landgeistlicher hat uns versichert, dass unter zwolf kleinen 
„Madchen, welche ihre erste Beichte ablegten, nur eine ware, 
„ welche nicht dieser schlechten Gewohnheit ergeben sei. Aber 
„wenn. es so auf dem Lande ist, so kann man gewiss sein, dass 
fldies noch mehr in den Stadten der Fall ist, wo die Jugend im 
-Allgemeinen mehr reizbar und frliher reif ist, d, h. mehr er- 
^geben dem Laster und dem Verderben." 
Ebenso schreibt Liguori Tom. VIII p. 62 von liebenden Jiinglingen: 
Ex centum adolescentibus vix duo Unter hundert dieser Jflnglinge 

aut tres in oecasione a mortalibus werden kaum 2 oder 3 gefunden 
invenientur immunes. werden, welche bei sich bietender 

Gelegenheit rein von Todsiinde er- 
funden werden. 

Nach diesen Berichten muss der Liguorische Beichtvater als wahr- 
scheinlich annehmen, dass jedes beichtende junge Madchen dieser Unzucht 
ergeben sei; er muss also nach den Vorschriften der Moraltheologen dies 
durch Fragen herauszubringen -suchen. Wenn er dies aber wirklich thut, 
so ist er es, und er allein, welcher diese furchtbare Unzucht in ultra- 
montanen Landen verschuldet. _ 

Die Fragen und Beschreibungen, welche Debreyne vorschreibt, sind 
jedenfalls ganz geeignet, diese Unzucht aljgemein zu verbreiten. Dei 



56 



Die Ohrenbeichte der Jungfrauen. 



Beichtvater soil nach ihm die Madchen, welche bekennen, dass sie sich 
beriihrt haben, fragea, ob sie versucht haben, die Begierde zu befriedigen, 
und ob die Begierde befriedigt gewesen sei, ob sie eine grosse Wollust 
empfanden, und dann, ob sie nun die Beriihrungen unterlassen, ob sie 
dann ermattet gewesen u. s. w. 

In gleicher Weise und Ausftihrlichkeit behandelt er alle Arten der 
Beriihrungen, Kttsse, Umarmungen ff. bis zur Begattung mit einer Aus- 
fUhrliehkeit und Schamlosigkeit, dass es tlberaus ekelhaft ist. 

Bei der Unzucht mit den unverheiratheten jungen Madchen tritt 
nun aber noch eine andere Gefahr hervor, dass die Madchen, von den 
Geistlichen verfiihrt, schwanger werden, und nun die Vaterschaft des 
Priesters nicht verborgen bleiben kann. Hier behandelt nun Debreyne 
a. a. 0. S. 346—351 und auch Liguori (Lib. Ill, 394—396) die Falle 
der Abtreibung der Leibesfrucht bz. der Fehlgeburten und zwar sowohl 
des „foetus inanimatus" wie des „foetus animatus" mit einer Ausftihr- 
lichkeit und zahlreichen Einzelheiten wie kaum ein medizinisches Werk ; 
eine Abhandlung, die vielleicht fur den Arzt von Interesse sein mag, die 
aber fiir den Priester doch nur dann einen Sinn hat, wenn er selbst in 
die Lage kommt, dabei Rathschlage geben zu sollen. Vergisst sich der 
Priester hierbei, so schreitet wenigstens in Deutschland dann das Reich 
ein und bestraft den Priester den Gesetzen entsprechend. (§§ 218, 219, 
220 Straf-G.-B.) 

3. Gury und der Heilige Alphonsus Maria de Liguori 
leiten auch die Madchen zur Unwahrheit und zum Be- 
truge an, um den Fall derselben vor dem Brautigam 
zu verbergen. 

Der Heilige Liguori giebt diese Anleitung Band VI n. 865 
Seite 201 — 203 wieder unter Anwendung des Probabilismus. Da Gury 
dieselbe ohne Anwendung des unsittlichen Probabilismus giebt, so gebe 
ich ' die Anleitung nach Gury in Gury Casus conscientiae Ratisbonae 
1865 S. 595—596 De sponsalibus Cas. X n. 869-870. 



Bibiana, puella egregias dotes 
corporis mentisque prae se ferens, 
multorum oculos in se convertit. 
Plures adsunt, qui ejus manum re- 
quiriint. Sed ab ea praefertur Si- 
donius, quocum sponsalia contrahit. 
Jam instat matrimonii celebrandi 
dies. Confitendi gratia parochum 
adit Bibiana et haec inter alia pan- 
dit: 1° se amisisse jam virginitatem 
pluries fomicando ; 2° se jam aliam 
prolem peperisse, nemine sciente 
praeter obstetricem, cujus ope in- 
fantem in nosoeomio deposuit. 



Bibiana, ein Madchen, welches 
ausgezeichnete Gaben des Leibes und 
des Geistes hat, hat vieler Augen 
auf sich gewandt. Es sind mehrere, 
welche um ihre Hand werben. Si- 
donius wird von ihr vorgezogen; 
sie vollzieht mit ihm die Verlobung. 
Schon ist der Tag fur die zu 
feiernde Hochzeit angesetzt. Bibiana 
geht der Beichte wegen zum Pfarrer 
und eroffnet ihm unter Anderm 
dies: 1° sie habe die Jungfrau- 
schaft schon durch mehrmaliges 
Huren verloren, 2° sie habe schon 



Die Ohrenbcichte der Jungi'rauen. 



57 



Quaeritur. An Bibiana piaedictos 
defectus aperire debuerit? 

869. — Responsio 1° Bibiana 
non tenetur per se declarare, se 
lapsam esse in fornieationem it ideo 
se jam amisisse virginitatem, quia 
defectus ille non est sponso nocivus. 
Lieet enim sponsus, eognito defectu 
illo, jus habeat resiliendi a sponsa- 
libus, attamen, quamdiu ipse ex- 
ceptionem non opponit, sponsa jus 
habet ad sponsalia. Et quamvis ipsa 
non pOssit virum decipere, fingendo 
se a simili defectu immunem, non 
tenetur tamen defectum manifestare, 
sed potest, etiam interrogata, dissi- 
mulare aequivoce respondendo; tunc 
enim von fingit, sed celat vitium 
oecultum. — 8. Lie. n. 865. 



870. — 2o N ec tenetur Bibiana 
declarare, se prolem peperisse et in 
nosocomi© aut in alio loco secre- 
tissimo reposuisse, modo solverit vel 
secreto habeat, unde proles alatur, 
si quid ad hoc expendendum sit. 
Ratio est, quia neque in hoc casu 
injuriam sponso facit, cum nullum 
propterea detrimentum ille subiturus 
sit. Secus tamen, si factum non 
esset adeo secretum, ut numquam a 
sponso detegi posset, quia inde gra- 
vissima jurgia et dissensiones quon- 
dam inter conjuges exorirentur. 



ein Kind geboren, wovon niemand 
etwas wisse ausser der Hebeamme, 
mit deren Hiilfe sie das Kind in 
einem Krankenhause untergebracht 
habe. 

Die Frage ist: Muss Bibiana 
diese Fehler dem Brautigam offen- 
baren ? 

Antwort. 1° Bibiana ist nicht 
gehalten, ihrerseits zu erklaren, dass 
sie in Hurerei gefallen sei und also 
schon ihre Jungfrauschaft verloren 
habe, weil dieser Fehler dem Brauti- 
gam nicht schadlich (!) ist. Denn 
der Brautigam ist berechtigt, wenn 
er diesen Fehler kennt, von der 
Verlobung zurttckzittreten; dagegen, 
wenn er keine Einwendungen macht, 
hat die Braut das aus der Ver- 
lobung folgende Recht, Und wenn- 
gleich sie nicht den Mann tausehen 
darf, indem sie Itlgt, dass sie frei 
sei von jenem Fehler, so ist sie doch 
nicht gehalten, jenen Fehler zu ofFen- 
baren, sondern kann, auch gefragt, 
ihn verstecken, indem sie mehrdeutig 
antwortet; denn dann ltlgt sie nicht, 
sondern verbirgt nur einen geheimen 
Fehler. 

2° Ebenso ist Bibiana auch nicht 
gehalten, zu erklaren, sie habe ein 
Kind geboren und im Krankenhause 
oder an einem andern Orte ganz 
geheim untergebracht, sofern sie nur 
bezahlt oder geheim halt, woher 
das Kind ernahrt \vird, wenn hier- 
fUr etwas zu zahlen ist. Der Grund 
ist, weil in diesem Falle dem Brauti- 
gam kein Unrecht geschieht, da er 
deswegen keinen Schaden erleiden 
wird. Anders aber ist es, wenn 
die Sache nicht so geheim ist, dass 
sie niemals vom Brautigam entdeckt 
werden kann, weil daraus einst der 
grosste Zank und Uneinigkeit unter 
den Gatten entstehen kann. 



58 



Der Probabilismus in Liguoris Theologia moralis. 



Dem Prinzen Max von Sachsen ist es auch hier „unverstandlich" (1), 
wie man sich an der Erklarung Gurys stossen kann; dagegen bemerkt 
selbst Keller: „Wer sich mit diesen Entscheidungen befreunden will, der 
„mag es thun. Ich kann mich mit der zweiten nioht befreunden." Es 
regt sich also auch hier wieder einmal sein deutsches Herz. 

Im ilbrigen ist es ganz dieselbe Sache, wie am Schluss des zweiten 
Abschnitts (vergl. Seite 45). Ltigen darf Bibiana nicht, aber betrflgen 
kann sie den Brautigam soviel sie lustig ist, wenn sie bei ihren Ausreden 
nur die nothige Schlauheit gebraucht, und der betrogene Brautigam nicht 
noch etwa fUr das fremde Kind — zahlen muss. Wirklich eine — be- 
wundernswerthe Moral fUr einen Heiligen und von drei Pfipsten empfohlenen 
Kirchenlehrer, dessen Moraltheologie die sichere Norm bietet, welchem die 
Leiter des Gewissens folgen sollenll! In Geldangelegenheiten hort auch 
iier die Gemiithlichkeit auf ! ! ! 



Vierter Abschnitt: 

Der Probabilismus in Liguoris Theologia moralia. 
1. Die probable Meinung statt des Gewissens. 

Liguori stellt in seiner Theologia moralis als sein Moralsystem den 
Probabilismus auf und begrundet und vertheidigt ihn Band I auf 
124 Seiten, Seite 141 bis 264. Sein Herausgeber, der Priester M. Haringer 
giebt den wesentlichen Inhalt dieses Liguori'schen Moralsystems wie folgt 
wieder: 



S. Alphonsus turn in praecedenti 
tractatu, turn in variis apologiis et 
dissertationibus fortiter defendit sen- 
ten tiam, licere inter opiniones aeque 
vel fere aeque probabiles illam sequi, 
quae libertati favet. Fuse hoc suum 
systema, quod nomine Aequipro- 
babilismi venit, et quod proprie 
a. S. doctore excogitatum est, supra 
a num. 57 usque ad num. 89. 
explicat, et multis rationibus probat: 
principale vero argumentum est, 
quod lex dubia non obligat: nam 
Ubertas manet in possessione, usque 
dum certa lege ligetur. 

Vergl. Liguori Theologia moralis 
Tom, I p. 263, 264. 



8. Alphons Liguori vertheidigt in 
dieser Abhandlung wie in zahlreichen 
Dissertationen und Apologien tapfer 
die Meinung, dass es freisteht, wenu 
tiber einen Moralsatz verschiedone 
Meinungen herrschen, unter den 
gleich oder fast gleich probabeln 
Meinungen die zu wahlen, welche 
der Freiheit giinstig ist. Dieses 
System, welches unter dem Nam en 
Aequiprobabilismus geht, und welches 
eigens von dem heil. Doktor ausge- 
dacht ist, erklart er ausfilhrlich von 
Nr. 57 bis 89 und beweist es mit 
vieleD Grttnden. Der Hauptbeweis 
ist aber der, dass ein aweifelhaftes 
Gesetz (d. h. ein Gesetz, welches 
Zweifel tibrig lasst, in diesen Din- 



Der Probabilismus in Liguoris Theologia moralis 59 

gen) nicht verpflichtet. Denn die 
Freiheit bleibt so lange im Besitze, 
bis sie durch ein festes Gesetz ge- 
bunden ist. 

Es werden dem entsprechend denn auch praktisch bei Liguori in 
alien den Fallen, die nicht ganz strenge durch das kirchliche Gesetz bz. 
durch papstliche Bullen etc. geregelt sind, oder in denen diese Gesetze, 
Bullen etc. auch nur die kleinsten Auswege und Hinterthtiren offen lassen, 
(vergl. z. B. Seite 35 ff.), die verschiedenen Meinungen fl Sententiae" der 
Kirehenschriftsteller zusammengetragen und zur Wahl gestellt. 

Hiernach hat der sich nach Liguori richtende ultramontane Geist- 
liche oder Laie, abgesehen von den Buchstabenfallen des Gesetzes, nicht 
sein Gewissen zu fragen, sondern die Meinungen der Moraltheologen zu 
beachten und kann sich unter diesen probablen Meinungen die aussuchen, 
welche ihm am besten gefallt, ihm die meiste Freiheit gewahrt. Der 
kategorische Imperativ des Gewissens, die Gewissenhaftigkeit, ist damit 
beseitigt. 

2. Der probable Eid statt des gewissenhaften Eides. 

Liguori lasst in vielen Fallen den nach dem deutschen Strafgesetz- 
buche verbotenen Meineid zu. Wie grosse Gefahren sich daraus fiir alle 
Gerechtigkeitspflege, fiir alle Gerichte und Justizbehorden, ja fUr das Be- 
stehen jeder staatlichen Ordnung ergeben, das moge der Leser erkennen 
aus dem Vergleich zwischen den deutschen Gesetzesbestimmungen und der 
Lehre Liguoris und der Jesuiten. *). ■ 

Der § 392 der deutschen Zivilprozessordnung und die §§ 61 und 62 
der deutschen Strafprozessordnung lanten: 

„Ich schwore bei Gott, dem Allmachtigen und Allwissenden, 
dass ich nach bestem Wissen die reine Wahrheit sagen, nichts 
verschweigen und nichts hinzufugen werde" 
oder bei nachtraglicher Beeidigung, 

^dass ich nach bestem Wissen die reine Wahrheit gesagt, nichts 
* verschwiegen und nichts hinzugefiigt habe." 
§ 410 der deutschen Zivilprozessordnung und § 79 der deutschen 
Strafprozessordnung ttber den Sachverstandigen-Eid lauten: 

„Ich 8chwSre bei Gott, dem Allmachtigen und Allwissenden, dass 
ich das von mir erforderte Gutachten unparteiisch und nach bestem 
Wissen und Gewissen erstatten werde, so wahr mir Gott helfe. u 
$ 459 der deutschen Zivilprozessordnung (Beweis durch Eid) lautet: 
^Ueber eine Thatsache, welche in einer Handlung des Schwur- 
pfiichtigen besteht oder Gegenstand seiner Wahrnehmung gewesen 

*) Vergleiohe hier die kleine aber vortreffliche Schrift von Sulpiz Losaen: 
Alphons von Liguori und der Eid. Munchen, Kastner A Lossen, die wir zur Ver- 
vollstandigung der von Robert Grassmann hier gegebenen Ausftthrungen m» 
heranziehen. 



60 



Der Probabilismus in Liguoris Theologia moralia. 



ist, wird der Eid dahin geleistet: dass die Thatsache wahr oder 
nicht wahr sei. Ist eine solche Thatsache vom Gegner des 
Sehwurpflichtigen behauptet und kann dem letzteren nach dea 
Umstanden des Falles nicht zugemutet werden, dass er die 
Wahrheit oder Nichtwahrheit derselben beschwfire, so kann daa 
Gericht auf Antrag die Leistung des Eides dahin anordnen: 
„dass der Schwurpflichtige nach sorgfaltiger Prtifung und Er- 
kundigung die Ueberzeugung erlangt habe, dass die Thatsache 
wahr oder nicht wahr sei". 
Ueber andere Thatsachen wird der Eid dahin geleistet: 

„dass der Schwurpflichtige nach sorgfaltiger Prtifung und Er 
kundigung die Ueberzeugung erlangt oder nicht erlangt habe t 
dass die Thatsache wahr sei". 
Soweit die gesetzlichen Eidesformeln. Es dtirfte klar sein, dass 
nur wenn nach bestem Wissen die reine "Wahrheit gesagt, nichts ver- 
schwiegen und nichts hinzugesetzt wird, eine wirkliche Gerechtigkeit aus- 
getibt werden kann. Das gesteht auch Keller zu: „Der Eid, sagt er, ist 
„das letzte Mittel, Treu und Glauben unter den Menschen zu erhalten. tt 
Was lehrt nun aber der von drei Pftpsten approbirte und heilig 
gesprochene Alphons von Liguori und die zur sichern Norm fiir die Leiter 
des Gewissens erklarte Moraltheologie desselben? 



Er giebt folgenden Kommentar 
Jurare cum aequivocatione, quando 
justa causa est, et ipsa aequivocatio 
licet, non est malum; quia, ubi est 
jus occultandi veritatem et occultatur 
sine mendacio, nulla irreverentia fit 
juramento. 

Lig. Lib. II, 151. 



Amphibologia triplici modo esse 
potest: I. Quando verbum habet 
duplicem sensum, prout volo signi- 
ficat velle et volare; II. quando 
eermo duplicem sensum principalem 
habet : v. gr. Hie liber est Petri, 
significare potest, quod Petrus sit 
Jibri dominus, aut sit libri auctor ; 
III. quando verba habent duplicem 
sensum, unum magis communem, 
alium minus, vel unum litteralem, 
alium spiritualem. Sic quis inter- 
togatus de aliquo, quod expedit 
celare, potest respondere: Dico non, 



dazu : 

SchwCren mit einem mehr- 
deutigen Worte ist keine Sttnde, 
wenn ein triftiger Grund vorliegt r 
und die Mehrdeutigkeit selbst frei- 
steht, weil, wo ein Recht ist, die 
Wahrheit zu verheimliehen und sie 
ohne Ltige verheimlicht werden 
mag, keine Verletzung des Eides 
geschieht. 

Die Mehrdeutigkeit kann drei- 
facher Art sein': IT wenn das Wort 
einen doppelten Sinn hat, z. B. volo 
bedeutet „ieh will" und „ich fliege", 

2. wenn der Satz doppelten Sinn 
hat, z. B. „das Buch ist von Peter" 
kann bezeichnen: Es gehort dem 
Peter oder Peter ist sein Verfasser* 

3. wenn das Wort einen zwiefachen 
Sinn hat, einen gewflhnlichen oder 
einen andern ungewohnlieheren, einen 
buchstablichen und einen andern 
geistigen Sinn. So kann Jemand, 
der tiber etwas gefragt wird, was 



Der Probabiliamus in Liguoris Theologia moralis. 



61 



id est, dico verbum non; Card, de 
hoc dubitat, sed, salvo meliori eon- 
silio, videtur immerito, cum verbum 
dico vere duplicem sensum habeat; 
significat enim proferre et asserere, 
in nostro autem sensu „dico" idem 
est ac „profero". 

Liguori Theol. mor. T. II n. 151, 
p. 255, 256. 

Certum est et commune apud 
omnes", quod ex justa causa licitum 
est, uti aequivocatione modis ex- 
positis et earn juramento firmare. 



> Ratio, quia tunc non decipimus 
proximum sed ex justa causa per- 
mittimus, ut ipse se decipiat. Justa 
autem causa esse potest quicumque 
finis honestus ad servanda bona 
spiritui vel corpori utilia. 

Utrum autem jurare cum amphi- 
bologia sive restrictione non pure 
mentali, sine justa causa sit pecca- 
tum mortale? Affirmat Viva etc. 
sed immerito. 

Lig. Lib. Ill n. 151, p. 256. 



zu verheimlichen dienlich ist, ant- 
worten: Ich sage Nein. Hier kann 
das den Sinn haben: Ich spreche 
das Wort Nein aus oder: Ich ver- 
neine die Frage. - 



Sicher ist es und allgemein an- 
Grunde genommen, dass aus triftigem 
es gestattet ist, sich der Mehrdeutig- 
keit in auseinandergesetzter Weise 
zu bedienen und sie auch durch 
den Bidschwur zu bekraftigen. 

Der Grund ist, weil dann nicht 
wir den Nachsten tauschen, sondern 
aus triftiger Ursache es zulassen, 
dass er sich selber tauscht. Ein 
triftiger Grund aber kann jedes an- 
standige Bestreben auf Erhaltung 
geistiger oder korperlicherGtltersein. 

Ob der Eidschwur, wenn man 
sich der Mehrdeutigkeit oder des 
geistigen Vorbehalts hierbei ohne 
triftigen Grund bedient, eine Tod- 
sttnde sei? Es bejahen dies Viv* 
u. A., aber mit Unrecht. 



Liguori rechtfertigt ferner den falschen Eid durch die restrictio non 
pure mentalis (den nicht bloss geistigen Vorbehalt). 



Restrictio autem mentalis alia 
est „pure mentalis", quae nullo 
modo ab Jaliis percipi potest: aha 
est „non pure mentalis", quae ex 
adjunctis circumstantiis innotescere 
potest. 

Restrictio „pure mentalis" num- 
•quam est licita, nee juramentum 
super eadem. 

E contrario , licitum est justa 
causa uti restrictione „non pure 
mentali", etiam cum juramento v si 
ilia er circumstantiis percipi potest 



Der geistige Vorbehalt ist „bloss 
geistig", wenn er von andern gar- 
ment erfasst werden kann, oder 
„nicht bloss geistig", wenn der Vor- 
behalt aus den sich anfilgenden 
Umstanden erkannt werden kann. 

Der „bloss geistige" Vorbehalt ist 
niemals erlaubt, wie auch der Eid- 
schwur nicht auf Grund eines solchen. 

Umgekehrt ist es aber aus trif- 
tigem Grande gestattet, sich des 
„nicht bloss geistigen" Vorbehaltes 
zu bedienen, auch mit einem Eid- 
schwur, wenn dieser (der nicht bloss 
geistige Vorbehalt) aus den Urn- 
standen erkannt werden kann 



62 



Der Probabilismus in Ligaoris Theologia moralls. 



und ftthrt dann ferner die Worte d 
Aliud est veritatem tacere, aliud 
falsitatem pr oponere. Non est licitum, 
mendacium dicere ad hoc, quod 
aliquis alium a quocunque periculo 
liberet, licet tamen veritatem oceul- 
tare prudenter sub aliqua dissi- 
mulatione. 

Lig. II n. 152, p. 259. 



Reus aut testis, a judice non 
legitime interrogatus, potest jurare, 
Be neseire crimen, quod revera scit; 
subintelligendd, neseire crimen, de 
quo legitime possit inquiri, Vel ne- 
seire ad deponendum. Idem si testis 
ex alio eapite non teneatur deponere, 
nempe si ipsi constet, crimen ca- 
ruisse culpa, vel si sciat crimen 
eub seereto; cum nulla praecesserit 
infamia. 

Liguori Theol. moralis Tom. II 
n. 154, p. 260. 



Si crimen fuerit omnino occul- 
tum; tunc potest, imo tenetur testis 
dicere, reum non commisisse. Et 
idem potest reus, si non adest semi- 
plena probatio. 

Lig. II, n. 154, p. 261. 



Quaeritur, si reus vel contrahens 
aequivoce jurando decepit, possit 
absolvi, nisi veritatem mariifestet. 
Negant aliqui, sed probabilius affir- 
mant, quia tali juramento (quod 
perjurium nequit dici) non peccavit 
contra justitiam commutativam sed 
contra legalem et obedientiam judici 
debitam, cujus praeceptum dete- 



i Thomas von Aquino an: 

Ein anderes ist es, die Wahrheit 
zu verschweigen, ein anderes, das 
Falsche zu behaupten. Es ist nicht 
erlaubt eine Luge zu sagen, urn einen 
andern aus einer Gefahr zu befreien, 
jedoch ist es erlaubt, die Wahr- 
heit klug zu verbergen unter 
irgend einer Form der Mas- 
kirung des wahren Sachver- 
haltes. 

Der Schuldige oder Zeuge kann, 
wenn er vom Richter nicht reeht- 
massig gefragt wurde, schwSren, er 
wisse nichts von dem Verbrechen, 
das er in Wahrheit kennt, indem 
er sich denkt: er kenne nicht ein 
Verbrechen nach welchem er recht- 
massig gefragt werden kfinne, oder 
er kenne kein Verbrechen so, dass 
_er es sagen mtisse. Ebenso, wenn 
er fest Uberzeugt ist, das Verbrechen 
entbehre der Schuld, oder er das 
Verbrechen nur unter dem Siege) 
der Verschwiegenheit erfahren hat, 
und nichts Uebles bereits davon ver- 
lautet hat. 

Auch wenn der Richter gesetz- 
massig fragt, das Verbrechen aber 
ganz geheim ist, dann kann, ja 
ist der Zeuge gehalten, zu sagen, 
der Angeschuldigte habe es nicht 
begangen. Und ebenso kann der 
Schuldige dies sagen, wenn nicht 
wenigstens ein halbgilltiger Beweis 
gegen ihn vorhanden ist. 

Es fragt sich, ob Jemand absol- 
virt werden konne, der als Schul- 
diger oder im Handel und Verkehr 
sich der Mehrdeutigkeit beim Schwure 
bedienend, betrog, ohne dass er die 
Wahrheit offenbart. Es verneinen, 
dies die einen, probabler aber mus» 
es bejaht werden, weil er durclt 
solchen Eid fder ein Meineid nicht 



Der Probabilismus in Liguoris Theologia moralis. 



63 



gendae veritatis transiens est, du- 
ratque solum, dum judex interrogat. 
Iteraque dicit Sanch. ib. de teste 
mentiente. Et ideo uterque absolvi 
potest, quiu veritatem vevelet. Te- 
nentur vero ambo alteri satisfacere 
si possunt alia via. 

Lig. II, n. 155, p. 261. 



Quaeritur an reus legitime inter- 
rogatus possit negare crimen etiam 
cum juramento, si grave damnum ex 
eonfessione ipsi immineat. Segant 
aliqui, et quidem probalius, quia 
reus tenetur tunc pro communi bono 
damnum illud subire. Sed satis 
probabiliter dicunt Lugo etc. posse 
reum, si sibi immineant poena mortis 
vel carceris aut exsilii perpetui, 
amissionis bonorum, triremium et 
similia, negare crimen, etiam cum 
juramento, subintelligendo se non 
commisisse, quatenus teneatur fateri. 

Lig. II, n. 156, p. 261, 262. 



Poenitens interrogatus de peccato 
oonfesso potest jurare, se non com- 
misisse. 

Lig. II, n. 157, p. 262. 

Indigens bonis absconditis ad sus- 
tentationem potest judici respon- 
dere, se nihil habere. 



genannt werden kann) nieht gegea 
die Gerechtigkeit, sondern nur gegen 
den gesetzlichen, dem Richter schul- 
digen Gehorsam silndigte, dessea 
Befehl die Wahrheit zu enthlillen, 
nur vortlbergehend ist, und nur so 
lange dauert, als der Richter fragt. 
Ebenso lehit Sanch. von einem 
Zeugen, der lUgt. Und deswegea 
konnen beide absolvirt werden, ohne 
dass sie die Wahrheit enthttllen. 
Sie miissefl aber beide, wenn dadurca 
ein anderer geschadigt wird, diesea 
auf andere Weise entschadigen. 

Es fragt sich, ob der Schuldige, 
gesetzmassig gefragt, das Verbrechea 
auch mittelst Schwur leugnen, d, h. 
sich los schwbren kann, wenn ihm 
ein schwerer Schade aus dem Ge- 
standniss droht. Es verneinen dies 
einige und zwar in mehr beifall- 
werther Weise, da der Schuldige 
fflr das gemeinsame Wohl aller dea 
ihm durch dasGestandniss drohendea 
Nachtheil auf sich nehmen mUsse. 
Immerhin aber sagen Lugo etc. 
hinreichend probabel, es konne der 
Schuldige, wenn ihm Todesstrafe 
oder Gefangniss oder Verbannung 
oder Verlust seiner GUter oder Ga- 
leere oder ahnliches droht, das Ver- 
brechen selbst unter Eidschwur 
leugnen, indem er sich denkt: Er 
habe es nicht gethan, so weit er 
gehalten sei, es zu gestehen (d. h. 
er kann es leugnen, so weit er nicht 
von vorneherein die Absicht gehabt 
hat, es zu gestehen). 

Der Sunder, ilber schon gebeichtete 
Siinden befragt, kann schworen, sie 
nicht begangen zu haben. 

Dei - Arme kann, wenn er die zu sei- 
nem Lebensunterhalte nothwendigen 
Gilter versteckt hat, vor dem Richter 
sagen (bez; schwOren), er habe nichts. 



64 



Oer Probabilismus in Liguoris Theologia moralis. 



Ebenso kann ein Erbe, der ohne 
dass ein Verzeiehniss gemacht ist, 
Gttter versteokt hat, wenn er aus 
demselben nicht Glaubiger bezahlen 
muss, dem Richter antworten^ er 
habe nichts verborgen, indem er 
denkt: von den Gutern, mit denen 
ich Glaubiger bezahlen muss. 

Ebenso kann der, welcher die 
Ehe versprach, aber so dass er daran 
nicht gehalten sein will, das Ver- 
sprechen ableugnen, indem er sich 
'denkt: Gab keins, dass ich gebun- 
den ware. 

Ebenso wird der Falscheid beim Handel, beim Zeugenverhor, beim 
Darlehn, beim Ehebruche der Frau (vergl. Seite 43 ff.) und in zahl- 
reichen andern Fallen, beim Examen ff. von Liguori Theol. mor. Lib. II, 
p. 263— 268 erlaubt. 

Ebenso heisst es Lig. Theol. mor. II, n. 171, p. 269: 



Pariter haeres, qui sine inventario' 
occultavit bona, si non tenetur ex 
illis satisfacere creditoribus, potest 
judici respondere, se nihil occul- 
tasse, subintelligens de bonis, quibus 
satisfacere teneatur. 

Lig. II, n. 158, p. 262. 

Pariter, qui matrimonium promi- 
. sit, sed inde non teneatur ad illud, 
potest negare promissionem, scilicet, 
ut ex ilia teneatur. 



Qui exterius tantum juravit sine 
animo jurandi, non obligatur. 



Wer nur ausserlich schwSrt, ohne 
Absicht zu schwOren, ist an den 
Schwur nicht gehalten. 

Ganz offenbar steht dieser probable Eid in scharfem Gegensatz zum 
gewissenhaften Eide, wie ihn das Strafgesetzbuch fiir das deutsche Reich 
in §§ 153 bis 163 verlangt. Jeder ultramontane Priester, welcher nach 
probablem Eide schwort, wird, sofern dieser mit dem gewissenhaften Eide 
in Widerspruch steht, vom deutschen Gericht als meineidig mit jahrelangem 
Zuchthaus bestraft. *) 

Es geht auch nicht anders, denn diese probablen Eide, wie Liguori 
sie zulasst, wurden jede wirkliche Rechtsprechung unmoglich machen und 
dem Betruge Thor und Thttr offnen. Es kommt auch hier die ganze 
Deduktion Liguoris wieder darauf hinaus: Gelogen darf formell nicht 
werden, mit mehrdeutigen Worten aber kann man auch unter dem Eid- 
flchwur betrUgen, nur muss man es schlau genug anfangen! 

Es versteht sich weiter von selbst, dass diese Theorie, wenn sie 
wirklich je durchgefiihrt wtlrde, fur das Bestehen jeder staatlichen Ord- 
nung verhangnissvoll , wtlrde. Kommt doch Liguori selbst schon beim 
Diebstahl und beim Morde zu ganz ausserordentlich bedenklichen Satzen. 



*) Der Pfarrer Johann Moosauer von Pocking in Sttdbayern bei Straubing 
an der Donau. welcher nach dem Probabilismus des St. Liguori gehandelt hatte, 
ist am 27. September 1899 nach § 153, § 174 und §183 des deutschen Strafgesetz- 
buches vom Schwurgerichte zu 10 Jahren Zuchthaus und den Nebenstrafen Ver- 
tirtheilt worden. 



Der Probabilismus in LiguoriB Theologia moralis. 



65 



Nicht stiehlt derjenige, der sich 
zur Kompensation das nimmt, was 
ihm gebiihrt und er e* anders nicht 
erhalten kann, z. B. wenn der Ar- 
beiter den ihm gebtlhrenden Lohn 
niclit anders erhalten kann oder er 
unbillig veranlasst ist, zu unbilligem 
Lohn zu arbeiten. 

Diener und Dienerinnen konnen 
heimlich ihren Herren zur Kompen- 
sirung fur ihre Milhe etwas erit- 
wenden, wenn sie diese fur grosser 
halten, als den Lohn, den sie em- 
pfangen. 

Obwohl es bei einer Schmahung, 
z. B. wenn einem vornehmen Manne- 
gesagt wilrde: Du liigst, nieht er- 
laubt ist, jemanden zu todt'en, da 
solches aueh anders zurtickgewiesen 
werden kann und pfleg't — so lehrea 
Diana etc. — dass der Mord erlaubt; 
ist, wenn einer einem sehr vornehmen, 
Herrn einen Schlag oder eine Ohr- 
feige geben sollte, und dieser solche 
nicht anders abwehren kann. 

Diese Beispiele gentigen wohl, um hinreichend zu zeigen, dass jede- 
Rechtsprechung aufs ausserste erschwert, ja dass alle staatlichen Bande 
sich losen wiirden, wenn es nach diesem Probabilismus Liguoris oder der 
Jesuiten ginge. Selbst Papst Innocenz XI. hat den zuletzt hier angefiihrten. 
Satz ausdrttcklich verdammt, doch scheint die grosse Vorliebe ftir „vor- 
nehme" Personen (vergl. aueh Seite 54) Liguori hier einen Streich ge- 
spielt zu haben, dass ihm selbst das Urtheil eines Papstes nicht mehr 
massgebend ist. 

Was will es dieser Erschwerung der Rechtsprechung, dieser Losung 
der staatlichen Bande gegenuber sagen, wenn Keller deklamirt : 

„:Nie hat ein katholischer Theologe einen Meineid fUr erlaubt 
„erklart." 

Ja, wenn die oben angefiihrten Falle keine „Meineide" sind, so 
sind es mindestens Betrugseide, und wir wollen es Herrn Pralat 
Dr. Keller uberlassen, herauszukliigeln, was die Betrugseide als besser er- 
scheinen lasst, denn den Meineid. Widerlegt doch aueh Pralat Dr. Keller 
sich selbst, indem er sagt: 

„Eine unangenehme Sache bleibt es meist doch, die einem geraden 
„Sinn widerstrebt." - 

Ebenso irren er und Prinz Max, wenn sie meinen, die Sache habe 



Non furatur, qui accipit in com- 
pensationem justam, si aliter debitum 
accipere nequeat: v. gr. si famulus 
justum stipendium non possit aliter 
obtinere vel inique inductus sit ad 
serviendum iniquo pretio. 

Lig. Theol. mor. L. IV, n. 521, 
p. 95. 

Famuli et famulae possunt occulte 
..heris suis surripere ad compensan- 
dam operam suam, quam majorem 
judicant salario; quod recipiunt. 

Lig. Theol. mor. L. IV, n. 522 und 
524, p. 96—98. 

Etsi ob contumeliam aliquam, v. 
gr. si viro honorato dicatur : Mentiris, 
non liceat, alteram occidere eo quod 
aliter repelli possit et soleat, licere 
tamen, si agressor fustem vel ala- 
pam viro valde honorato impingere 
conaretur, quam aliter avertere non 
posset, docent cum Diana etc. 

Lig. Theol. mor. L. Ill n. 381, 
p. 488. 



66 Die Erlosung der Vdlker. 

keine Bedeutung mehr. Der in der Anmerkung erwfihnte Pall des 
Pfarrers Moosauer — dem tibrigens noch zahlreiche fthnliche Falle an 
die Seite zu stellen waren -^ sollte die Herren wirklich eines Bessero 
belehren. 

Es dttrfte sich daher fragen, ob nicht den weltlichen Behorden 
diesem Liguori'schen Probabilismus gegenflber ein energisches: videant 
consules! zuzurufen ware. Doch halten wir einstweilen die Hoifnung fest, 
dass es dem Katholizismus, insbesondere aber dem deutschen Katholizis- 
mus beschieden sei, aus eigener Kraft sich von diesem Probabilismus 
Liguoris frei zu machen und alle solche jesuitischen Vorbehalte beim Eide 
als undeutsch und antichristlich wieder auszumerzen. Moge das echt 
deutsche: Ein Mann ein Wort — liberall in deutschen Landen zum 
Durchbruch kommen. „Eure Rede sei ja ja, nein nein; was driiber ist, 
„das ist von Uebel" (Matth. 5, 37). 



Fiinfter Abschnitt: 

Die Erl6sung der Volker aus der Ohrenbeichte Liguoris. 

1. Das Verderben der Volker unter dem Ultramontanismus 
und Jesuitismus. 

Es ist eine unleugbare Thatsaehe, dass die Volker, welche frilher 
die beriihmtesten und am weitesten vorgeschritten waren, je mehr sie 
sich dem Ultramontanismus und Jesuitismus hingaben, zuriickgeblieben 
Bind und an Bedeutung verloren haben. 

Nichts liegt den evangelischen Volkern ferner als Ueberhebung ; 
aber, was Prinz Max auch sagen mag, die Weltgeschichte ist das 
Weltgericht. Ein noch weit hoherer als er hat nicht umsonst das 
Wort gesprochen : An ihren Friichten sollt ihr sie erkennen. (Matth. 7, 16.) 

Die Volker am Mittelmeer, welche die Welt beherrschten, und 
welche durch ihre geographische Lage wie zu dieser Herrschaft berufen 
erscheinen, sind unter ultramontaner jesuitischer Herrschaft zu wahren 
Schatten ihrer frlihern Herrlichkeit herabgesunken. 

Das klassische Beispiel daffir ist Rom selbst. Einst die machtigste 
Stadt des Alterthums, mit Kunstschatzen geschmtlckt wie kaum eine 
andere Stadt, bis in die Neuzeit der Sitz der Papste und bis 1870 die 
Hauptstadt des Kirchenstaates, zeigt es uns gleichwohl das unter der Herr- 
schaft des Ultramontanismus und Jesuitismus entstandene Verderben. 
Trotz alien aussern Kirchenprunks, trotz der aussern Zugehorigkeit seiner 
Einwohner zur Kirche ein Verfall der Sitten wie kaum in irgend einer 
andern Stadt! — Hier war es, wo Papst Sixtus IV. im Jahre 1475 die 
ersten ofTentlichen Hauser einrichtete und aus ihnen eine jahrliche Ein- 
iaahme von fiber 30,000 Dukaten sieh verschaffte. Hier war eB, wo 
Alexander VI. den fur einen Papst so liberaus charakteristischen Aus- 
epruch that: jede Religion sei gut, die dtimmste aber die beste. Hier in 



Die ErlSsung der VSlker. 67 

diesem vom Papste geleiteten Kirchenstaate war es, dass unter Papst 
Pius IX. 1850 auf 1000 eheliche Geburten 2560 uneheliche kameu, ganz 
abgesehen davon, wie viele von den ehelichen Geburten auch noch aus 
Ehebrtichen stammten. Dieses eine Faktum beweist allein hinlanglich, 
welche Hochfluth von Unsittlichkeit und Unzucht in diesem von ultramon- 
tanen und jesuitischen Geistlichen geleiteten Staate herrschte. Wenn daher 
Processor Friedrich in seinem Tagebuch. uber das vatikanische Konzil 
(Nordlingen 1873, S. 308) beriehtet, dass 1870 sogar ein Professor der 
Moral ein offentliehes Haus fur Geistliche unterhalten habe, so ist ihra 
unbedingt Glauben zu schenken. Wo sollte dieser Ueberschuss der un- 
ehelichen Geburten Uber die ehelichen dean aueh herkommen? Es wird 
daher dem Prinzen Max nicht gelingen, das Gegentheil zu beweisen. Das 
unkeusche Leben der Mehrzahl der Bewohner des Kirchenstaates, das un- 
keusche Leben der ultramontanen und jesuitischen Geistlichen, selbst vieler 
Papste, ist notorisch bekannt. Prinz Max bestreitet zwar auch dies; nach 
ihm ist die Zahl der schlechten Papste verschwindend klein; „kein Thron 
„der Erde habe so viele herrliche Gestalten und glanzende Inhaber ge- 
„habt als der Stuhl Petri". Nun das sieht ja beinahe so aus, als wolle 
Prinz Max den Kirchenstaat als Musterstaat hinstellen, als sollten andere 
Lander sich an den Verhaltnissen desselben, seiner Unzucht, Unsittlichkeit 
und dem Ueberschuss der uneheliehen Geburten womoglich noch ein 
Muster nehmen! Moge der Prinz ein solches doch unserm Volke einmal 
offen zumuthen! Wir denken, das deutsohe Volk wird ihm die Ant- 
wort darauf nicht schuldig bleiben! 

Und kennt im ttbrigen Prinz Max die Geschichte der Papste wirklich 
so wenig, dass ihm von Sergius III., Anastasius III., Johann X, Leo VI., 
dass ihm von Johann XI. und Johann XII., der auf den papstlichen Stuhl 
stieg, ohne tiberhaupt Priester gewesen zu sein, nichts bekannt ist? Ist 
ihm ferner nichts von Bonifaz VII., Benedict IX., Innocenz IV., von den 
Widernattirlichkeiten des Papstes Urban, von den Verbrechen und der 
Liederlichkeit eines Johann XXIII. , eines Innocenz VIII. und Alexander VI. 
bekannt geworden? Kennt er wirklich nicht aus der neuesten Zeit die 
etwas intimere Geschichte des Xebens Gregors XVI. (1830 — 46) und 
selbst des Vorlebens Pius IX.? Nein, verehrter Herr Prinz, mogen Sie 
diese Leiter des Kirchenstaates, mogen Sie diesen ganzen Kirchenstaat 
fiir sich behalten! Das deutsche Volk sehnt sich nicht nach solchen 
Verhaltnissen, wie sie in diesem Musterstaate des Ultramontanismus und 
Jesuitismus eingerissen waren! 

Und mit diesem Verfall der Sitten ging Hand in Hand auch der 
politische Verfall. Wie wenig ist Rom trotz alles dahin stromenden 
Geldes unter der ultramontanen Herrschaft vorwarts gekommen. Erst mit 
dem Sturmwind, der den Kirchenstaat fortfegte, bluht auch in Rom wieder 
neues Leben aus den Ruinen, nimmt die Bevolkerung der Stadt wieder 
aamhaft zu. 

Das Gleiche gilt von Italien. Hier hat die jetzige antiultramontane 
and antijesuitische Regierung die Ausziige aus den Memoiren des Hoch 



g8 Die ErlOsung der Volker. 

wiirdigen Bischofs Seipio da Ricci, Bischofs von Pistoja und Prato 
(Florenz 1865) veroffentlicht, um der Welt zu zeigen, welche Massregeln 
ergriffen werden mussen, um das Volk vor dem ganzlichen Verfall zu 
bewahren, der ihm durch die geheime nach Liguori gehandhabte Ohren- 
beichte droht. Den ultramontanen Schriftstellern ist da Ricci deswegen 
nur „ein finsterer Jansenist", der Ubrigen Welt aber ist er in Gemeinschaft 
mit seinem Ftirsten, dem Grossherzog Leopold, der Reformator der katho 
lischen Kirche in Toscana, der ■ an der Gleichstellung der toskanischen 
Kirche mit der gallikanischen (vergl. Seite 67) und an der Durchftthrung 
einer bessern Kirchendisziplin nur mit Gevvalt gehindert worden ist. Die 
amtliche Untersuchung hat ergeben, dass zwischen den Nonnen und den 
Geistlichen in Italien die argste Unzucht herrschte ohne Scheu. Die Vor- 
gesetzten wissen es, ohne es aber zu andern. Das Genauere zeigt der 
dreizehnte Papstbrief unsers Robert Grassmann. 

Sollte irgend ein ultramontaner oder jesuitischer Schriftsteller obiges 
bestreiten wollen, so kann fiir ahnliche Zustande in Spanien ein Zeuge 
genannt werden, den wohl auch die Keller, Seidl, Prinz Max etc. aner- 
kennen werden, jener spanische Grossinquisitor, der dem 1757 geborenen 
Villanueva zum Preise der Inquisition rtthmte, ohne diese ware der 
Beichtstuhl ein Bordell. *) Nun es ist dies daim wenigstens eine erfreu- ' 
liche Seite in dem furchtbar blutigen Bilde, das die Inquisition sonst in 
Spanien bietet, wo sie nach den 1834 zu Madrid veroffentlichten Akten- 
stticken nicht weniger als 31,913 Personen verbrannt, und 291,456 Per- 1 
sonen mit andern schweren Strafen, wie ewiges Gefangniss^ Galeeren, • 
Konfiskation der Gtiter etc. belegt hatte. Was Wunder, dass', Spanien, 
dessen Soldaten einst die besten und stolzesten der Welt waren, und in 
dessen Reich die Sonne nicht unterging, unter diesem Druck auch politisch 
bo zuriickkam, dass es alle seine Kolonien verloren hat." 

Wenn Frankreich sich besser gehalten hat, so liegt das daran, 
dass hier der Volksgeist sich niemals ganz dem Ultramontanismus und 
Jesuitismus hat unterwerfen wollen. Das absolute Konigthum daselbst 
hatte wenigstens das Gute, dass es sich auch von dem Ultramontanismus 
und Jesuitismus nicht allzuviel hineinreden liess. Die gallikanische 
Kirche hat sich immer eine gewisse Freiheit zu bewahren gewusst, und 
in ihren beriihmten von Bossuet redigirten vier Artikeln schon 1682 der 
Welt gezeigt, dass man sehr wohl gut katholisch sein konne, ohne 
deshalb ultramontan sein zu mussen. Auch in der Folgezeit hat 
Frankreich dem Rechnung getragen und so bisher auch seine politische 
Stellung gewahrt. Aber auch hier droht Gefahr. Die franzosische Frau 
scheint ultramontanen Einfltissen zugftnglicher, und die geringe Zahl der 
Geburten, die geringe Zunahme der Bevolkerung macht auch franzosische' 
Politiker besorgt. 

Was sollen wir von den andern Landern sagen, in denen der 
Beichtvater, wie Liguori ihn sich wtinscht, gewirkt hat. Die Polen sind 



*) Heigl: Der heilige Alphons von Liguori, Berlin 1902, S. 46 



Die ErlSsung der VSlker. , 69 

als eigenes Reich ganz zu Grunde gegangen, und nicht ohne die weiteste 
Mitschuld ihrer ultramontanen Kirchenfiirsten. Irland ist in Knechtschaft 
gefallen. Die siid- und mittelamerikanischen Republiken siad mit 
ihrem Verfall der Sitten, der Zerrissenheit und Zerfahrenheit nur zu oft 
das Gegenstiick eines starken und kraftigen Staates; — welch ein Gegen- 
satz zwischen ihnen und dem rttstig fortschreitenden Nordamerika! 

Und" wir Deutsche im Reiche und in Oesterreich ! Nun wir ver- 
danken dem Ultramontanismus und Jesuitismus mit seinen Beichtvatern 
den dreissigjahrigen Krieg, der die deutschen Lande aus wohlhabenden 
Liindern mit 40 Millionen Einwohnern in arme und verwttstete Lander 
mit nur 10 Millionen Einwohnern verwandelt hatte. Das ist die Schuld 
des Ultramontanismus und Jesuitismus an deutschen Landern! Und 
wenn wir uns im Reiche, wenn sich die deutschen Lande in Oesterreich 
trotzdem wieder erholt haben, so verdanken wir -lies einzig und allein 
der Arbeit deutschen Geistes, der es verstanden hat, die dem Vater- 
lande vom Ultramontanismus und Jesuitismus geschlagenen Wunden wieder 
auszuheilen ; so verdanken wir das insbesondere dem Hause der Hohen- 
zollern, an welches, als der einst viel machtigere Kurfarst von Sachsen, 
der Vorfahr des Prinzen Max, der polnischen Scheinkrone wegen den 
Glauben wechselte, die Fuhrung und Leitung des deutschen Nordens ttber- 
gegangen ist; so verdanken wir das dem Wiederaufwachen des deutschen 
Nationalgefiihls, unserm grossen ersten Kanzler Bismarck, der uns deuthch 
genug gezeigt hat, wo der Feind steht, den wir zu bekampfen haben. 

Denn ziehen wir aus dem hier aufgerollten Bilde den N Schluss! 
Ueberall da, wo Ultramontanismus und Jesuitismus geherrscht haben, sind 
die Volker heruntergekommen. Und das ist ganz natUrlich! Denn wild 
die Beichte so gehandhabt wie der Jesuitismus und Liguori es will, ist 
•es Hauptzweck der Beichte, sich der Gemiither von vornherein unverlierbar 
au bernachtigen, eine moglichst grosse Anzahl von Personen um jeden 
Preis feat zu bekommen, und sie, wenn auch vielleicht nur zu ausserer 
Angehorigkeit dem Ultramontanismus anzuschmieden, dann geht es ohne 
eine Knechtung der Seelen und Gemiither nicht ab! Dann ist der 
natiirliche Lauf der Dinge, dass es zunachst die Frauen sind, die der 
Beichtvater, als den schwacheren Theil, sich unterthanig macht, und dass 
es dann wieder die Frauen sind, welche ihre Manner und Sohne knechten 
und in Sklavenketten legen helfen. Die Frauen streuen dann den Sarrien aus, 
den sie vom Beichtvater bekommen haben, die Saat der geistigen Knecht- 
schaft, des Mangels an Widerstandskraft, an EhrgefUhl, an Gerechtigkeits- 
sinn, an Selbstachtung, den Samen sittlicher Verderbniss. Viele jungen 
Manner ziehen dann die Ehelosigkeit den unter dem Joche der Priester 
stehenden Frauen vor. Die Zahl der Familien und Geburten vermmdert 
sich rasch; die Staaten kommen mehr und mehr herunter. Jeder, der 
■etwas von Geschichte oder Philosophie kennt, weiss sehr gut, dass auf die 
Knechtung und Verderbniss der Frau allerorts auch die Knechtschaft- und 
Verderbniss der Nation folgt, und dass das Nachlassen der Widerstandskraft 
«ines Volkes oft den ausseren Ruin und Untergang desselben nach sich ziebt 



70 Die ErlSsung der V61ker. 

Man ist auch von katholischer Seite demgegentibcr nicht blind ge« 
wesen und hat dies Uebel durch strenge Massregeln zu beseitigen gesucht. 
Schon Papst Pius IV. veroffentlichte urn 1560 eine Bulle, worin er alien 
Madchen und Frauen, welche durch ihre Beichtvater verfilhrt worden 
waren, Befehl gab, dieselben anzuzeigen. Eine Anzahl hoher Kirchen- 
beamten von der heiligen Inquisition wurde ermachtigt, die Angaben del 
infolge der Ohrenbeichte und im Beichtstuhl gefallenen Frauen entgegen- 
zunehmen. Man versuchte die Sache zuerst in Sevilla, einer der ersten 
Stadte Spaniens. Gleich nach der Veroffentlichung des Edikts war die 
Zahl der Frauen, die in ihrem Gewissen sich gebunden fiihlten, gegen i 
ihre Beichtvater . Anzeige zu machen, so gross, dass sogar die 60 an- ] 
wesenden Notare und Inquisitoren nieht im Stande waren, alle Anzeigen 
in der vorgesehriebenen Zeit aufzunehmen. Es wurden dreissig Tage 
zugegeben; aber die Inquisitoren wurden mit zahllosen Anzeigen so flber- 
schiittet, dass nochmals eine gleiche Frist zugegeben werden musste. 
Aber auch dies erwies sich als unzureichend. Endlich stellte sich heraus, ] 
dass die Zahl der Priester, welche die Keuschheit ihrer Beichtkinder 
vernichtet hatten, so groes war, dass man unmoglich alle bestrafen 
konnte. Die Untersuchung wurde aufgegeben, und die schuldigen Beicht- 
vater gingen frei aus. 

Kaiser Napoleon I. liess 1807 eine ahnliche Untersuchung in > 
Deutschland zwischen Koln und' Aachen vornehmen. Aber die Unter- 
suchung, welche von dem Staatsrath le Clerq und dem Professor Sail 
geleitet wurden, kompromittirten so viele Priester und so viele Damen '■ 
aus den hOchsten Standen, dass der Kaiser ganzlich den Muth verlor, und ■ 
der Befilrchtung Raum gab, dass ihre Blossstellung vor ganz Frankreich 
dem Volke Veranlassung geben konnte, die schauerlichen Schlachtereien 
von 1792 und 1793 zu wied.erholen, in denen tausende von Priestern, 
Monchen und Nonnen als Erzfeinde der Sittlichkeit und Freiheit erbar- 
mungslos aufgeknilpft oder totgeschossen wurden. Er liess die Unter- 
suchung plotzlich abbrechen und sperrte die schlimmsten Uebelthater ein. 

Das Uebel ist dadurch nicht gehoben, es grassirt in alter Weise 
weiter zum Verderben der Volker, welche sich nicht energisch genug da- 
gegen zur Wehre setzen. 

2. Die Priester der romisch-katholischen Kirche verlangen 
das Recht, eine Ehe zu schliessen, aber das Papstthum 
hat die Priesterehe verboten. 

Das Neue Testament kennt ein Verbot der Priesterehe nicht. Es 
ist ausser Frage, dass viele von Christi Jilngern (1. Kor. 9, 5), insbe-' 
besondere auch Petrus, beweibt gewesen sind (Matth. 8, 14. 1. Kor. 9, 5), 
ebenso die Brtider des Herrn (1. Kor. 9, 5), die doch auch priesterliche 
Funktionen ausilbten. (Vergl. Gal. 1, 19 mit Gal. 2, 9.) Auch der 
Apostel Paulus meint zwar, dass es „um der gegenwartigen Noth willen" 
gut sei, unverheirathet zu bleiben (1. Kor. 7, 26), spricht sich aber auch 
ausdriicklich das Recht zu* auch seinerseits die Macht zu haben, eine 



Die ErlOsung der VSlker. 71 

Schwester zum Weibe mit umherzuftihren, wie die andern Apostel, des 
Herrn Briider und Petrus (1. Kor. 9, 5); ja er setzt in 1. Tim. 3, 4 den 
Ehestand der Bischofe als Regel voraus: „Ein Bisehof sei Eines Weibes 
Mann!" Noch im Jahre 325 wies die Synode von Nicaea das beantragte 
Verbot der Priesterehe zuriick und verfugte nur, dass die unverheirathet 
in den Klerus eintretenden Geistlichen der drei obern Grade naeh Er- 
langung der Weihe nicht mehr heirathen sollten. Und noch 355 sprach 
die Synode von Gangra den Bannfluch aus Uber jeden, der sich weigere, 
am Gottesdienste eines verheiratheten Priesters theilzunehmen. Und wenn 
auch, das Vorbild des Monehthums allmalig zu wirken begann, so lebtea 
doch im neunten Jahrhundert die bei weitem meisten Priester in Frank- 
reich, Deutschland und Oberitalien und selbst manche Bischofe in regel- 
massiger Ehe. Erst als das Selbstgeftthl des romischen Papstthums er- 
starkte, steigerten sich auch seine Bemtihungen, die Bande zu losen, 
welehe die Diener der Kirche an Staat und Familie knUpften. Nur ein 
von alien biirgerlichen und hauslichen Pflichten losgeloster Klerus konnte 
nach Ansieht der Papste die Unabhangigkeit der Kirche von der Staats- 
gewalt sicHern und den hierarchischen Tendenzen des Papstthums als 
Werkzeug dienen. Um diese Lostrennung durchzuftthren, um ferner zu 
verhiiten, dass die Kirchenamter nicht etwa vom Vater auf den Sohn 
vererbten, sondern ganz zur Verfilgung des Papstthums blieben, erliess 
Gregor VII. 1074 das Dekret, dass jeder beweibte Priester, der das 
Sakrament verwalte, ebenso wie der Laie, der das Sakrament von einem 
beweibten Priester empfange, mit dem Bannfluch bestraft werden solle. 
Allenthalben, besonders aber in Oberitalien, erhob sich allerdinge der 
niedere Klerus zum Widerstande. Bischofe und Legaten wurden bei 
Publizierung des Ediktes misshandelt und mit dem Tode bedroht; leider 
aber begUnstigten die politischen Verhftltnisse Gregor VII., da namentlich 
in Deutschland die Kampfe gegen die Kaisergewalt Heinrichs IV. die 
Mehrzahl der Fursten und Bischofe ins papstJiche Lager trieb. So wurde 
das Verbot der Priesterehe mit Ach und Krach eingefiihrt und allmalig 
— bis auf geringe Ausnahmen — auch durchgesetzt. 

Was Wunder aber, dass mit dem Augenblick, in dem das Coelibat 
so eingefiihrt wurde, auch die Klagen Uber Ausschweifungen der Priester 
im geheimen oder mit ihren Haushalterinnen kamen. Musste doch im 
Mittelalter den Geistlichen das Konkubinat gestattet werden, nur damit 
nicht ehrbare Frauen oder Tochter verfUhrt wurden, und begUnstigten 
sogar BischOfe derartige Zustande wegen der darauf ruhenden Steuern. 

Es kann daher auch nicht Uberraschen, wenn die Priester und zwar 
besonders in Deutschland wiederholt darum eingekommen sind, dass ihnen 
die Ehe wieder erlaubt werde, da die Ehelosigkeit, verbunden mit den 
Gefahren eines nach Liguori gehandhabten Beichtstuhls, die gefahrlichsten 
Reizungen zur Unzucht bieten. Schon auf dem Konstanzer Konzil (1414 
bis 1418) wurde und zwar von einem der anwesenden Kardinale, also 
direkt von kirchenfurstlicher Seite, der Vorschlag gemacht, das Verbot 
der Priesterehe wieder aufzuheben. 



72 Die ErWsung der Vfllker. 

Selbst der deutsche Kaiser Ferdinand I. verlangte 1 560 vom Papste 
Pius IV. die Gestattung der Priesterehe und der Bisehof von Fttnfkirchen 
setzte es durch, dass in der 22. Sitzung des Trienter Konzils am 17. Sep- 
tember 1562' das Eheverbot fur Priester und seine Folgen zur Sprache 
kam. Der Papst Pius IV. tadelte aber deshalb seine Legaten. Rudolf 
Pio, Kardinal von Carpi, ward beauftragt, sein Gutaehten abzugeben, ob 
man den Priestern die Ehe gestatten konne; sein Gutaehten lautete (Paul 
Sarpi, Historie des Tridentinischen Konzils mit des D. Conrayer Anmer- 
kungen. Herausgegeben von Friedrich Eberh. Rambach, T. 4, S. 163, 
Halle 1-764) also: 

,, Wtirde man den Priestern gestatten, sich zu verheirathen, so wttrde 
das Interesse ihrer Familien, ihrer Weiber und Kinder, sie von der 
Abhangigkeit vom Papste losreissen und sie dagegen ihren, Fttrsten 
unterwurfig machen, und die zartliche Neigung zu ihren Kindern wttrde 
sie antreiben, alles zum Naehtheil der Kirche zu thun. Sie wttrden sich 
bemiihen, ihre Pfriinden erblich zu machen, und in kurzer Zeit wtirde die 
Autoritat des heiligen Stuhles auf die Stadt Rom eingeschrankt 
sein. Vor der Einfiihrung der- Ehelosigkeit der Priester hatte der Papst 
aus anderen Stftdten und Provinzen keine Einktinfte gezogen; erst seit 
derselben habe Rom freie Hand erhalten, so viele Benefizien zu ver- 
geben, um welches Vorrecht es in kurzer Zeit gebracht sein dilrfte, so- 
bald die Priester heirathen durften." 

Darauf gab Papst Pius IV. die folgende En tscheidung: 

„Es ist klar, wenn den Priestern die Ehe freisteht, so werden sie 
alle ihre Neigung und Liebe der Gattin und den Kindern, der Familie und 
dem Vaterlande zuwenden; die enge Verbindung des geistlichen Standes 
mit dem papstlichen Stuhle wird aufhoren; die Ehe den Priestern gestatten, 
heisst, die kirehliche Hierarchie zerstoren und den Papst wieder asum 
romischen Bischofe machen." 

Zur Zeit Joseph II. kam unter Papst Pius VI. die Bewegung far 
Aufhebung des Colibats der Priester abermals in Gang. Pius VI. ordnete 
Berathungen der Kardinale Uber die Frage an; darauf gab der Kardinal 
Staatssekretar Pallavicini das folgende Gutaehten ab: 

„Wenn man den Geistlichen die Ehe gestattet, so ist die romische 
pftpstliche Hierarchie zerstort, das Ansehen und die Hoheit des romischen 
Bischofs verloren; denn verheirathete Geistliche werden durch das Band 
der Frauen und Kinder an den Staat gefesselt, und h6ren auf, Anhanger 
des r5mischen Stuhles zu sein; werden auch genothigt, dem Interesse der 
Fttrsten beizustimmen. Man wird auch bald wahrnehmen, dass warme 
Verehrer und Vertheidiger des hi. Stuhles sich in tiffentliche Widersacher 
desselben verwandeln. Die Staatsklugheit legt es also Ihrer Heiligkeit 
und dem hi. Kollegium auf, niemals dergleichen Antragen Gehor zu geben." 

Hier also sagt der Kardinal: „Es ist ein Gebot der Staatsklugheit, 
dass die Papste und das heilige Kollegium das Colibat nie aufheben, weil 
die Priester sonst sich von der romischen Hierarchie wegwenden wttrden 
hin zur Familie, zu ihrem Vaterlande." . 



Die ErlSBung der VOlker. 73 

Audi Prinz Max bestatigt das, wenn auch mit etwas andern Wortens 
„Den frllheren Bitten um Beseitigung des Colibats — schreibt er — 
„konnte die Kirche kein Gehor scheaken, denn die GrUnde fUr Beibe- 
„haltung desselben sind so wichtig, dass die Kirche kaum je darauf vex- 
„zichten kann ... . Die Priester wtlrden dem heiligen Stuhl ent- 
B fremdet, falls ihnen die Ehe gestattet wiirde . . . Der Papst erkennt 
„sich eben als das von Gott gesetzte Oberhaupt der Kirche und muss 
daher auf diese seine Stellung halten, und deshalb suchen, eineU 
"moglichst innigen Anschluss des Klerus und der Volker an 
„seinen Stuhl zu erreichen." 

Auch nach diesem Zeugniss des Prinzen Max sind es also nicht 
religiose Grunde, welche die Priesterehe verbieten, sondern „weil der 
Papst auf seine Stellung halten muss", also genau wieder wie bei 
dem Staatssekretar Pallavicini Grunde papstlicher Staatsklugheit. 

Werden diese durch andere diplomatische Rticksichten auf- 
gewogen, so driickt man auch papstlicherseits ein Auge zu. 
So ist bekannt geworden, dass, als -die katholischen Einwohner des Liba- 
nons sich nur unter der Bedingung dem Papste untervrerfen wollten, dass 
ihre Geistlichen heirathen dUrften, der Papst dem nachgegeben hat. 
Es mtissen also trotz der beruhmten Einheit in der romisch-katholischen 
Kirohe und trotz des Bannfluches Gregors VII. doch Mittel und Wege 
existiren, auch ttber das Verbot der Priesterehe hinweg zu kommen, wenn 
man eben will. 

In Deutschland freilich sind alle BemUhungen, das Verbot der 
Priesterehe wieder aufzuheben, vergeblich geblieben. Auch die in der 
Neuzeit von den Kammern von Baden, Hessen, Bayeru, Sachsen etc. des- 
wegen gestellten Antrage blieben wirkungslos. Hier gebietet die p&pst- 
liche Staatsklugheit offenbar etwas Anderes als im Libanon. Tvagt 
doch Deutschland einen sehr betrachtlichen Theil zu den jahrlichen Ein- 
nahmen.des papstlichen Stuhles bei. — Immerhin aber glilht es auch hier 
wie uberall unter der Asche. Hat sich doch auch selbst noch im Jahre 
1902 unter der Geistlichkeit eines so iiberaus katholischen Landes wie 
Sizilien, eine starke Bewegung fur Wiedererlaubniss der Priesterehe be- 
merkbar gemacht. 

Freilich Prinz Max von Sachsen, die Seidl, Dr. Keller etc. mochten 
auch hier die obigen Ausfilhrungen wenigstens in etwas abschwachen. 
Verfasser — schreibt Prinz Max — soil nur einmal alle Pfarrhauser der 
"katholischen Welt abfragen, ob man Sebnsucht nach Abschaffung der 
"Ehelosigkeit habe. Eirgends (!) wird er eine bejahende Antwort er- 
„halten, als hbchstens bei Priestern, die im Glauben und guten Sitten 
n (sic!) wankend geworden sind." 

Das sind grosse Worte und doch nur eitel Wind. Denn wenn Prinz 
Max und sein Gefolge auch hier wieder allein auf die Pfarrer Gewicht 
gelegt wissen will und somit auch hier wieder in echt ultramontaner 
Ueberhebung die Gemeinden als vollstandige quantite negligeable behandelW 
so wUrde eine wirklich ernst gemeinte Nachfrage, ob und wie weit man 



74 Die ErlSsung der VSlker. 

erne Abschaffung des Colibats ersehne, in erster Linie sicher nicht an 
die Pfarrhauser, sondern an die katholischen Gemeinden zu rich ten 
sein! Und wahrscheinlicher Weise dilrfte das Resultat doch ein fur den 
Prinzen Max etc. sehr ttberraschendes sein! 

Und sodann, wenn man sich auch wirklich nur an die Pfarrer 
wendete, so dilrften auch hier nieht etwa die „in guten Sitten wankenden" 
sondern gerade die am ernstesten denkenden katholischen Geist- 
lichen sich am meisten ftir Aufhebung des Colibates ausspreehen. 
Gewiss mogen unter den ultramontanen und jesuitischen Geistlichen 
auch Elemente sein, welchen das jetzige System ausserordentlich be- 
hagt. Aber sonst ist nicht abzusehen, weshalb die Pfarrers k 6 c h i n 
den Vorzug vor der Pfarrersgattin verdienen sollte! Auch nicht, ob- 
gleich Prinz Max weiterschreibt : „Auf dem Colibat beruht das Vertrauen 
„des katholischen Volkes zu seinen Priestern, ein Vertrauen, welches be- 
B weibten Religionsdienern nie in gleicher Weise entgegengebracht werden 
^wird." — Warum denn nicht? Das Vertrauen, welches die ersten 
christlichen Gemeinden zu den -beweibten Aposteln gehabt haben, das 
Vertrauen, welches das katholische . Volk wahrend des ersten Jahrtausend 
verheiratheten Priestern entgegenbrachte, war doch wohl mindestens 
ebenso gross, als das Vertrauen, welches es jetzt zu unbeweibten 
Pfarrern hat! Oder will Prinz Max im Ernst behaupten, dass das Ver- 
trauen, welches die Christenheit dem beweibten Petrus entgegenbrachte, 
ein geringeres gewesen sei, als das Vertrauen zu seinen unbeweibten 
Nachfolgern und Stellvertretern? Oder kann Prinz Max auch nur mit einem 
Schein von Reeht die Behauptung aufstellen, der beweibte Pfarrer erzahle 
seiner Frau mehr, als der unbeweibte seiner Kochin? Oder wird denn 
etwa verheiratheten Aerzten weniger Vertrauen entgegengebracht, wie 
un verheiratheten? Ist es nicht gerade umgekehrt, dass der verheirathete 
Arzt von den Familien lieber befragt wird? Wie sollte es denn mit den 
„Seelenarzten" andera sein! Alle diese Worte des Prinzen Max sind 
daher nur Irrlichter, denen jeder reelle Hintergrund fehlt. Und nicht 
minder, wenn Prinz Max ferner schreibt; j,Der Colibat verleiht dem 
„Priester die Fahigkeit, sich zu opfern, und seine Person einzusetzen im 
„Dienste der Armen und Kranken." Ja ist denn der verheirathete 
Offizier etwa nicht so aufopferungsfahig als der unverheirathete? Oder 
geht der beweibte Arzt nicht mit demselben Muthe zu jedem Kranken 
wie der unbeweibte? Oder geht der verheirathete An wait, der beVeibte 
Richter nicht ebenso zu jedem Seuehenkranken, der noch sein Testament 
machen will, wie der unbeweibte! 

Nein! Prinz Max, die Herren Seidl, Dr. Keller etc, mOgen ganz 
ruhig sein! Wer den Muth seines Berufes in sich tragt, der opfert sich 
auch den Pflichten desselben auf, ganz gleich ob er beweibt oder unbe- 
weibt, verheirathet oder unverheirathet ist; und wer diesen Muth nicht 
hat, in den bringt ihn auch der Colibat nicht hinein. Mit Recht fragt 
Heigl: *) „Macht denn das heilige Sakrament der Ehe armer an Muth, 

*) A. a. Seite 30. 



Die ErlSsttng der Velker: 75 

„an Gottvertrauen, an Nachstenliebe, an Opfersinn? Hat der so hochge- 
„priesene und hochgeweihte Prieater nicht die Ehre eines Offiziers, der auf 
„dem Schlachtfelde zu sterben weiss, obschon seiner RUckkehr Weib und 
„ Kinder harren? Wahrlich, solche Vertheidiger des Colibate denken 
„schlecht von ihren Priestern!" 

Ein anderer ultnamontaner Sehriftsteller hat den Colibat damit m 
begrilnden versucht: Der Priester milsse rein zum Opfer gehen, das er. 
taglich darzubringen habe! Aber macht — fragt Heigl wieder — der 
Vollzug der Ehe denn unrein? Die Ehe ist doeh gerade nach romisch- 
katholischer Anschauung ein heiliges Sakrament! Wie kann ein heiliges 
Sakrament denn unrein machen? Liguori selbst deflnirt die Ehe doch 
aueh als remedium coneupiscentiae, als Mittel gegen die Begierde! 1st ea 
nicht besser der Priester tritt in dieser geheiligten Ehe als in unreiner 
Begierde an den Altar? Ist doeh Liguori selbst genothigt, in seiner 
Moraltheologie (Lib. Ill, N. 463) sogar den Pall zu behandeln, wo der 
Priester im Messornat — Selbstbefleckung treibt (indutus ad missam se 
polluerit)! Was hilft es dagegen, wenn Dr. Keller sagt: „Wir diirfen das 
„Vertrauen hegen, dass Gott denen, die ihm zulieb sich selbst zum Opfer 
„gebracht haben, seinen besondern Sehutz und besondere Gnade zuwenden 
„wird." Sagt doch auch Heigl hier mit Recht: „Das ist alles recht 
„schon; aber die Erfahrung, Herr Pralat! Sie zeigt, dass diese Gnade sehr 
„oft nicht, oder nicht genugend eingreift und eingestandenermassen selbst 
„bei Papsten, den unter dem Beistand des heiligen Geistes gewahlten 
„Stellvertretern. Gottes versagte." (Vergl. Seite 65 ff.) Und ist es nicht 
dieselbe Gnade Gottes, die da sprach: „Es ist nicht gut, dass der 
„Mensch allein sei, ich will ihm eine Gehillfin machen, die um ihn sei!" 
(1. Mos. 2, 18.) Wie kann Pralat Dr. Keller demgegenllber sagen: 
n Nur die Feinde . der Kirche sind gegen den Calibat." Nein, so gewiss 
es auch die Gnade Gottes war, die dem Manne eine Gehillfin machte; so 
gewiss es ebenso die Gnade Gottes war, die da sprach: „Seid fruchtbar 
und mehret euch, und erfiillet die Erde," (1. Mos. 9, 1) — so gewiss ist 
fur jeden, der die Gnade Gottes im Gottesworteselbst sucht, dass yon 
Gott eine Colibatsverpflichtung niemals gewollt, dass sie gegen die vpn 
Gott dem Menschen eingepflanzte Natur und darum naturwidrig und , 
ethisch nicht statthaft ist. n Warum also", fragt Heigl wieder, „an Gott 
^herumkorrigiren? Die Theologie ist doch die selbstverstandliche Ver- 
„theidigerin der Teleologie, d. h. der Lehre, dass alles auf der Welt 
„zweckmassig eingerichtet sei, denn mit ihr ist ein ordnender Wille 
„d. h. Gott bewiesen. Hat Gott nicht dem Menschen die Korperwerk- 
fl zeuge zur Fortsetzung seines Geschlechtes verliehen, damit der Mensch 
fl sie in geordneter Hftuslichkeit gebraucht? Und diesem von Gott selbst 
„gewollten Zweck sich entziehen, soil vor ihm ein Verdienst sein? 
„Sollte Gott die Menschen nicht sehr sonderbar flnden, welche denken, 
„ihm dureh Bekampfung dessen, was er in ihnen mitgab, eine Freude 
fl zu bereiten." *) 

*) Heigl: A, a. 0. Seite 35 und 36. 



76 Die ErlOsuhg jler Veiker. 

Wie sollte daher die Aufhebung des natiirwidrigen ZwangscoEbates 
den Priester weniger religios, weniger gottesftirchtig, weniger opferfreudig, 
weniger wahrer Frommigkeit ergeben machen? Man lasse doch auch hier 
emriial die Erfahrung sprechen! Hat sich denn schon eine einzige evan- 
gelisehe Gemeinde darilber beklagt, dass ihr verheiratheter Pfarrer weniger 
religiOs oder fromm sei als sein upbeweibter Kollege? Und ist im tibrigen 
der sittliche Ruf des evangelischen Pfarrhofes nicht ein viel reinerer als 
der des romisch-katholischen? Allerdings hat der evangelische Pfarrhbf 
den Ruf, ein sehr kinderreicher, ja vielleieht der kinderreichste aller HOfe 
zu sein; aber dieser Ruf ist kein Tadel, sondern ein Lob! Und nun sehe 
man auf der andern Seite diese Unzahl von Klagen, welche seit Ein- 
fiihrting des Zwangscblibats neben demselben hergegangen sind. Wie viele 
katholische Pfarrhofe giebt es nieht, vOn denen des Apostels Wort mit- 
gilt: Euer Ruhm ist nicht fein! (1. Kor.: 5; 6.) Welch eine Unmenge 
von Skandal ware bei Aufhebung des Zwangscblibats ei-spart geblieben ! 
Das ganze System der Pfarrerskbehin — deren Hauptberuf Heigl darin 
erblickt, dass sie Schlimmeres verhindert — ware niemals zur Geltung 
gekommen ! Wissen doch selbst romisch-katholische Sehriftsteller, wie der 
bereits erwahnte Professor Friedrich in seinem Tagebuch liber das vatika- 
nische Konzil von 1870 Erstaunliches tiber das Leben der Colibatsgeist- 
lichen zu ' berichten, und mttssen ebenso die rbmisch-katholisehen Brlider 
Theiner in dem schon 1828 erschienenen. Buch „Die Einftthrung der 
erzwungenen Ehelosigkeit bei christlichen Geistlichen und ihre Folgen" das 
Bekenritniss ablegen: „Die Siinden und Verbrechen, zu welchen die er- 
^zwungene Ehelosigkeit bis auf unsre Zeit herab Gelegenheit gegeben hat 
„und noch giebt, sind gewiss unzahlig; und wie nachsichtig man auch 
„von seiten der geistlichen Behorden sein mag, so wttrden doch die Re- 
„gistraturen derselben merkwurdige Beitrage zur Geschichte der sitthchen 
n Verderbniss der Geistlichen liefern konnen. Seltener ist es allerdings, 
J, dass die peinlichen Gerichte von den verbrecherischen Folgen der geist- 
„liehen Ltlste Kenhtniss zu nehmen haben, obgleich es nicht an schauder-r 
„haften Beispieleii mangelt, wo alle zur Rettung der Ehre des Geistlichen. 
„angewandten frommen Mi ttel nicht gelingeh wollten, die Verbrecher der 
B ihnen gebllhrenden Strafe ganzlich zu entziehen." 

Und doeh! Wer wollte ungertthrt auch solche fehlenden rbmiseh- 
katholischen Priestef harteh Herzens ohne weiteres verurtheilen ! Liegt 
die grossere Halfte der Schuld doch an dem widernattirlichen Sjstem T 
welchem sie in dem ZwangscOlibat sich unterwerfen mtlssen. Darum 
werfe niemand den ersten Stein auf einen solcheh Geistlichen, der fiber 
den Zwahgse8libat gefallen ist. Nur Gott allein weiss, wie lange er ge- 
kampft hat, wie furchtbar die Anfechtung gewesen, der er unterlag. Muss 
doch selbst der aehtzigjahrige Liguori noch im Jahre 1756 iti einer 
Priesterversammlung bekennen:' „Ich alter gebrechlichef Mann muss aui 
^dem kurzen Wege von Sah Michele bis hierheridie Augen niederschlagen, 
,uoi nicht Versuchungen gegen die Reinigkeit zu bekommen.* Wenh so: 
•aber schon ein achtzigjahriger Heiliger ringen muss, wie yiel mehr muss 



Die ErlBsung der V81ker. 77 

•ein Mann, der nicht ein Heiliger ist, in der Blirthe seiner Jahre, im 
Vollbesite von Kraft und Gesundheit zu ringen und zu kampfen haben. 
Und nun nehme man noch hinzu, dass dieser Mann nach Liguoris eigenen 
Anforderungen sich mit alien den fiktiven Fallen des geschlechtlichen 
Lebens, mit all der ausschweifenden Phantasie wie die weitgehendste 
ultramontane und jesuitische Moraltheologie sie bietet, andauernd beschaf- 
tigen muss, und man wird es psychologisch nur zu erklarlich finden, dass 
er strauchelt und in dem Sumpfe einer solchen Moraltheologie ganz unter- 
geht. Nein, Herr Pralat Dr. Keller, nieht die Feinde der - romisoh- 
katholischen Kirche sind es, welche vor einem Weiterbestehen des Zwangs- 
cdlibats warnen, sondern die Freunde. Den Feinden der romisch-katho- 
lischen Kirche ware es schon recht, wenn diese an dem Zwangscolibat 
festhaltend an dieser Widernatiirlichkeit schliesslich zu Grunde gent. 

3. Der Priester muss sich entscheiden, will er der Lehre 
Jesu oder der Moraltheologie Liguoris folgen, will er 
ein Diener Christi werden oder ein Werkzeug papst- 
licher Staatsklugheit bleiben. 

Die Pflicht des Priesters — auch wenn er bisher dem ultramontanen, 
jesuitischen Theil in der romisch-katholischen Kirche angehfirte — ist es, 
dass er sich prlife, ob er der Lehre Jesu oder der Moraltheologie des 
Liguori folgen; ob er ein Diener Christi werden oder das Opfer und das 
Werkzeug der von dem Kardinalsekretar Pallavicini empfohlenen papst- 
ilchen Staatsklugheit (vergl. Seite 71) bleiben will. 

Will er ein Diener Christi und damit ein Diener des allmachtigen 
Gottes und allba.rmherzigen Vaters im Himmel werden, so lese er das 
Netie Testament, namentlich die Reden des Herrn, am besten in einer 
guten Uebersetzung in seiner Muttersprache; ist ihm aber dies nicht ge- 
stattet, so lese er sie in der lateinischen Vulgata, wie sie in Regensburg 
bei Manz 1899 fur 4 M. erschienen ist, welche ihm jedenfalls erlaubt ist. 

Er wird dann erkennen, dass Christus aufgetreten ist, nicht dass 
er hier herrsche, oder um Staatsklugheit zu treiben, sondern dass er sein 
Leben lasse zur Erlosung der Menschen. Er wird dann den Ruf des 
Herrn verstehen: „Kommt her zu mir alle, die ihr mUhselig und beladen 
^seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet 
„von mir; denn ich bin sanftmuthig und von Herzen demUthig; so werdet 
fl ihr Ruhe finden fur eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine 
B Last ist leicht." (Matth. 11, 28-30.) 

Er wird dann inne werden, dass Christus fllr die Menschheit in die 
Welt gekommen ist, und dass dementsprechend auch die Kirche Christi 
der Menschheit wegen da sein soil und nicht umgekehrt die Menschheit nur 
des Ultramontanismus und Jesuitismus wegen! Er wird inne werden, dass 
Christus gesagt hat: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt" (Joh. 18, 36) 
und ebenso „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er ihm dienen 
lasse, sondern dass er diene" (Matth. 20, 28; Marc. 10, 45), und dass 
Christus dementsprechend keine ultramontane Herrschaft des Papstes mit 



78 Die ErlSsung der VMker. 

ihrer ^.Staatsklugheit" und ihrem Zwangscblibat aus „Staatsklugkeit" ge< 
grtindet oder gewollt hat. Er wird inne werden, dass nach Christi Wort 
und Willen der Geistliehe der Diener der Gemeinde, und nicht die 
Gemeinde ein blosees Anhangsel des Priesters, oder gar die ganze 
Kirehe das Anhangsel eines einzigen Menschen, des Papstes, sein soil. Er 
wird inne werden, dass auch kein Priester sich tlber die Laien erheben 
darf, sondern dass der der Grosste im Himmelreich ist, wer sich selbst 
erniedrigt. 

So als die Jflnger vor Jesus traten (Matth. 18, 1 — 4) und spraehen: 
„Wer ist doch der Grosste im Himmelreich?", rief Jesus ein Kind zu 
sich, stellte es mitten unter sie und sprach: „Wahrlich, ich sage euch, 
„es sei denn, dass ihr euch umkehret und werdet wie die Kinder, so 
„ werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. Wer sich nun selbst 
^erniedrigt, wie dies Kind, der ist der Grosste im Himmelreich." 

Ebenso als Jesus im letzten Osterfeste in Jerusalem wirkte, sprach 
er (Matth. 20, 25 — 28): „Ihr wisset, dass die weltlichen Ptirsten 
„herrschen und die Oberherren haben Gewalt. So soil es nicht sein 
„unter euch; sondern, so jemand will unter euch gewaltig sein, der sei 
„euer Diener, und wer da will der Vornehmste sein; der sei euer Knecht. 
„Gleiehwie des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen 
„Ia8se, sondern dass er diene, und gebe sein Leben zu einer Erlosung fttr 
„Viele." 

Und ebenso spricht Christus (Luc. 22, 25 — 26): „Die weltlichen 
„Konige herrschen, und die Gewaltigen heisst man gnadige Herren; ihr 
^aber nicht also; sondern der Grosste unter euch soil sein, wie der 
n Jftngste, und der Vornehmste, wie ein Diener." 

Ferner (Matth. 23, 11 — 12): „Der Grosste unter euch soil euer 
„Diener sein. Denn wer sich selbst erhehet, der wird erniedrigt; und 
fl wer sich selbst erniedrigt, der wird erhohet." 

Ebenso ruft der Apostel Petrus den Priestern zu 1. Petr. 5, 5: 
„Allesamt seid unter einander unterthan und haltet fest an der Demuth, 
fl denn Gott widerstehet den Hoffartigen; aber den Demuthigen giebt er 
B Gnade." 

Und wer nun zum Herrn Christus kommt und seinen Worten in 
den Evangelien lauscht, wer dann sein Herz ihm offnet, und inne wird 
der gottlichen Liebe, die den Heiland der Welt zu den Menschen sendety 
dass er die Menschen errette aus dem Elend der Stinde, wer dann von 
dieser Liebe Gottes ergriffen, sein Herz Gotte hingiebt, wer die Worte 
des Herrn in den Evangelien in sich aufnimmt, wer sich dann mtlhet, 
seine Fehler abzulegen und sein Herz mehr und mehr der Liebe Gottes 
zu offnen, der wachst dann in der Erkenntniss Gottes und in der Liebe 
zu Gott, prtlft sich, seine Gedanken und Thaten, und gewinnt mehr und 
mehr die Kraft, alle sflndigen Neigungen zu tlberwinden, und mehr und 
mehr zu wachsen in der~ Liebe zum Heilande, bis er ein Kind Gottes 
wird, dass seine Mitbrilder liebt, den Heiland liebt und sein Wort bJtlt, 
der Art, dass der Erloser und Gott der Vater ihn lieben und Wohnung 



Die Eriasung der Vfilker. 79 

in ihm machen. Und alle, welche in dieser Weise zum Erloser kommen, 
die Bibel alten wie neuen Testamentes lesen, und das Herz Gotte hin- 
geben, das sind in jeder, das sind auch in der romisch-katholischen Kirche 
die wahren Christen. 

Und um das zu werden, bedarf es nioht der Moraltheologie eines 
Liguori mit ihren tausenden von einzelnen Fragen und Paragraphen. Gott 
ist Geist (Joh. 4, 24) und kein Jurist wie Liguori! Gott.prtifet das Herz 
und die Nieren (Psalm 7, 19), nie aber wird er naeh dem Buchstaben 
oder nach den Nummern einer Moraltheologie entscheiden, die doch auch 
nur Menschenwerk und Menschensatzung ist, und ware sie von hunderten 
von Papsten empfohlen und sanktionirt. Wie einfach und doch erhaben 
ist die Moral Christi! Welch eine Tiefe und Eindringlichkeit in wenig 
Worteh! Wie vielgestaltet aber ist, was Liguori daraus gemacht hat, 
und wie verworren trotz aller seiner juristischen Spitzfindigkeit! Gross in 
allem Kleinen, aber klein in allem Grossen — ist diese Kasuistik, der vor 
lauter Einzelvorschriften das Wesentlichste fehlt, namlich den Menschen 
ethisch zu heben, ihn Gott und seinen Nachsten lieben zu lehren und ihn 
so Gott innerlich wirklich nfther zu bringen. Wem fallt beim Lesen 
dieser Moraltheologie und aller ihrer einzelnen Satze und Fragen nicht 
das Wort des Herrn ein, das ttber ganz ahnliehe Richtungen der Phari- 
saer und Schriftgelehrten seiner Zeit im dreiundzwanzigsten Kapitel des 
Matthaus Evangeliums gesprochen wurde: „Wehe euch Schriftgelehrten 
„und Pharisaern, die ihr dahinten lasset das Schwerste im Gesetz, namlich 
„das Gericht, die Barmherzigkeit und den Glauben. Ihr verblendeten 
„Leiter, die ihr Mtlcken seihet und Kamele verschluckt. Wehe 
„euch Schriftgelehrten und Pharisaer, ihr Heuehler, die ihr Becher und 
„Schttssel rein haltet, inwendig aber ist es voll Raubes und Frasses. 
„Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisaer, die ihr gleich seid wie die 
fltibertunchten Graber, welche auswendig hilbsch erscheinen, aber inwendig 
„sind sie voller Totenbeine und alles Unrathes! . . Sie machen ihre Denk- 
n zettel breit. . . Sie binden schwere und unertragliche Bttrden, und legen 
„sie den Menschen auf den Hals u. s. w." Sind nicht diese Worte unsers 
Herrn und Heilandes fiber die Orthodoxeh seiner Zeit gleich als waren sie 
ebenso auch fur die ultramontanen Anhanger eines Liguori und seiner 
Schule gesprochen? Und wer weiter die Ausflihrungen eines Liguori fiber 
den Eid liest, wer denkt da nicht an die Worte Christi, die er wieder 
in demselben Kapitel spricht: „Wehe euch, verblendete Leiter, die ihr 
„saget: Wer da schworet bei dem Tempel das ist nichts; wer aber 
„schworet bei dem Gold vom Tempel, der ist schuldig. Ihr Narren und 
„Blinde! Was ist grosser? Das Gold oder der Tempel, der das. Gold 
„hei%et. Wer da schworet bei dem Altar, das ist nichts, wer aber 
„schworet bei dem Opfer, das droben ist, der ist schuldig. Ihr Narren 
„und Blinde! Was ist grosser? Das Opfer oder der Altar, der das Opfer 
»heiliget! Darum, wer da schwfiret bei dem Altar, der schworet bei dem- 
fl 8elbigem und bei allem was droben ist. Und wer da schwOret bei dem 
»Tempel, der schworet bei demselbigen und bei dem der darinnen wohnet. 



80 Die ErlSsnng der VMker. 

„Und wer da schworet bei dem Himmel, der schworet bei dem Stuhl 
„Gottes und bei dem, der darauf sitzet." Kann es eine herbere Verur- 
theilung geben, als Christus selbst sie hier etwaigen HiaterthUren beim 
Eide und geistigen Vorbehalten zutheil werden lasst? Kann wirklieh ein 
Priester glauben, dass Gott sich so spotten lassen will, wie Liguori dies 
in seiner Lehre vom Eidschwur zulasst? Darum muss der Priester sich 
klar machen : Niemand kann zwei Herren dienen. Man kann nicht 
gleichzeitig der Lehre ^Christi und der Kasuistik Liguoris dienen. 

Und wenn diese von Liguori so sehr betonten Fragen in der Beichte 
nach alien begangenen Todstinden, nach alien. Nebenumstanden, noch 
wirklieh den Menschen aufwarts trflge! Aber muss sich der Priester nicht 
selbst sagen, dass dieses nochmalige Eingehen auf alle langst ttberwundenen 
Siinden, auf alle — vielleicht verfuhrerisehen Nebenumstande — den 
kaum genesenen Sunder doch unmoglich gesund machen helfen kann! 1st 
es nicht gerade, als wolle man jemand dadurch rein waschen, 
dass man ihn noch einmal recht ordentlich durch den Schmuta 
hindurchzieht, den er eben verlassen hat. 

Und dann noch Eins! Der Apostel Paulus ruft alien Christen zu: 
„Segnet und fluchet nicht." (Rom. 12, 14.) Und der Herr Christus, unser 
aller Heiland, ruft selbst in der Bergpredigt alien Christen zu: „Liebet 
ft eure Feinde, segnet, die euch fluchen, thut wohl denen, die euch hassen, 
„bittet far die, so euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid 
„eures Vaters im Himmel." (Matth. 5, 44—45.) Kann es sicB mit dieser 
Lehre Christi und des Apostels Paulus vertragen, wenn der ultramontane 
Theil der romischen Kirche jeden in die Holle verflucht, der sich nicht 
den Lehren eben dieses iiltramontanen Theils der romischen Kirche unter- 
werfen will? Ja verflucht dieser ultramontane Theil der rbmiechen Kirche 
nicht auch den Herm Christus, den Gottessohn, selbst mit in die Hollo, 
da unser Herr Christus mit seinen Lehren durchaus nicht auf dem Boden 
dieses Ultramontanismus steht? Prinz Max von Sachsen will das zwar 
nicht wahr haben. Er wagt zu schreiben: „Die ultramontane Kirche 
„hat noch nie Jemanden in die Holle geflucht oder gewUnscht." Nun 
demgegenllber theilen wir einfach die Formel des Anathema (Bannfluches) 
mit, die der ultramontane Priester aussprechen soil. Sie lautet: 

^Verflucht sei er innerhalb und ausserhalb des Hauses, verflucht 
„in der Stadt und auf dem Lande, verflucht beim Wachen wie 
„beim Schlafen, verflucht beim Essen wie beim Trinken, ver- 
flucht beim Gehen wie beim Sitzen, verflucht seien sein Fleisch 
fl und seine Knochen, und von der Fusssohle bis zum Scheitel 
„weiche von ihm die Gesundheit. Es komme flber ihn der 
„Fluch, den der Herr im Gesetze durch Moses fiber die SShne 
fl der Sfinde zuliess. Es werde getilgt sein Name aus dem Buche 
^der Lebenden und mit den Gerechten werde er nicht genannt. 
„Es gehe ihm, wie dem Brudermbrder Kain, wie Dathan und 
r Abion, wie Anania und Saphira, wie Simon Magus und dem 
.„Verrather Judas, wie alien, die zum Herm sagten: „Gehe von 



Die ErlOaung der Volker. 81 

„uns, wir wollen nioht auf deinen Wegen wandeln." Ihn treffe 
„Verdammniss am Tage des Gerichtes, ihn verschlinge das ewige 
„Feuer mit dem Teufel und seinem Anhang, wenn er nicht vor- 
„her. Genugthuung leistet und Busse gethan hat. So geschehe es,. 
B so geschehe es. tt 

Nun, das sagt doch wohl genug! Ueberlassen wir es dem Prinzea 

Max von Sachsen und seinen Helfershelfern, wie sie sich mit dieser 
BOnderbaren Illustration zur Religion der Liebe abfinden wollen! 

Der Herr Christus selbst ruft jedenfalls im Gegensatze zu diesem. 
Bannfluche seinen Jiingern zu: „Riehtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtefr 
„werdet, denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet 
„ werden und mit welcherlei Maass ihr messet, wird euch gemesseu 
„ werden. Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und 
fl wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? Oder wie darfst du, 
„sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem 
, „Auge Ziehen? Und siehe, ein Balken ist in deinem Auge. Du Heuchler, 
„zeuch am ersten den Balken aus deinem Auge; darnaoh besiehe, wie du 
„den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest." 

Sollte es auch dem Prinzen Max von Sachsen und seinem Anhange 
nicht anstehen, erst diesen Balken des Bannfluches dem unter dem 
Einfluss des Ultramontanismus und Jesuitismus stehenden Theil der 
romischen Kirche aus dem Auge zu ziehen, ehe er andereLeute splitter- 
riehtert? 

Wie wichtig ist ferner, was der Herr Christus alien Christen, Laien 
und Priestern Matth. 7, 15 — 23 zuruft: „Sehet euch vor vor den falschen 
„Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind 
„sie reissende Wolfe. An ihren Friichten sollt ihr sie erkennen. Kann 
„man auch Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? 
fl Also ein jeglicher guter Baum bringet gute Frtichte; aber ein fauler 
„Baum bringet arge Fruchte. Ein guter Baum kann nicht arge FrUchte 
B bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute FrUchte bringen. Ein 
jeglicher Baum, der nicht gute FrUchte bringt, wird abgehauen und ins 
„Feuer geworfen. Darum an ihren Friichten sollt ihr sie erkennen. Es 
„werden nicht alle, die zu mir sagen:. Herr, Here! in das Himmelreich 
„kommen, sondern die den Willen thun meines Vaters im Himmel. Es 
B werden viele zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr, haben wir nicht 
„in deinem Namen geweissagt? Haben wir nicht in deinem Namen Teufel 
„ausgetrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viele Thaten gethan? 
„Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch noch nie erkannt; 
B weichet alle von mir, ihr Uebelthater!" — Jeder Priester prttfe und 
entscheide sich demnach, ob er will ein Jtthger des Herrn Christus werden, 
der segnet, die ihm fluchen, oder ob er will ein Knecht des Ultramon- 
tanismus und Jesuitismus bleiben, der alle in die Holle verflucht, welche 
sich ihm nicht unterwerfen. ' 

Will er ein Jflnger des Herrn Christus werden, so bitte er den 
Herrn um seine Liebe und Gnade, so fliehe er die SUnde, so unterwerfe 



82 Die ErJSsung der Velker. 

er sich den Geboten des Herrn, so heilige er sich, seinen Leib und sein 
Gemiith, indem er mit aller Kraft um die Liebe des Herrn, um die Kraft 
seines Geistes, um die Macht seines Wortes bittet, so wird er bald aus 
dem ultramontanen Priester mit seinen Bannfltichen ein demtithiger Jiinger 
des Herrn werden, bereit, jedes Opfer fur den Heiland, den Sohn Gottes 
iu bringen, der sich in gottlicher Liebe filr uns geopfert hat. Und ist 
er soweit gekommen, dann wird er auch in den Predigten nach der 
Bibel die Laien seiner Gemeinde zum Herrn Christus filhren, sie in den 
christlichen Geist einftihren, sie gewinnen, ihr ganzes Leben dem Dienste 
des Herrn zu widmen und ihr Herz der gottlichen Liebe zu bffnen, 
damit der Herr in ihnen wohne und wirke. Ebenso wird er ihnen 
dann die Lehre des Herrn Christus vom Abendmahle nach der Bibel 
vortragen. 

Der Herr Christus, der filr uns gelitten hat und gekreuzigt ist, hat 
im Abendmahle das Brod und den Kelch filr alle Christen eingesetzt. 

So berichten die Evangelisten Matthaus (26, 26—27), Markus (14, 22 24) 

und Lukas (22, 19 — 20) vom letzten Abendmahle des Herrn mit seinen 
Jtingern am Abende unmittelbar vor seiner Gefangennahme: Der Herr 
Christus nahm das Brod, dankte und brach's, und gab's ihnen, und 
sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib, der filr' euch gegeben. wird; 
das thut zu meinem Gedachtniss. Desselbigen gleichen auch den Keleh, 
nach dem Abendmahl, und sprach: Trinket alle daraus; das ist der 
Kelch, das neue Testament in meinem Blut, welches vergossen wird fur 
viele, zur Vergebung der Siinden. 

Wie der Leib des Herrn Christus der ( Kbrper ist, in welchem der 
ErlSser auf Erden gegenwartig war und gewirkt hat, so ist auch das 
Bvod im Abendmahle der Korper, in dem der Herr mit seiner Wirk- 
samkeit gegenwartig ist, und in welchem jeder Mensch die korperliche 
Gewissheit erhalt, dass, wenn er Christus liebt und seine Gebote halt, 
dass dann Christus in ihm wirkt, dass dann Christus und Gott selbst ihn 
lieben und in ihm Wolmung machen. 

Ebenso, wie das Blut des Herrn Christus der KOrper ist, in welchem 
der Heiland, der Sohn Gottes, auf Erden athmete und lebte, und durch 
dessen Vergiessung er 'filr uns gestorben ist, so ist auch der Wein im 
Abendmahle der KOrper, in dem der Herr mit seiner Wirksamkeit 
gegenwartig ist, und jeder Christ die korperliche Gewissheit erhalt, dass, 
wenn er Christus liebt und den Siinden entsagt, dass dann auch die 
Vergebung der Siinden, welche das vergossne Blut des Herrn Christus 
den Christen bringt, auch ihm zu Theil geworden ist, und dass er, der 
Siinde abgestorben, in einem neuen Leben- in der Liebe des Herrn Christus 
leben wird. 

Von dem Kelche haf Christus bei der Einsetzung ausdrlicklich ge- 
eagt: „Trinket alle daraus." (Matth. 26, 27.) Und ferner: „Der 
„Kelch, der ist das neue Testament in meinem Blute, das filr 
„euch vergossen wird." (Matth. 26, 28; Mark. 14, 24; Luk, 22, 20; 
1. Cor. 11, 25.) Fur das neue Testament, d. h. fiir den neuen Bund 



Die ErWsung der Vfllker. 83 

Gottes mit den Menschen in Christus oder filr das Christen thum ist also 
der Kelch das spezifische Gnadenmittel, durch welches der Christ an dem 
Blute des Herrn Theil nimmt, welches der Herr fur alle Menschen am 
Kreuze vergossen hat zur Vergebung der Siinden. 

Und dass dies die Bedeutung des Kelches ist, das betheuert Christus 
in seiner von Johannes (iberlieferten Rede Kap. 6, 53 — 56: „Wahrlich, 
,wahrlich, ich sage euch: Werdet ihr nicht essen das Fleisch des 
„Menschen Sohnes und trinken sein Blut, so habt ihr kein Leben in 
„euch. Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der hat das 
„ewige Leben, den werde ich auferwecken am jiingsten Tage. Wer 
„mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der bleibt in mir und ich 
„in ihm. tt 

Nach dieseh wiederholten Reden des Herrn ist also der Kelch fltr 
alle Christen eingesetzt, hat der Mensch, der im Abendmahle von dem 
Kelche ausgeschlossen ist, der also an dem Kelche nicht Theil nimmt, 
auch keinen Antheil an dem neuen Testamente des Gottessohnes, ist kein 
Christ. Nur wer im Kelche das Blut des Herrn trinkt, hat christliches 
Leben in sich, hat Antheil am ewigen Leben, und wird vom Herrn am . 
jflngsten Tage auferwecket werden. Nur wer im Kelche das Blut des 
Herrn trinkt, der bleibt im Gottessohne, und der Gottessohn in ihm. 
Dies ist die unzweifelhafte, sechsfach bezeugte Lehre unsers Heilandes und 
Herrn Jesus Christus. 

Voile zwolf Jahrhunderte hindurch hat dementsprechend auch die 
katholische Kirche das Abendmahl in beiderlei Gestalt an Priester und 
Laien ertheilen lassen. Ja Papst Leo , der Grosse befahl, alle aus der 
Kirche auszustossen, welche den Leib Christi empfangen wollen, ohne 
zugleich den Wein als sein Blut zu trinken; und Papst Gelasius er- 
klarte alle, welche nur den heiligen Leib nehmen, sich aber des 
Kelches enthalten wollen, fur vollstandige Ketzer. Erst das Konstanzer 
Konzil (1415 — 1417) glaubte an diesen einfachen und bestimmten Worten 
Jesu Christi selbst herumdoktern zu mussen, und entzog den Laien und 
den nicht administrirenden Priestern den Kelch. Begriindet wurde dies 
durch die Lehre von der unio realis, nach welcher im Leibe Christi auch 
sein Blut zugegen und beides im konsekrirten Brode genossen werde! 
Das Tridentiner Konzil bestatigte dann spater diese Lehre, und dement- 
sprechend glauben ja natiirlich auch Liguori und sein Schildknappe Prinz 
Max von Saehsen filr dieselbe eintreten zu mussen. Und doch, was ist 
diese Lehre anders als Menschenwitz und Menschensatzung, die mit 
den eigensten Worten Christi: Trinket alle daraus — in schroffstem 
Widerspruche steht. Wer Menschenwitz und Menschensatzung mehr 
achtet als das eigenste Wort des Sohnes Gottes, der wird allerdings auch 
hier Liguori und dem Prinzen Max von Saehsen folgen konnen! Wer 
aber glaubt, dass das Christenthum auf Christi Wort gegrtindet ist, 
dass das Reich Gottes sich auf Jesu Christi eigenster Lehre aufzubauen 
hat, der wird auch hier Niemanden den Kelch des Abendmahles entziehen 
wollen, weder dem Laien noch dem nicht administrirenden Priester. 



84 Die ErlOsung der Vslker. 

Und ist der Priester bis zu dieser Erkenntniss durchgedrungen und 
hat er bis zu diesem Punkte seine Gemeinde gefiihrt, hat sie mit ihm 
das Geheimniss gottlicher Liebe erfasst, und die Gefahren und die Sflnden 
ihres bisherigen Lebens erkannt, dann ist die Zeit gekommen, dann kann 
er erklftren, er wolle nicht weiter ein Diener von Menschenwitz und 
Menschensatzungen sein, sondern wolle in Demuth sein Amt niederlegen 
und aus einer Kirche ausscheiden, in der er nur ein Werkzeug papst- 
licher Staatsklugheit sein solle. (Vergl. Seite 70, 71 und 76.) Dann wird 
er alle darauf aufmerksam machen, dass kein Christ, dem der Kelch des 
Abendmahls entzogen wird, an dem fur uns zur Vergebung der Slinden ver- 
gossenen Blute des Herrn Christus Theil hat. Und nun fordere er jeden, 
der mit ihm gleicher Gesinnung ist, auf, mit ihm den Menschendienst 
aufzugeben und ein Diener Gottes, ja ein von Gott geliebtes Gotteskind 
zu werden und aus der ultramontanen Kirche mit dem Beichtstuhl ernes 
Liguori und 'mit ihren Bannfliichen (vergl. Seite 79) auszutreten und in 
eine segnende, wahrhaft christliche Kirche einzutreten. 

Und hat der Priester dies im Namen Gottes und in der Gluth der 
Liebe zu Gott gethan, so wird auch ein grosser Theil seiner Gemeinde 
mit ihm gehen, und werden sich auch zahlreiche Mitglieder anderer Ge- 
meinden anschliessen. . 

In Nordamerika hat der Priester Chiniqui diesen Weg vor wenigen 
Jahren eingeschlagen und jetzt sind bereits tlber 45000 Christen aus der 
dortigen ultramontanen Kirche ausgetreten und in echt christlichen Ge- 
meinden vereint. In Oesterreich ist eine ahnliche starke Bewegung im 
Gauge. 

4. Der Christ und der Familienvater muss sich entscheiden: 
Will er ein Christ werden und der Lehre Christi folgen, 
oder will er bei Liguori und in dem Antichristenthum 
jesuitischen Ultramontanismus verbleiben. 

Die Pflicht fur jeden Christen, namentlich aber fiir jeden Hausvater 
ist es, dass er sich entscheide, ob er ein Christ werden, oder bei dem 
Antichristenthum eines Liguori und des jesuitischen Ultramontanismus 
verbleiben will. 

Der Herr Christus lehrt: Segnet, die euch fluchen, auf dass ihr 
Kinder seid eures Vaters im Himmel, (Matth. 5, 44 — 45) und ebenso 
sagt der Apostel Paulus: Segnet, und fluchet nicht. (Rom. 12, 14.) 
Dagegen verfluchen die Pfipste Leo X., Paul III., Urban V., Gregor XIII., 
Urban VIII. und Pius IX. etc. alle Andersglaubigen, ja.sie verfluchen 
auch alle die, so sich dem Gehorsam (!) gegen den.jeweilig (!) regierenden 
Papst entziehen oder von ihm irgendwie abweichen, und liessen diese 
Verfluchung in den Kirchen alljahrlich einmal — am grllnen Donnerstag 
— verlesen, was nacfa den Berichten der „Colnischen Zeitung" vom 
18. April 1882 auch unter dem jetzt lebenden Papste noch in Rom ge- 
schehen ist. (Bulle: In coena domini des Papstes Urban Vin. von 1627. 
"Vergl. Trid. Concil Siteung VII vom 3. Marz 1547 und Catech. romanus 



Die Erldaung der Volker 85 

Pars I Cap. IX Qu. 8 und 15.) Ebenso verfluoht auch iu neuerer Zeit 
Papst Pius IX. im Schema constitutionis dogmaticae die Andersgl&ubigen, 
sowie alle die, welche ihm nicht die voile und h5chste Gewalt der Juris- 
diction ttber die ganze Kirche, sowie fiber alle und jegliche Kirchen (!) 
zu sprechen (Can»4. 6. 12 und 15), und haben die BischSfe des vatikani- 
schen Konzils vom Jahre 1870 diesen Verfluchungen voll zugestimmt 
und auch der jetzige Papst Leo XIII. in seinem Rundschreiben vom 
21. April 1878 alle diese Verfluchungen Pius IX. bestatigt. 

Sie verfluchen damit also jeden, der nicht unbedingt alle ihre Ge- 
bote, namentlich die Beichte der einzelnen Siinden in der geheimen Ohren- 
beichte vor dem Priester anerkennt, ja sie verfluchen auch jeden Haus- 
vater, der sich nicht gefallen lassen will, dass seine Ehefrau oder seine 
Tochter von dem Beichtvater im Liguori'schen Beichtstuhl nach unzttch- 
tigen Dingen gefragt wird, und die grfisste Gefahr lauft, verfiihrt und 
sittlieh ruinirt zu werden. 

Hier giebt es keinen Zweifel, hier muss jeder Hausvater sich ent- 
scheiden: Will er sich die unziichtigen grundgemeinen Pragen des Priesters 
an seine Ehefrau oder an seine Tochter, die nach Liguori und den andern 
jesuitisch-ultramontanen Kirchenlehrern im Beichtstuhl an dieselben gestellt 
werden dtirfen und miissen, gefallen lassen; — auch jetzt noch, wo ihm 
aus den Schriften eben dieses Heiligen Dr. Alphonsus Maria de Liguori 
selbst der Beweis geliefert ist, dass seiner Ehefrau und seiner Tochter die 
grSssten Gefahren von dem nach Liguori sich richtenden Beichtvater 
drohen, — so muss er sich auch die Folgen dieser Duldung gefallen lassen. 

Christus lehrt: „Segnet, die euch fluchen, bittet filr die, so euch 
„beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im 
^Himmel." (Matth. 5, 44. 45.) Und fei-ner: „Wer zu seinem Bruder 
„sagt: Du Narr! der ist des hollischen Peuers schuldig." (Matth. 5, 22.) 
Der Apostel Paulus sagt ebenso: „Segnet, und fluchet nicht." (Rfim. 12, 14.) 
Mit dieser Lehre Christi, mit diesen Worten seines Apostels vertragt es 
sich nicht, wenn die oben genannten Papste, wenn die ultrainontanen 
Bischofe und Priester ihre Mitbrttder verfluchen; — wenn sie jeden 
Christen verfluchen, der nicht den Lehren dieser Priester, welche in 
Widerspruch stehen mit den Lehren des Herrn Christus selbst, unbedingt 
zustimmt. Derartige Verfluchungen vertragen sich nicht mit der von 
Christus als hOchstes Gebot bezeichneten Nachstenliebe, sie sind nicht 
Christenthum, sondern Antichristenthum ! Und — verfluchen diese selben 
Priester nicht auch den Herrn Chrietus selbst mit? Denselben Christus, 
<ler die Nachstenliebe predigt, denselben Christus, der alle Herrschafts- 
gehiste und die Menschensatzungen verworfen hat, der das Wort sprach: 
^Mein Reich ist nicht von dieser Welt"? Verwtinschen sie also den 
13ohn Gottes nicht mit in die Hfllle, und fordern von euch, dass ihr des- 
•gleichen thuet? 

Da heisst es Entscheidung treffen : ^Niemand kann zween Herren 
dienen." (Matth. 6, 24.) Ihr konnt nicht dem Gott des Segens und dem 
Priester der Verfluchungen dienen! 



86 Die ErlOsung der Velker. 

Ein wahrer Christ wird daher nicht mit den obigen Papsten und 
ultramoutanen Priesterri den Herrn Christus und alle diesem Heiland er- 
gebenen Mitchristen verfluehen! Bin wahrer Christ muss vielmehr zu dem 
Herrn Christus selbst kommen, der alle einladet: „Kommt her zu mir alle, 
„die ihr mtihaelig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet 
„auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmuthig und 
„von Herzen demtithig; so werdet ihr Ruhe linden filr eure Seelen. 

„Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht." (Matth. 11, 28 30.) 

Der muss zu dem Heiland eilen, der gekommen ist, ihn zu erlosen, der 
sein "Wort nicht im Verborgenen, sondern offentlich vor aller Ohren hat 
erschallen lassen, der sich nicht versteckt hat, sondern offentlich vor 
aller Augen aufgetreten ist. 

Wer ein Christ sein will, der muss des Herrn Christus Reden lesen 
und wieder lesen, und zwar in seiner Muttersprache, die er versteht, der 
muss des Herrn Christus "Worte in sein Herz aufnehmen und ihn lieben 
lernen. Der Herr Christus ist der alleinige Mittler zwischen Gott und 
den Menschen (1. Tim. 2, 5); er ist es, zu dem jeder eilen, zu dem 
jeder beten muss, und der Wohnung in jedem Christen machen will, 
welcher ihn liebt. Wenn sich ein Priester zwischen den Laien und den 
Erloser eindrangen will, wenn er der alleinige Mittler zwischen Gott und 
den Laien seiner Gemeinde sein will, wenn er von den Laien ein Gott 
genannt werden will, wie dies dem Priester nach dem Catechismus 
romanus Pars H Cap. VII Quaestio 2*) zusteht, so handelt er datnit 
unchristlich und macht seine Gemeinde zu Menschendienern, zu Gfitzen- 
dienern, die den Herrn Christus, als alleinigen Mittler, verwerfen. 

Wenn der Priester sich tlber dich erhebt und im Beichtstuhl liber 
dich richten will, so wird er deshalb von Christus verworfen, der da 
lehrt: B Richtet nicht, auf dass ihr nieht gerichtet werdet" (Matth. 7, 1) 
und ferner: „Die weltlichen Ftirsten herrschen und die Oberherren haben 
fl Gewalt. So soil es nicht sein unter euch, sondern so jemand will ge- 
„waltig sein, der sei euer Diener und, wer da will der Vornehmste sein, 
„der sei euer Knecht" (Matth. 20, 25 — 27). Darum diene nicht Menschen, 
die tlber dich herrschen wollen, sondern diene Gotte, der dich erlfisen 
will und sich deiner erbarmt hat. „Sehet euch vor," ruft der Herr, „ vor 
n den falschen Propheten. An ihren Frilchten sollt ihr sie erkennen.' 1 
(Matth. 7, 15—16.) Das gilt auch_euch. 

Der ultramontane Priester freilich will Euer Richter sein : Er fordert 
Euch vor seinen Beichtstuhl. Wie es dort zugeht, was er dort nach 
Liguori mit Euren Tochtern und Euren Ehefrauen filr GesprtLehe ftlhren 
soil, wie er dort das von Gotte jeder Jungfrau eingepflanzte Schamgefuhl, 
den, gottlichen Schutz gegen jede Versuchung, in unchristlicher Weise 
brechen soil, wie er da vielfach mit Fragen unztlchtigster Art die Frauen 
belastigen kann und nach Liguori auch belastigen soil, wie da die Frauen . 
nnd Jungfrauen geftrgert und auch erfahrungsmassig in sehr vielen Fallen 



*) merito non solum angeli sed dii appellantur. 



Die EriOsung der V Biker. 87 

rerfiihrt werden, wie dem stindigenden Priester von Liguori und seinea 
Geistesverwandten so viel Auswege und Durchschlupfldcher geoffnet sind, 
dass er, wean er es nicht zu ungeschickt anfangt, vor Denunziationeii 
sicher sein kann**), wie selbst der des Ehebruches iiberftthrte Priester 
nicht einmal vom Amte entfernt gehalten zu werden braucht f), und wie 
er angeleitet wird, die Frauen zu Meineiden zu verftihren, um den Ehe- 
bruch zu vefbergen ft), das ist oben aus der bertlhmtesten aller jesuitisch- 
ultramontanen Moraltheologien, aus der von den drei Papsten Gregor XVL, 
Pius IX. und Leo XIII. sanktionirten Moraltheologie des Heiligen Dr. Al- 
phonsus Maria de Liguori selbst nachgewiesen. 

Die Pflicht jedes Christen ist es, dass er Gott seine Siinden be- 
kenne und sein Herz Gotte hingebe; Siinde dagegen ist es fur eine Jung- 
frau und fiir eine Ehefrau, einem fremden Manne die Versuchungen, 
welehe sie gehabt und tiberwunden hat, — oder friihere Silnden, denen sie 
erlegen ist, und welehe sie jetzt abgelegt hat und bereuet, mit Verletzung 
ihres Schamgeftthles, wo moglich mit alien Nebenumstanden und mit Be- 
schreibung ihrer Geftihle zu erzahlen und dadurch sieh nooh einmal duroh 
den glilcklich Uberwundenen Sehmutz hindurch ziehen zu lassen und sich 
und ihn in schwere Versuchung zu bringen. Noch schwerere Siinde ist 
es, wenn die Ehefrau irgend einem Manne ausser dem Ehemanne fiber 
die geschlechtlichen Beziehungen zu ihrem Manne Mittheilungen macht, 
man kann dies einen Ehebruch nennen und wttrde dies der Frau wie 
ihrem Ehemanne, wenn es bekannt wilrde, die allgemeine Veraehtung' 
zuziehen. 

Pflicht jedes Hausvaters in der ultramontanen Kirche, der seine Haus- 
ehre hochhalt, ist es unter diesen Umstanden, seiner Erau diese Auszttge 
mitzutheilen, um sie und seine Toehter vor solchen Versuchungen zu be- 
wahren. 

Wer ein Christ sein und bleiben will, der darf weder den Herrn 
Christus, noch die Jtinger des Herrn oder irgend einen dem Herrn treuen 
Christen verfluchen. Wer ein Christ sein und bleiben will, der wird auch 
das Abendmahl in der Form geniessen, wie es der Herr Christus selbst 
eingesetzt hat, d. h. im Brode und Kelche. Der wird sein Herz Gotte 
geben, so dass Christus und Gott in ihm Wohnung maehen, ihn lieben 
und erlosen aus aller Gewalt der Peinde hier und dort. Ein Fegefeuer 
giebt es nach der Bibel fllr den Christen nicht, sondern der Ruf des 
Herrn in der Stunde des Todes zum Schfieher am Kreuze: „Wahrlich, 
„ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein ; ', der gilt auch 
fur jeden Christen, der dem Herrn Christus in treuer Liebe sein Herx 
hingiebt. 

**) Vergl. Seite 35 ff. 
f) Vergl. Seite 42—43. 
ft) Vergl. Seite 43-45 



Nacliwort. 



Es diirfte nicht uninteressant sein, zum Schlusse noch einen Blick 
auf die Bewegung zu werfen, welche das vorstehende BUchlein unsers 
Robert Grassmann in der Schriftstellerwelt der katholischen Kirche selbst 
hervorgerufen hat. Denn trotz aller der geharnischten Proteste und Er- 
widerungen seitens der ultramontanen Riehtung in der katholischen 
Kirche, trotz der Schriften des Prinzen Max von Sachsen, der Seidl, 
Dahms etc., die ja im Vorstehenden genilgend gekennzeichnet sind, ist 
das Schriftchen doch nicht ohne Erfolg geblieben. Es ist schon 
darauf hingewiesen, wie selbst bei einem so eifrigen Vertreter des Ultra- 
montanismus, wie der Pralat Dr. Keller, sich das deutsehe Blut doch 
nicht ganz verleugnen kano, und er das Zugestandniss maehen muss, 
dass Liguori in manchem doch zu weit gegangen sei. (Vergl. Seite 33, 37, 
57 etc.) Es kommt vielleicht die Zeit, wo Herr Pralat Dr. Keller auch 
aoch betreffs anderer Punkte zu der gleichen Ueberzeugung kommt. 

Aber glflcklicherweise hat der von unserm Robert Grassmann ange- 
fachte Streit iiber die Morallehre Liguoris auch eine ganze Reihe anderer 
wissenschaftlicher, kritischer Erorterungen tlber die Moralbehandlung auf 
romischer Seite zu Tage gebracht, in welchen die katholische Gelehrten- 
welt selbst die Reformbediirftigkeit derselben zugesteht und eine Um- 
wandlung verlangt. 

In dieser Beziehung giebt ein Aufsatz des Herrn Lie. 0. Kohlschmidt 
„Alphons Liguori im neuesten protesta'ntisehen und rbmischen Gericht" *) 
eine kurze aber dankenswerthe Uebersicht, aus der wir hier das Folgende 
entnehmen. 

Besonderes Aufsehen erregten — schreibt derselbe — in dieser 
Beziehung bereits im Frlihjahr 1901 die Aufsatze eines ^Universitats- 
lehrers" in der „Wissenschaftlichen Beilage zur Germania" S. 129 £f., 
141 ff., 148 ff., 154 ff., 162 flf., 180 ff., 243 ff., in denen mit scharfer 
Selbstkritik der katholischen RUckstandigkeit in Bezug auf die Moralbe- 
handlung „Ueber Aufgabe und Methode der Moral in der Gegenwart" 
eingehend verhandelt und dem bisherigen Moralbetrieb der Vorwurf gemacht 
wird, dass weite Gebiete des modernen Lebens, dazu die Lichtseiten 

*) Kirchliche Korrespondenz far die Mitglieder des Eyangelischen Bundei 
No. IV vom April 1902. 



Nachwort. 89 

der Ethik, christliche Tugend und Heiligkeit zu wenig berttck- 
sichtigt werden, und die systematische Behandlung der sittlichen Grund- 
fragen und Phanomene noch immer viel zu sehr ilberwuchert werde 
durch das Eingehen auf verwirrende, oft abstruse und an- 
stdssige Einzelheiten, dureh das starre Festhalten an der kasuistischen 
Methode: 

„Die Hauptfrage und Hauptsache isi hier die: Wie kann der 
Ponitent yon der Bahn des Lasters wieder zurUckgebracht und 
von den damonischen Fesseln einer sttndhaften Gewohnheit los- 
gemacht werden? Fur diese wichtige Aufgabe aber kann ein. 
detaillirtes Behandeln aller auf diesem Gebiet mog- 
lichen Verirrungen absolut nichts leisten." . . . „Im 
Gegentheil: Es wird in den weitaus meisten Fallen auf daa 
stindenbelastete Menschenherz das Nichtwissen der grass- 
lichsten Verirrungen, die auf diesem Gebiete moglich sind, 
einen weit tieferen, nachhaltigeren Eindruck machen, 
als wenn der Beichtvater sich, wie man sagt, mit alien Wassern 
gewaschen hat. Darin liegt fur den Ponitenten gerade das Tief- 
beschamende, wenn er erkennt, dass er die Grenze der ,normalen l 
hauflgen Verirrungen tiberschritten hat." 

So ist es kein Wunder, dass „oft gans gutgesinnte Laien 
ttber die Art der Fragestellung auf diesem Gebiete, die ihnen 
oder ihren Angehorigen begegnete, ihre EntrUstung unver- 
hohlen aussprechen". — In ahnlicher Weise, wie der „Universitats- 
lehrer" der ^Germania", iprach sich fast gleichzeitig die Litterarische 
Beilage zur „Koln. Volksztg." S. 131 ff., 139 ff., 155 ff. fttr Reform 
und zeitgemfisse Bereicherung des Moralunterrichts aus : „Eine dankbare 
Aufgabe filr die katholische Theologie" und urtheilte, dass die Erorterungen 
der Kasuisten beim Kapitel der ehelichen und ausserehelichen Verhaltnisae 
„nicht in ein Handbueh der Moral, selbst unter dem Gesichtspunkte 
der Beichtpraxis, sondern in das kanonisehe Strafrecht und in die Wissen- 
schaft des Arztes und Geburtslielfers" gelioren. Und ein katholischer 
Geistlicher in der „Neuen bayrisehen Landesztg." giebt dazu noch die 
weitere erbauliche Parallele: 

^Der Inhalt von Heines und Zolas Werken ist immer noch nicht 
so pornographisch, wiejene (namlich: Liguoris) Moraltheologie." 

Als Grund dafiir fiihrt aueh er und zwar in gut deutsch-bayrischen 
Tonen an, „die geistige und moralische Unselbststandigkeit, in welche 
„die deutsche katholische Theologie gerathen ist. Man hat bei uns sich die 
„grosste Mlihe gegeben, den deutschen Geist mit der Hollengabel auszu- 
„treiben und alles zu romanisiren, sogar den Kirchengesang und die Moral". 
Ja, noch eindringlicher erhob sich im April 1901-„Eine Kassandrastimme. 
Mahnwort an das katholische Schweizervolk von einem amtirenden 
rOmisch-katholischen Pri ester". ' (Zurich, Schmidt. 15 S., 30 Pf.). Im 
Hinblick auf den grossen Abfall der Gegenwart von der katholischen 



90 Nachwort. 

Kirche wird die Hauptschuld daran, neben der verkehrten Ausbildung 
der Priester und ihrer sklavischen Abhangigkeit von ihren Oberen, dem 
Jesuitismus und der herrschenden Moraltheologie zugeschrieben, 
Letztere, die nach Anleitung des heil. Alphonsus von Liguori „wohl 
durchweg in schweizerischen Priesterseminarien gelehrt wird", ist am 
Werke, „den Beichtstuhl zu einer Schule des gefahrlichsten 
Lasters zu machen": 

fl Anlasslich einer Volksmission in einer kleinen unverdorbenen 

Landgemeinde haben ,Sohne des heil. Franziskus' — durch 

frivole krasse Fragen unsagliches Unheil angerichtet. Die unbe- 

fangenen, unverdorbenen jungen Leute beiderlei Geschlechts 

wurden auf Dinge aufmerksam gemacht, wovon sie vorher 

keine Ahnung hatten. Die Unsittlichkeit, unnatUrliche 

Laster rissen ein und riehteten nun arge Verwustungen an. 

Ich konnte eine katholische Stadt nennen, wo gute katho- 

lische Mtttter ihre 15 — 20jahrigen Tochter nicht mehr 

zur Beichte gehen liessen, weil sie fur die Unschuld 

fttrchteten." 

Natlirlich sind derartige Pressstimmen — fahrt Herr Lie. O. Kohl- 

schmidt fort — die nicht nur dureh protestantische, sondern auch durch 

sonst gut katholische Blatter die Runde machten, ultramontanerseits nicht 

unbeantwortet geblieben. Gegen den Universitatslehrer der n Germania u 

und seinen Gesinnungsgenossen der „K6ln. Volksztg." hat der Jesuit 

Lehmkuhl, (vergl. Seite 3 und 9) in den „Stimmen aus Maria Laach" 

(1901,.l — 20) das Wort ergriflfen. Sein erstes Wort ist: 

fl Leider ist die Frage tiber die Behandlung der Moraltheologie in 
die Oeffentlichkeit geworfen. Sie spitzt sich zu in der Anklage, 
dass die katholische Kirche in der Behandlung dieser hochwich- 
tigen Disziplin und in der Heranbildung ihrer Priester im Riick- 
stande geblieben sei." 
Gegen diese Verhandlung in der Oeffentlichkeit wie fur die Priester- 
bildung wird geltend gemacht, dass beides durchaus eine „interne tt (!) 
kirchliche Angelegenheit sei, „da kommt alles von oben; das demokratische 
^Element der offentlichen Meinung hat dort keinen Platz." (!) Als scheinbar 
„berechtigte Klagepunkte" der katholischen Kritiker werden von Lehm- 
kuhl sodann zur Diskussion gestellt: 1. der behauptete Stillstand der 
rBmischen Moralwissenschaft; 2. der Mangel an systematischer positiver 
Behandlung; 3. das Ueberwuchern der n Idealmoral" durch die Schatten- 
seiten der Sittenlehre in der Kasuistik. Gegen jeden dieser Einwttrfe 
«rhebt Lehmkuhl seine Einwendungen und Limitationen, indem er insbe- 
sondere die verketzerte Kasuistik als fur die Priesterbildung durchaus 
npthwendig (!) warm in Schutz nimmt. Dabei ftlhrt er die Pflicht des 
Beichtvaters, auch aber die geheimsten Einzelvergehungen das Verh8r 
enzustellen, sogar auf Christi (!) Gebot zurttck, vergisst aber leider die 
Stelle anzufilhren, auf welche sich dieses Gebot Christi angeblich grtlnden 



Nachwort. 91 

noil. Im Neuen Testaments dUrfte er dieselbe auch nicht finden, das 
Uindert ihn aber nicht, trotzdem zu sagen: 

^Der Beichtvater, welcher nach Christi Geheiss und im Nameu 
„Christi ttber alle Stlnden nach Zahl und Art, auch Uber die ge- 
„heimsten und nur in Gedanken begangenen Siinden, zu richten 
„hat (Trid. 14, 5) . . . er soil unwissend sein diirfen in Dingen, 
„die der Strafrichter, vor den nur aussere Thatsttnden kommen, 
„genau wissen muss?" 
Und er setzt dann, wohl allzusehr bona fide, voraus: 

„Je besser der Beichtvater die erforderliche Kenntniss besitzt, 
desto sicherer und kiirzer (?) behandelt er diesen Gegenstand" 
(S. 17). 
Man sieht, auch diesem ergrauten jesuitischen Moralisten wird es 
cinigermassen bange bei dem Gedanken an die allzu lange und 
cingehende kasuistische Fragestellung, wennschon er ihre Nothwendig- 
kcit auf ein „Geheiss Christi" zuriickftthrt. Und er gesteht offen ein 
6 (S. 19): 

„Naeh dem heil. Alphons von Liguori ward ein Niedergang der 
Moraltheoiogie ganz sichtlich. Man braucht nur einen Blick zu 
werfen in die seichten und dilrren Lehrbiicher, welche in den 
letzten Jahrzehnten des 18. und den ersten des 19. Jahrhunderts 
erschienen, urn sich davon zu ilberzeugen." 
In einer weiteren Replik auf die Bntgegnungen der katholischen 
Theologen der „Kbln. Volksztg." (Nr. 29) und der „Germania K (Nr. 31) 
wird Lehmkuhl noch deutlicher (^Stimmen aus Maria Laach", 275 — 87): 
•lie „freundliche Umdeutung", dass mit jenen Klagen Uber die Mangel der 
kasuistischen Methode mehr die ihr folgenden Professoren getroffen, als 
die Kirche verurtheilt sein solle, lasst er nicht gelten, dieweil gerade die 
nfflzielle Kirche durch ihre Papste auch die Methode Liguoris mit ihrer 
/lutoritiit decke. Aber ihr gegenttber wird noch einmal konstatirt, dass 
die Laien sich der Kirche und ihren „von Christus eingesetzten" (!) 
hierarchischen Ordnungen durchaus zu ftigen haben. 

fl Diesbezttgliche Anordnungen und Einrichtungen unterliegen nicht 
der Kritik des Publikums; es ist nicht angangig, gegen derartige 
Anordnungen und Gutheissungen der kirchlichen Oheren bffent- 
liche Meinung zu machen und auf diese Weise ein anseheinendes 
Reformbedurfniss zu befriedigen" (S. 282/3), 
Und zum Schluss heisst es noch einmal (S. 287 wie S. 1): 

„Dann ist es wohl klar, dass Uber Lehrweise und Lehrmethode 

der Theologie das grosse Publikum nicht zu befinden hat und 

vor demselben auch nicht Kritik an derselben zu flben ist." 

Es gilt dem Jesuiten eben — sagt Lie. Kohlschmidt — fUr 

den r6mi8ch Gl&ubigen als striktes Gebot seiner Kirche: „Du sollst 

eeh weigen und nicht den Mund aufthun", und „ will's dir schier daa 



92 Nachwort 

Hera verbrennen". — Und, fiigt er hinzu: Wir brauchen wohl diese* 
Selbstkritik dee Jesuitenpaters tlber die Pest, die freilich am liebsten 
i,im Verborgenen schleichet", kein Wort hinzuzuftigen. 

Und in der That, kann es etwas Antichristlicheres geben, als 
diese Ausftihrungen des augenblicklich vielleicht hervorragendsten Vertreters 
des Jesuitismus. Wahrend Jesus Christus in die Welt gekommen ist, dasa 
er die Menschen selig mache, ist nach diesem Lehmkuhl'schen Jesuitismus 
die Gemeinde nur eine, quantity negligeable. Kann es eine grossere 
Anmassung, einen grosseren geistigen Hochmuth geben! „Anordnun- 
„gen und Einrichtungen unterliegen nicht der Kritik des Publikums d. h. 
„der Gemeinde!" „Es ist nicht angangig, gegen Anordnungen und Gut- 
„heissungen der kirchlichen Oberen offentliche Meinurig zu machen und 
„auf diese Weise ein anscheinendes Reformbedurfniss zu befriedigen". „Es ; 
kommt alles von oben." — Was heisst das Anderes, als den ftussersten 
Absolutismus in der Kirche predigen, als das Bekannte: l'etat c'est 
moi auf die Kirche (ibertragen zu wollen. Nach Lehmkuhl ist eben die 
jesuitische und ultramontane Hierarchie die — ganze Kirchef 
Nach Lehmkuhl ist nicht die Kirche der Menschen wegen, sondern sind 
die Menschen der Kirche wegen da! Die Gemeinde ist alleufalls gut 
genug zu zahlen, im tlbrigen aber hat sie, auch bei dem starksten ' 
Reformbedurfniss — den Mund zu halten! Und wenn es sich wirklich 
noch um eine „interne" Angelegenheit der Kirche handelte! Aber haben ': 
denn z. B. Staat und Haus nicht eben so grosses Interesse an richtiger ; 
Moralbehandlung wie die Kirche selbst? 

Doch neben Lehmkuhl — fahrt Herr Lie. 0. Kohlschmidt fort ' 

hat noch eine ganze Reihe von romischen Autoren zur Feder gegriffen, 
sei's die katholischen Anklagen gegen die romische Beichtmoral zu ent- 
kraften oder zu bestatigen. Im „Mainzer Katholik" 81, 2, 35 ff., 104 ff. 
wird die „Reform der Moraltheologie" als aktuelle Frage, doch als Frage 
behandelt, wogegen Aug. Muller im selben „Katholik" 81, 2, 346-— 60; 
402—25 die Reformbedilrftigkeit erhartet. Ebenso wird im „Pastor 
bonus" S. 433 ff., 482 ff. die Frage aufgeworfen und theil weise be : 
j ah end beantwortet: „Ist die Behandlung der Moraltheologie verbesse- 
rungsbedtirftig?" Und F. Franz widmet in der Innsbrucker „Zeitschr. fur 
kath. Theologie", 577— 593, der „Behandlung der sexuellen Siinden in 
der Moral" eine besond ere Abhandlung. Ja, die neubegriindete Miinster- 
sche „Theol. Revue" (herausgegeben von Franz Diekamp) inaugurirte ihr 
Erscheinen in Nr. 1 und 2 mit einem Aufsatz von Mausbach iiber „Die 
neuesten Vorschlftge zur Reform der Moraltheologie und ihre Kritik", in 
welchen neben der Kritik an den Reformvorsehlagen doch auch ihre \ 
weitgehende Berechtigung zugegeben wird. ■'— "■ 

Aber Mausbach hat aiich noch eine gewichtigere Schrift fiber „Die 
katholische Moral,- ihre Methode, Grundsatze und Aufgaben. Ein Wort 
zur Abwehr und zur Verstandigung" als Vereinsschrift der GOrrefi-Ge- 
sellsehaft ausgehen lassen (Koln 1901). Und im Schlusswort zu der in' 
den. „Forschungen zur Christlichen Litteratur- und Dogmengeschiehte^ j J 






Nachwort. 93 

( lierauegegeben von R. Ehrhard u. S. Kirseh II, 3) erschienenen Mono- 
graphic von Frz. Meffert: „Der heiL Alfons von Liguori, der Kirchen- 
lohrer und Apologet des 18. Jahrhunderts" geht der Autor im Anschluss 
mi die schon zehn Jahre zuvor entstandene Hauptarbeit auch auf die 
nouesten Yor- und Einwflrfe gegen den Helden seiner Preisarbeit ein. Er 
bekennt: 

„Man kann ja beztlglich der Kasuistik, hinsichtlich der Grenzen 
ihrer Ausdehnung sehr verschiedener Meinung sein, und wir 
geben ohne weiteres zu, dass auf diesem Gebiete manchmal 
viel su viel geschehen ist," (S. 269.) 
"Waiter: 

„Eine objektive Wiirdigung des Heiligen fordert, ihn als Kind 

seiner Zeit zu nehmen. Gebildet am rSmischen Kecht, benutzte 

er seinen ganzen Scharfsinn, nicht urn die sittlichen Probleme 

wissensohaftlich zu erharten, auch nicht urn wirklich praktische 

Falle gewissermassen als Illustrationen seiner Darlegungen ein- 

zuschieben, vielmehr um zahlreiche fiktive Falle zu schaffen, 

durch welche, wenn auch nicht alien, so doch den meisten 

Moglichkeiten der Praxis begegnet werden sollte." 

Doch ist es dabei, nach dem Verfasser gliicklicherweise nicht ge- 

Wieben. Die katholische Moraltheologie zeigt Fortschritte Uber Liguori 

ihinaus. Ist das nicht auch ein Urtheil? 

Und endlich jenem schweizerischen „amtirenden romisch- katholischen 
'< reistlichen" mit seiner „Kassandrastimme" entgegen hat der Luzerner 
Kanonikus und Prof, theol. A. Meyenberg seine Stimme erhoben: „Die 
Itatholische Moral als Angeklagte" (Stans, 1901), um dem vermeintlichen 
/errbild „ein Bild der katholischen Sittenlehre" als „Idealmoral" gegen- 
(iberzustellen. Doch auch er muss das Moralwerk des gefeierten Kirchen- 
l«hrers als „wissenschaftliche Pathologie der Moral" bezeiehnen 
(S. 69). Zwar meint er, „auch fUr Alphonsus gait die kasuistische 
Moral nur als eine Dienerin" (8. 80) und „Liguoris Vorliebe fUr dieselbe 
muss durchaus den Zeitumstanden zu gute gerechnet werden. Die Zeit 
ist auch durch ein Ueberwuchern der Kasuistik charakterisirt. Das aber 
ist immer ein Ungltick" (S. 80). Es ist in der That „eine niedrige 
und unangenehme Arbeit", der sich „Alphons und nach ihm auch ein- 
i /eine Neuere im Interesse der Beichtstuhlpraxis uhterzogen" haben (S. 90); 
ihr Studium soil „einmal, aus Berufspflieht, ernst betrieben Und dann 
liegen gelassen werden" (S. 93). „Endlich ist es eine geschichtliche 
Thatsache, dass in der ganzen katholischen Welt und unter den Augen 
des Papstes Lehrsatze und Eutscheidungen des heil. Alphohs bestritten, 
aufgegeben, modiflzirt werden." 

Ja, das ist thatsachlich in unseren Tagen geschehen und zwar trotz 
der klaren papstlichen Entscheidurigen eines Gregor XVI., Pius IX. und 
Leo XIII., die Seite 18 — 21 mitgetheilt sind; wir rechnens — ■ sagt Lie. 
0. Kohlschmidt — den katholischen Theologen, die es gewagt 
haben, zur Ehre an. Mittlerweile aber soil dem Professor Koch die 



94 Nachwort. 

Fortsetzung seiner kritischea Aufsatze fiber die rSmische Moraltheologie 
verboten worden sein, und er hat sich geffigt. Das ist auch ein 8ttick« 
rbmisches Selbstgericht fiber rOmische Moral, aber ein traurigestl 

Aber selbst wenn der Jesuitismus und Ultramontanismus diesem oder 
jenem der erw&hnten katholischen Theologen die Fortsetzung. seine* .' 
kritischen Aufsatze fiber rdmische Moraltheologie verboten haben sollte' 
oder verbieten wtlrde, wir dttrfen doch hoffen und erwarten, dass der 1 
einmal ins Rollen gebraehte Stein sich nicht mehr wird auf- 1 
halten lassen! Ist doch jedes solches Verbot an katholische Theologen 
Uber die Moraltheologie Liguoris oder anderer Kirchenlehrer seines Schlages ! 
ein Wort freier Forschung und eigenster Ueberzeugung schreiben zu durfen, ; 
auch ein Stuck Selbstgericht tlber diese romische Moral, aber ein recht-, 
trauriges. Und darum wird auch hier trotz aller jesuitisch-ultramontanen " 
Bemtihungen das Wort Galil'eis sich bewfthren : Und sie bewegt sich doch ! 
Hoffentlich erleben wir es noch, dass deutsche katholische Theologen, 
Manner ernster deutscher Wissenschaft, sich nicht mehr von dem: 
weit ungebildeteren und unwissenden italienisch - romischen; 
Klerus den Mund verbieten lassen! Jedenfalls wird die Wahr- 
heit sich nicht aufhalten lassen. Der Gegensatz zwischen frommer 
christlicher, katholischer und evangelischer Sitte und rein jesuitischer Moral' 
wird weiter auseinander klaffen! Der Sieg der einfachen und doch so; 
erhabenen Sittenlehre Jesu Christi und der Apostel fiber alle menschlichen; 
Verhunzungen derselben, auch fiber die Moraltheologie eines Liguori, kana 
auf die Dauer nicht ausbleiben. 



-♦+o^»o*-*- 



Inhalts-Verzeichniss. 

Beit* 

Einleitung 3 

Aus dem Yorwort der ersten hundert Auflagen 16 

Erster Abschnitt: Die Theologia moralis des St. Dr. Alphonsus Maria 
de Liguori ist nach den Papsten Gregor XVI, Pius IX und 
Leo XIII die Norm fur die Moral. 

1. Die Theologia Moralis des St. Dr. Alphonsus Maria de Liguori ist in 
Regensburg bei Manz 1879 — 1881 in acht Banden gedruckt 18 

2. Die Papste Gregor XVI, Pius IX and Leo XIII haben de Liguori's 
Moraltheologie als die sichere Norm fiir alle Fragen der Moral, als die 
sichere Norm, welcher die Geistlichen als Leiter des Gewissens zu folgen 
haben, empfohlen . . 1$;k 

3. Die rdmischen Priester sollen diese Moraltheologie stets und standig 
studiren 21- 

4. De Liguori's Moraltheologie lasst das sittlich Erhebende vermissen, 
enthalt aber dafiir eine oft bis zum Aeussersten gehende Beschreibung 
aller Arten von Unzucht .". 22 , 

Zweiter Abschnitt: Die Ohrenbeichte der Ehefrauen und die Ge- 
stattung des Ehebruchs nach Liguori. 

1. De Liguori kennt nicht den ,Segen einer ehristlichen Ehe, sondern be- 
handelt nur den Akt der Begattung ,. . 26 

1. Liguori verpflichtet den Beichtvater zu den unziichtigsten Fragen an 

die Ehefrauen uber den Akt der Begattung 28 

3. i Die rOmische Kirche verbietet den Priestern die Ehe. Liguori schafft 

den Ausweg, dass sie mit beichtenden Frauen Ehebruch treiben k5nnen, 
ohne eine Denunziation ernstljch befiirchten zu mussen 33 • 

4. De Liguori leitet zur Verheimlichung des Ehebruchs die Ehefrauen zum 
Meineide an 43 

Di'itter Abschnitt: Die Ohrenbeichte der Jungfrauen und Madchen. 

1. De Liguori lasst das den Jungfrauen von Gott zum Schutz gegebene 
Schamgefiihl zerstoren 45 

2. De Liguori ist gegen die Unzucht mit den beichtenden Jungfrauen und '"",' 
Madchen ebenso nachsichtig wie bei den Frauen. Auch hier hat nach 

ihm der Priester eine Denunziation kaum ernstlich zu fiirchten B3 

3. De Liguori leitet zur Verheimlichung der Unzucht auch die Jungfrauen 
und Madchen zum Meineide an 56 

Tierter Abschnitt: Der Probabilismus in Liguori's Moraltheologie. 

1. Die probable Meinung statt des Gewissens 68 

2. Der probable Eid statt des gewissenhaften Eides 69 

Fiinfter Abschnitt : Die Erlosung der katholischen VSlker aus der 
Ohrenbeichte Liguori's. 

1. Das Verderben der Volker unter dem Ultramontanismus und Jesviitismus 60 ? : 

2. Die Priester der rfimischen Kirche verlangen das Recht der Ehe, aber 

das Papstthum verbietet die Priesterehe 70 • 

3. Die Pflicht des ehristlichen Priesters in der rOmischen Kirche 11 

i. Die\Pflioht des Laien in der" rSmischen Kirche 84 

Bfachwort . . 88 



V 



In Rober t Grassmann's Verlag-Stettin sind erschienen : 

R. Grassmann, Die christliche Gottesiehre oder die strong wlssen- 

SChaftliohe Theologie, gegritndet auf die Gesetze Gottes in 

der Natur und auf Gottes Lehre in der Bibel. Zwei Bande, 

627 Seiten, Stettin 1900. Preis 6,50 M. 
R. Grassmann, Die Geschichte des Gottesreiches nach streng 

wissen8Chaflllcher Forschung. Zwei Bande, 886 Seiten. 

Stettin 1900. Preis 9M. ' 
R. Grassmann, Die wissenschaftliche Feststellung von Ort und 

Zeit fiir die biblische Geschichte des Alten Testamentes, 

Zweite Auflage. Stettin 1900. Preis 50 Pf. 
R. Grassmann, Die wissenschaftliche Feststellung von Ort und 

Zeit fiir die biblische Geschichte des N euen Testamentes. 

Zweite Auflage. Stettin 1900. Preis 50 Pf. ■ 
R. Grassmann, Biblische Geschichte fiir Landschulen. Alter Bibel- 

text mit neuer Orthographic. Stettin 1903. Preis 50 Pf., 

geb. 75 Pf. 
dgl. fiir Landschulen. Mit neuer Orthographie und umgearbeitet 

nach dera von der deutschen evangelischen Kirchenkonferenz 

zu Eisenach genehmigten Bibeltexte. Stettin 1903. Preis 

50 Pf., geb. 75 Pf. 
dgl. fiir Stadtschulen. Alter Bibeltext mit neuer Orthographie, 

Stettin 1903. Prei3 80 Pf., geb. 1 M. 
dgl. fiir Stadtschulen. Revidierter Bibeltext (aiehe Landschulen) 

mit neuer Orthographie. Stettin 1903. Preis 80 Pf., geb. 

1 M. 
dgl. fur hohere Schulen. Altes Testament. Revidierter Bibel- 
text mit neuer Orthographie. Stettin 1903. Preis 60 Pf. 
dgl. fijf hohere Schulen. ■. Neues Testament. Revidierter Bibel- 
text mit neuer Orthogj&phie. ' Stettin 1903. Preis 60 Pf. 
dgl. nach denErgebnissen derstrengwissenschaftlichen 

Forschung. Stettin 1901. Preis 80 Pf. 
R. Grassmann, Das Leben Jesus. Stettin 1900. Preis 40 Pf. 
R. Grassmann, Die wissenschaftliche Feststellung von Ort und 

Zeit fiir das Leben Jesus. Stettin 1900. Preis 50 Pf. 
R. Grassmann, BHefe an seine Heiligkeit den Papst. Achte 

Auflage. Stettjn 1904. Preis 50 Pf. 
R. Grassmann, Die Verfluchtingen und Besohimpfungen des Herrn 

Christus und der Christen durch die Papste etc. Stettin 

1900. Preis 40 Pf. 
R. Grassmann, Die Christen und die Antlchrlsten in der rbmlsch- 
-'- : ::^ katMMh : (%V'K>lr«lie, Stettin 1901. Preis 40 Pf. 
R. fGrassmann, Ausziige aus der Moraltheologie des de Liguori, 

umgearbeitet von Dr. 0. Grassmann. Stettin, 1908. 

356— S58t^,T8usend. Preis 30 Pf. 

Die wlssenscliaftiichen andern Ztrelge siehe auf der 
1 Innenseite. 



In Robert Grassmarm's Verlag-Stettin sind erschienen: 

Mathematische Werke. 

R. Grassmann, Zahlenlehre. (241 s.) 1900. 2 M. 

R. Grassmann, Funktionenlehre. (189 S.) 1900. 1,75 M. 

R. Grassmann, Differential- unci Integralrechnung in 103 Siitzen 

(leicht zu lemon). 1900. 40 Pf. 
R, Grassmann, Aufgaben zu den Gleichungen ersten Grades mit 
• einer und mehreren Unbekannten. Stettin 1898. Preis 10 Pf. 
R. Grassmann, Auflbsungeh zum Aufgabenheft der Gleichungen 
ersten Grades, Stettin 1898. Preis 40 Pf. 

Philosophische Werke. 

R. Grassmann, Geschichte der Philosophie. (98 S.) 1900. 1 M. 

R. Grassmann, Sprachlehre. (216 S.) 1900. 2 M. 

R. Grassmann, Logik. (119 S.) 1900. 1 M. 

R. Grassmann, Denklehre oder die Lehre, welche Art'en der wissen- 

schaftlichen Denkakte sine! dem Menschen m5glich,in stronger 

Formelcntwicklung mit Formellmch (582 Seiten). 1890. 6 M. 
R. Grassmann, wlssensohaftliche Erkenntnis der Ausenwelt. Die 

Basis jeder Philosophie. (284 S.) 1900. 2,50 M. 
R. Grassmann, Wesenslehre. ' Die philosophische Lehrc der Ether- 

und Korperwesen, der Menschen und Gotteswesen. (628 S.) 

1900. 6 M. 

Naturwissenschaftliclie Werke. 

R. Grassmann, Physik. (130 S.) 1900. 1 M. 

R. Grassmann, Physik, Chemie und Krystailonomie oder die Ge- 

sel.ze der unorganischen Wcsen. (350 S.) 1900. 3,50 M. 
R. Grassmann, Physiotogie der Pflanzen. (301 S.) 1900. 3 M. 
R. Grassmann, Physiologie des Men?chen und der Wirbeltiere. 

(638 S.) 1900. 6 M. 
R. Grassmann, Geschichte der Gebirge und Gesteine der Erde. 

(273 S.) 1900, 2,50 M. 

Staatswissenschaftliche Werke. 

R. Grassmann, Menschenlehre. (432 S.) 1900. 4,50 M. 

Es ist dies Bueh sowohl in der gesamten dcutschen, wie in 
der gesamteii auslSndischen Literatur das einzige Werk, 
welches uns die Vorgange im Menschen verstehen lchrt und 
. uns die geistigen Vorgange im.. Menschen ganz so darstellt, 
wie sie sind. Kein anderes Werk hat die geistigen Vor- 
gange im Menschen soweit verfolgt und durch Abbildungen 
zur Anschauung gebracht, dass man verstehen kann, wie es 
geschieht, class, . wenn sich' der Mensch an eine gesehene 
Aussicht erinnern will,, dass dann sofort die ganze Aussicht 
mit ihren unziihligen Teilchen vor seine Seele tritt und so 
Iange bleibt, als er dartiber Betrachtungen anstellen will. 
-r- Kein anderes Buch fiihrt den Loser so in das Verstandnis 
des geistigen Lebens ein. Kein anderes lehrt ihn, wie er 
seihen Geist und sein Gedachtnis weiter bilden' und er- 
weitern kann. 

R. Grassmann, Haus und Gewerbe. (396 S.) 1900. 4 M. 

R. Grassmann, Staatslehre. 2 Hande. (1139 S.) 1900. 10 M.